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F. Roosen, »Soutenir notre Église« (Susanne Lachenicht)

Francia-Recensio 2010/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Franziska Roosen, » Soutenir notre Église « . Hugenottische Erziehungskonzepte und Bildungseinrichtungen im Berlin des 18. Jahrhunderts, Bad Karlshafen (Verlag der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V.) 2008, 388 S. (Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. V., 42), ISBN 978-3-930481-24-8, EUR 22,80.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Susanne Lachenicht, Bayreuth

Migrationen und die Integration von »Fremden« haben in den letzten Jahren im Kontext der so genannten Globalisierung und allgegenwärtiger Mobilität nicht nur für die Zeit der Massenmigrationen des 19. und 20. Jahrhunderts das Interesse der Historiker geweckt, sondern auch für die Frühe Neuzeit. Ein gesteigertes Bedürfnis nach historischen Beispielen, wenn nicht gar Modellen für den Umgang mit Flüchtlingen und Migranten allgemein hat die Zahl der Publikationen zu u. a. Hugenotten, Herrnhutern, Täufern, Salzburgern, Böhmen, Sepharden und Ashkenazen in die Höhe schnellen lassen. Studien zu einzelnen »Diasporagemeinschaften« dienen heute weniger den Nachfahren der für ihren Glauben Verfolgten der Selbstvergewisserung und Identitätsstiftung, als vielmehr der Analyse von historischen Wurzeln unseres heutigen Umgangs mit Migrationen, Migranten und der Frage nach ihrer »Integration« in die Aufnahmegesellschaften.

Hier ordnet sich Franziska Roosens Studie ein, die als Dissertationsprojekt an der Ludwig Maximilians Universität München eingereicht und angenommen wurde. Franziska Roosen widmet sich einem Bereich der Integration von Hugenotten im Berliner Refuge, der für die Analyse des Spannungsfeldes von Integrationswilligkeit bzw. konservativem Beharren in der Diasporaidentität zentral ist: das Erziehungswesen. Gemeinsam mit Sprache bzw. Sprachwechsel (siehe hier die Studie von Manuela Böhm zu Akkulturation und Sprachwechsel. Ein Vergleich der Sprachkontaktsituation in hugenottischen Stadt- und Landkolonien in Brandenburg und Berlin vom 17. bis 19. Jahrhundert, Göttingen 2010), Kirchenorganisation und der Frage nach der Vermischung mit anderen Bevölkerungsgruppen des Aufnahmelandes (Stichwort Mischehen) stellt das Erziehungs- und Schulwesen einen der wichtigsten Indikatoren für das so genannte Integrationsverhalten von Migranten dar.

In ihrer Arbeit stellt Franziska Roosen zunächst auf 76 Seiten die Genese und Ausformung des französisch-reformierten Erziehungswesens in Frankreich vor, um dann die Auswanderung der Hugenotten nach 1685 und ihre Ansiedlung in Preußen zu thematisieren (S. 81–115). So wichtig beide Kapitel für die eigentliche Analyse von Erziehungskonzepten und Bildungswesen im Berliner Refuge sind, so wenig enthalten beide Teile der Arbeit Neues; sie referieren weitgehend den Forschungsstand und sind mit einem Drittel am Umfang der Studie dafür eindeutig zu lange geraten.

Spannend wird es im dritten und vierten Teil der Arbeit, für den Franziska Roosen u. a. einzelne Bestände des Archivs Französischer Dom zu Berlin zunächst (im Rahmen ihrer Magisterarbeit) aufgearbeitet und dann ausgewertet hat: Hier geht es um die Verifizierung von Franziska Roosens erkenntnisleitender These, dass das Erziehungswesen der réfugiés als ein »Bemühen, eine Sonderidentität zu bewahren« (S. 21) zu werten sei. Anhand der Entstehung der ersten hugenottischen Elementarschulen in Berlin (ab 1692), des Collège royal français (1689), der Gründung der Maison des orphelins (1725), der École der charité (1747) und der Pepinière des chantres et maîtres d'école (1779) vollzieht Franziska Roosen minutiös den Aufbau eines eigenständigen Schul- und Erziehungswesens der réfugiés nach. Sie analysiert Unterrichtsfächer, Unterrichtsinhalte, Lehrerausbildung und Schulvisitationen als zentrale Elemente des hugenottischen Erziehungswesens. Deutlich wird, dass hugenottische Schulen, die wie die meisten Schulen durch die Kirchengemeinden finanziert wurden, auch wenn diese zunächst für die Ausbildung des eigenen Nachwuchses bestimmt waren, zu Akkulturationsstätten von Deutschen und ›Franzosen‹ werden konnten, da etliche ›französische‹ Schulen in Berlin auch deutsche Schüler annahmen und damit in Konkurrenz zu den ›deutschen‹ Schulen traten. Akkulturationsprozesse auch in französischen Schule führten jedoch ebenso dazu, dass sich das Französische als Alltags- und Unterrichtssprache in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zunehmend verlor. Die Stärkung des Französischunterrichts als Reaktion des Oberkonsistoriums hierauf ist jedoch nicht nur als »Prestigeobjekt« (S. 181) zu werten, sondern hatte immense rechtliche Konsequenzen für die Berliner Hugenottenkolonie: Hätte diese ihre distinkten Gruppenmerkmale – Sprache, reformierten Glauben, französische Herkunft ihrer Mitglieder – verloren, wären ihre nach 1685 immer wieder garantierten Kolonieprivilegien und damit auch finanzielle Hilfen von Seiten der Krone verloren gegangen. Zu eigentlichen Orten konservativen französisch-reformierten Beharrens entwickelten sich die Maison des orphelins und die École de charité, die durch ihre Exklusivität nach außen einen Hort der viel beschworenen französisch-reformierten Identität im preußischen Staat bildeten.

Während Franziksa Roosen ihre Ergebnisse zu Formen und Funktionen des hugenottischen Erziehungswesens in Berlin zwar u. a. in den Kontext der Genese des Waisenhauswesens (1650–1750) bzw. von Bildungseinrichtungen im deutschsprachigen Raum stellt, also externe Bezüge herstellt, versäumt ihre Studie, den Nexus mit hugenottischen Erziehungsanstalten in anderen Ländern des Refuge herzustellen. Gerade um ihre in Kapitel 1 aufgeworfenen Fragen nach den Traditionen und Fortschreibungen französisch-reformierter Pädagogik im Refuge und deren Funktionen im Dienste der Herausbildung und Bewahrung einer überstaatlich agierenden Diasporagemeinschaft herzustellen, hätten die Vernetzungen, Gleichartigkeiten oder Unterschiede des Erziehungswesens der hugenottischen Diaspora insgesamt berücksichtigt werden müssen.

Das Spannungsverhältnis von Integration und konservativem Beharren, das Franziska Roosen als Optionen im späten Refuge an den Anfang ihrer Studie gestellt hat, inkarniert in den beiden Berliner Pastoren Jean Henry und David Louis Théremin, wird insgesamt nicht genügend ausgeleuchtet, die Rolle des Erziehungswesens hierbei nicht differenziert verankert. Zu den großen Verdiensten dieser Studie gehört die minutiöse Auswertung und Aufbereitung von Quellen, die viel zu lange weitgehend unbeachtet vor allem im Archiv Französischer Dom zu Berlin ›geschlummert‹ haben. So sinnvoll eine detail- und kenntnisreiche Aufarbeitung dieser Quellen für ein besseres Verständnis von Erziehungswesen im Kontext von Migration und Integration ist, so sehr hätte man sich insgesamt eine bessere Anbindung an die eingangs gestellte große Frage nach ihrem Stellenwert für das Integrationsverhalten der Berliner Hugenotten und die immer wieder vorzunehmende Abstraktion vom Detail gewünscht.

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PSJ Metadata
Susanne Lachenicht
F. Roosen, »Soutenir notre Église« (Susanne Lachenicht)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
18. Jh.
4005728-8 4006681-2 4026112-8 4053474-1
1700-1800
Berlin (4005728-8), Bildungswesen (4006681-2), Hugenotten (4026112-8), Schule (4053474-1)
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F. Roosen, »Soutenir notre Église« (Susanne Lachenicht)
In: Francia-Recensio 2010/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/FN/roosen_lachenicht
Veröffentlicht am: 16.11.2010 12:15
Zugriff vom: 22.07.2019 05:24
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