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    S. Faroqhi, G. Veinstein, Merchants in the Ottoman Empire (Klaus Kreiser)

    Francia-Recensio 2010/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Suraiya Faroqhi, Gilles Veinstein, Merchants in the Ottoman Empire, Leuven (Peeters Publishers) 2008, XLIV–355 p. (Collection Turcica, XV), ISBN 978-90-429-2025-5, EUR 65,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Klaus Kreiser, Berlin

    Die Forschungsliteratur zum osmanischen Handel ist in dem halben Jahrhundert seit Traian Stoianovichs wegweisendem Artikel über den »Conquering Balkan Orthodox Merchant« 1 um viele wichtige Arbeiten angewachsen. Halil İnalcık, Süreyya Faroqhi und Bruce McGowan veröffentlichten 1994 für aufeinanderfolgende Zeiträume verdienstvolle Überblicke auf die wesentlichen Handelsplätze, -räume und -güter 2 .

    Nun haben Süreyya Faroqhi und Gilles Veinstein als Herausgeber die Collection Turcica um einen gewichtigen, themenreichen und – nicht zuletzt – an vielen Stellen spannend zu lesenden Band bereichert. In »Merchants in the Ottoman Empire« stehen – im Gegensatz zu der Handbuchliteratur – nicht Produkte, Preise oder Routen im Mittelpunkt sondern Menschen. Die Kaufleute erhalten hier ein Gesicht als Individuen, in Familienverbänden und Gesellschaften und nicht zuletzt in der großen Politik. Gegenstand des Bandes sind vor allem Personen, die vom osmanischen Hafenstädten aus Fernhandel im Mittelmeerraum betrieben. Sie waren nicht in allen Fällen ›gelernte‹ Kaufleute, viele widmeten sich dem Kommerz neben ihrem Hauptberuf als zivile oder militärische Amtsträger, wenn es etwa um die Belieferung Istanbuls mit Getreide und andere Lebensnotwendigkeiten der gefräßigen Metropole ging. Osmanische Gesandte nach Venedig führten aber auch regelmäßig, zum großen Verdruss des Senats, Schiffsladungen mit Waren mit sich, die man beim besten Willen nicht als valise diplomatique durchgehen lassen wollte.

    Die Herausgeber ordneten ihren Stoff um vier Bereiche: Fünf Artikel kreisen um die venezianische »connection«. Die sechs Beiträge zum 18. Jahrhundert befassen sich größtenteils mit griechischen Themen. Ein weitererer Block ist mit sprechenden Anführungszeichen den foreign merchants auf osmanischem Boden gewidmet. Die letzten beiden Arbeiten stehen unter der etwas verlegenen Überschrift »The Vicissitudes of Modern Times«. Man soll, sich davon nicht abhalten lassen, die wahrhaft dramatischen »Wechselfälle« im Leben des armenischen Großfinanciers Mikrdch Cezayirliyan nachzuverfolgen (Mustafa Erdem Kabadayı).

    Maria Pia Pedani Fabris knüpft in ihrem sehr dichten Exposé über »Diplomacy and Trade« in Venedig an frühere Studien an. Nicht ohne frische Quellen auszuwerten, kommt sie zu dem Schluss, dass die osmanische Präsenz an der Lagune in manchen Perioden viel dichter war, als die Forschung annahm. Der Südosteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt hat sich den levantinischen Familien im osmanischen Reich schon früher gewidmet. Hier arbeitet er die Unterschiede zwischen den Istanbuler und smyrniotischen sozialen Eliten, die nach seinen Worten aber keine kulturelle Führungsschicht waren, heraus. Während in İzmir eine Art » endogamie professionelle « (nach der im selben Band vertreten Autorin Marie-Carmen Smyrnelis) vorherrschte, gingen die katholischen Familien Istanbuls im Laufe des 19. Jahrhunderts Heiratsallianzen mit Vertretern europäischer Handelshäuser ein, woraus eine neue »élite commerciale levantine« entstand. Überzeugend gelingt es ihm, faktische und symbolische Merkmale dieser Bourgeoisie freizulegen (»Sur la voie de la bourgeoisie d’affaires? L’élite sociale levantine à Galata-Péra et à Smyrne au XIX e siècle«).

    Ein weiterer Beitrag kann zitiert werden, um die Spannweite des Bandes zu dokumentieren. Daniel Panzac kommt in »Les affréteurs de navires à Istanbul dans la seconde moitié du XVIII e siècle« nach der Durchsicht von mehr als Tausend Charterverträgen ( contrats en caravanes ) zu dem Ergebnis, dass 95% der Personen, die Verträge mit westlichen Schiffseignern schlossen, Muslime waren. Als Motive für diese Handelsform nennt er die Knappheit des osmanischen Schiffsraums, die höhere Kompetenz der westlichen Seeleute und die Furcht vor Korsaren.

    Selbstverständlich wurden auch in diesem Band die klassischen Themen der Handelsgeschichte nicht ausgespart. Wir finden eine Diskussion (Gilles Veinstein) der Maximalpreisproblematik ( narh ) verbunden mit den letztlich vergeblichen Anstrengungen venezianischer Händler auf dem Basar ihre Importwaren direkt an den Mann zu bringen. An anderen Stellen werden vertragsrechtliche Aspekte behandelt und auch die materielle Seite kommt eindrucksvoll zu ihrem Recht (etwa Olga Katsiardi-Hering zum berühmten »Türkisch Roth« genannten Exportschlager).

    Der Band von Suraiya Faroqhi und Gilles Veinstein bietet ein buntes Panorama der ost-westlichen Welt, das auch Leser ohne intensive wirtschaftsgeschichtliche Interessen faszinieren wird.

    1 Traian Stoianovich, The Conquering Balkan Orthodox Merchant, in: Journal of Economic History 20/2 (1960), S. 234–313.

    2 Halil I ̇ nalcık, Donald Quataert (ed.), An Economic and Social History of the Ottoman Empire 1300–1914, Cambridge 1994.

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    PSJ Metadata
    Klaus Kreiser
    S. Faroqhi, G. Veinstein, Merchants in the Ottoman Empire (Klaus Kreiser)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Südosteuropa, Balkanhalbinsel, Jugoslawien (1918-1991), Türkei, Osmanisches Reich
    Wirtschaftsgeschichte
    Neuzeit bis 1900
    4075720-1 4023222-0 4128272-3
    Osmanisches Reich (4075720-1), Handel (4023222-0), Kaufmann (4128272-3)
    PDF document faroqhi-veinstein_kreiser.doc.pdf — PDF document, 108 KB
    S. Faroqhi, G. Veinstein, Merchants in the Ottoman Empire (Klaus Kreiser)
    In: Francia-Recensio 2010/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/FN/faroqhi-veinstein_kreiser
    Veröffentlicht am: 16.11.2010 12:10
    Zugriff vom: 20.01.2020 15:23
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