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    V. Lamon Zuchuat, Trois pommes pour un mariage (Beate Schuster)

    Francia-Recensio 2010/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Valérie Lamon Zuchuat, Trois pommes pour un mariage. L'Église et les unions clandestines dans le diocèse de Sion 1430–1550, Lausanne (université de Lausanne) 2008, 304 p. (Cahiers lausannois d’histoire médiévale, 46), ISBN 2-940110-59-X, EUR 24,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Beate Schuster, Straßburg

    In der Erforschung der mittelalterlichen Lebenswirklichkeit bleiben blinde Flecke. Wir wissen viel zu wenig über die ohne Vertrag und kirchliches Ritual geschlossenen Ehen der Mittel- und Unterschichten. Der Schwerpunkt der deutschen Forschung liegt bislang auf der städtischen Reglementierung der »Winkelehen« und ihren Folgen für die Unterschichten. Die von Valérie Lamon Zuchat herausgegebenen und von Pierre Dubuis ins Französische übersetzten Prozess- und Notariatsakten des Sioner Kirchengerichts bieten eine Möglichkeit, sich dieser sozialen Praxis von einem anderen als dem stadtobrigkeitlichen Blickwinkel anzunähern. Die Studie ediert Klagen auf Ehe, in denen Männer und Frauen aus den Dörfern um Sion gegen ihren Partner vorgehen, um diesen zu einer kirchlichen Trauung zu verpflichten bzw. eine Trauung mit einer anderen Person zu verhindern. Selbst wenn von Notaren und Klerikern verfasste Akten die Wirklichkeit keineswegs unmittelbar widerspiegeln, erlaubt es die kirchlicherseits nie angezweifelte Verbindlichkeit »heimlicher« Ehen den Klägern, angstfrei von der Konstituierung solcher Verbindungen zu berichten.

    Mit insgesamt 44 Dokumenten und einer zeitlichen Streuung von 1430 bis 1553 ist der zugänglich gemachte Überlieferungsstrang breit genug, um über den Einzelfall hinausgehende Überlegungen anzustellen und Veränderungen in der Motivation der Klagen zu konstatieren. So bedauerlich es von einem systematischen Standpunkt aus sein mag, dass die Urteile in ihren formalen Bestandteilen gekürzt sind, ihre Auswahl auf den Zufall der Entdeckung zurückgeht und ihre Übersetzung mehr sinn- als wortorientiert ist, der Wert des Materials bleibt von solchen Einschränkungen unberührt.

    Auch ohne statistische Repräsentativität ist es bemerkenswert, dass genauso viele Männer wie Frauen als Kläger auftreten. Es handelt sich, anders als gemeinhin angenommen, bei den Klagen auf Ehe in Sion also keineswegs um ein Mittel betrogener Frauen, nach vollzogenem Geschlechtsverkehr ihren Anspruch auf Ehe geltend zu machen. Gegen eine solche Deutung spricht auch, dass sich die Frauen der Aussichtslosigkeit ihres Vorgehens bewusst gewesen sein müssen. Da ein Reinigungseid des Beklagten genügte, um eine Verbindung als nicht verpflichtend einstufen zu lassen, wundert es kaum, dass nur zwei von vierundvierzig Klagen erfolgreich sind. Eine so offensichtliche Chancenlosigkeit zwingt dazu, die Frage nach dem sozialen Sinn der Klagen neu zu stellen. Geht es hier wirklich um die Durchsetzung einer offiziellen Eheschließung? Eine zunehmende Fokalisierung auf den sexuellen Aspekt im 16. Jahrhundert und das wiederholte Auftreten schwangerer Frauen seit den 1530er Jahren machen es denkbar, dass manche Frauen die Möglichkeit einer solchen Klage nutzten, um sich vor Verruf zu schützen. In anderen Fällen legt die Formulierung die Absicht nahe, dass der Verlassene den ehemaligen Partner zu einem Meineid zwingen und damit über eine Schädigung seines Seelenheils Rache üben will.

    Typisch für die Klagen des 15. Jahrhunderts ist demgegenüber, dass die Verbindungen – der Aussage des Klägers nach – über eine Willenserklärung oder ritualisierte Verhaltensweisen, wie den Austausch eines Geschenks oder das gemeinsame Trinken, gestiftet werden. Diese haben in der Vorstellung des Klageführenden auch dann Gültigkeit, wenn das defensive Verhalten des Partners offenkundig macht, dass er keine klare Position beziehen will. Selbst alltägliche Handlungen, wie das gemeinsame Betreten oder Verlassen eines Raums, oder spielerische Auseinandersetzungen, die Rückgabe eines entwendeten Hutes oder das Schlagen mit einem Stock, können nach einem entsprechendem Ultimatum (»Lass uns gemeinsam eintreten zum Zeichen, dass wir verheiratet sind« bzw. »Ich gebe dir den Hut zurück zum Zeichen, dass wir Frau und Mann sind«) als Beweis für den Konsens, und das heißt als Heiratsbeleg, angeführt werden. Selbst wenn das Gericht solchen impliziten Zustimmungen keinerlei Beweiskraft zuspricht, bleibt offen, ob es sich hier nicht um eine durchaus effiziente Form von psychologischer Druckausübung handelt, die sich weniger an der kirchlichen Vorstellung einer Konsensehe als an einer allgemein anerkannten Verpflichtungskraft von Versprechen orientiert.

    Eine weitere Annahme der bisherigen Forschung wird von den Akten aus Sion erschüttert. Dem Urteil des dortigen Kirchengerichts zufolge ist das Leben in einer häuslichen Lebensgemeinschaft nicht gleichbedeutend mit einer Heirat, selbst wenn diese allgemein bekannt und anerkannt war. Das zeigt der Fall eines Mannes, der nach zwei Jahren gemeinsamen Lebens von jeder Verpflichtung freigesprochen wird. Hier kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, die heimliche Eheschließung fungiere als Deckmantel für Lebensgemeinschaften oder »Probeehen« auf Zeit. Der Gang vor das Gericht würde dann das Ende der Partnerschaft und die wiedergewonnene Freiheit beider Partner für neue Verbindungen markieren.

    Die vorangestellten Überlegungen stellen Denkansätze dar, um das bereitgestellte Material fruchtbar zu machen. Das ist deshalb notwendig, weil die Studie Valérie Lamon Zuchats in der ersten Hälfte des Buchs diesem Anspruch nur ansatzweise gerecht wird. Es handelt sich hierbei um eine an der Universität Lausanne verfasste Lizenziatsarbeit, die vom abgedruckten Quellenkorpus, aber auch weiteren, nicht veröffentlichten Dokumenten ausgeht. Die Verfasserin gibt vor, die Haltung der Kirche und der Bevölkerung gegenüber den »heimlichen Ehen« ergründen zu wollen. In der Studie schenkt sie aber dann der Beschreibung des angeblichen Eheschließungsrituals durch den Kläger weit mehr Beachtung als der Perspektive des Gerichts oder der der Gegenpartei. Trotz des eingangs abgelegten Bekenntnisses zur Sozialgeschichte bleibt die Untersuchung so im Grunde rechtsgeschichtlichen Denkweisen verhaftet.

    Hinzu kommt, dass dem Konflikt zwischen den Heiratsfähigen und ihren Familien, einem in der Forschung durchaus thematisierten Aspekt solcher Klagen, keine Beachtung geschenkt wird. Das liegt auch daran, dass die Autorin eine Zugehörigkeit aller Kläger und Beklagten zur bäuerlichen Oberschicht postuliert und die Bedeutung der Gefühle für die Konstituierung von Lebensgemeinschaften unterschätzt. So wird jede Infragestellung einer Lebensgemeinschaft zu einem familienpolitischen Schachzug, bei dem es letztendlich nur um Besitz geht. Der Austausch von Naturalien zur Bestätigung der Heirat und die in den Erzählungen immer wieder dokumentierte Arbeit der Beteiligten auf dem Feld oder sogar in der Walkmühle lassen jedoch auch eine Zugehörigkeit der Betroffenen zur Mittel- und Unterschicht denkbar erscheinen. Ist die Vorstellung einer Zuneigung zwischen sozial Ungleichen mit Hoffnung auf eine Heirat über die Standesgrenzen hinaus wirklich so absurd? Wir wissen aus den mittelalterlichen Städten, dass solche Verbindungen bestanden. Warum sollte dies auf dem Land unmöglich gewesen sein? Die heimliche Ehe wäre dann eine Praxis, die solchen Verbindungen zumindest eine zeitlich befristete Chance ließ. Und wer sagt uns, dass alle heimlichen Ehen zum Scheitern verdammt waren? Geht man nicht der Perspektive der Quellen auf den Leim, wenn man von der relativen Häufigkeit der Eheklagen auf die Instabilität solcher Verhältnisse zurückschließt?

    Insgesamt bleibt die Arbeit damit hinter dem zurück, was man von einer in Buchform veröffentlichten Auseinandersetzung mit so aussagekräftigen Quellen erwarten kann. Als Einleitung für die publizierten Dokumente behält sie freilich ihren Wert. So bleibt es letztendlich dem Leser überlassen, die Akten des Kirchengerichts zum Sprechen zu bringen. Das ist mühsam und zeitraubend, aber es lohnt sich. Im Hinblick auf den aktuellen Forschungsstand kann man nur hoffen, dass weitere Publikationen ähnlicher Quellensamples aus anderen Regionen erfolgen.

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    PSJ Metadata
    Beate Schuster
    V. Lamon Zuchuat, Trois pommes pour un mariage (Beate Schuster)
    CC-BY-NC-ND 3.0
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    V. Lamon Zuchuat, Trois pommes pour un mariage (Beate Schuster)
    In: Francia-Recensio 2010/3 | Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-3/MA/zuchuat_schuster
    Veröffentlicht am: 29.07.2010 17:49
    Zugriff vom: 17.01.2020 19:40
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