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    A. Graceffa, Les historiens et la question franque (Christian Stadermann)

    Francia-Recensio 2010/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Agnès Graceffa, Les historiens et la question franque. Le peuplement franc et les Mérovingiens dans l’historiographie française et allemande des XIXe–XXesiècles, Turnhout (Brepols) 2009, 431 p. (Collection Haut Moyen Âge, 8), ISBN 978-2-503-53310-0, EUR 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Christian Stadermann, Tübingen

    Mitte des 5. Jahrhunderts überschritten Franken die silvam carbonariam, erlitten eine Niederlage, wurden aber als foederati des Imperiums in der Belgica Secunda aufgenommen. Gregor von Tours berichtet in diesem Zusammenhang, die Franken hätten reges crinitos aus dem Geschlecht der Merowinger über sich gesetzt. Ein Nachfahre dieser reges war Chlodovech, der um 482 das Erbe seines Vaters als Administrator der Belgica Secunda antrat. Chlodovech und dessen Nachfolger erweiterten ihr Einflussgebiet bis an Loire und Rhein sowie darüber hinaus.

    Die Sicht der französischen und deutschen Historiographie auf diese merowingische Frühzeit sowie deren Integration in das jeweilige nationale Geschichtsbild sind Gegenstand der forschungsgeschichtlichen Abhandlung Agnès Graceffas. War das Merowingerreich das Ergebnis einer Kolonisation oder einer militärischen Eroberung? Welchen Umfang besaß die fränkische Besiedlung Galliens? War dieses Reich das Produkt einer gezielten Königspolitik oder einer Ethnogenese? Stand es in Kontinuität mit einer germanischen oder römischen Vergangenheit, oder stellte es etwas völlig Neues dar? Eine vergleichende Analyse der französischen und deutschen Historiographie, so Graceffa, soll helfen, die Entwicklung der modernen Geschichtswissenschaft und die Positionen französischer und deutscher Mediävisten bezüglich dieser »question franque« zu verstehen.

    Die Jahre 1815 und 1996 markieren die Eckdaten des Untersuchungszeitraums, den die Autorin in vier Perioden gliedert, für die sie die wesentlichen Strömungen der französischen und deutschen Forschung einander gegenüberstellt. Eine erste, von der Autorin für die Jahre 1815 bis 1860 definierte Periode ist geprägt durch die Institutionalisierung der Geschichtsschreibung als universitäre Disziplin sowie durch den Aufstieg eines Nationalismus, in dessen Rahmen die Geschichtsschreibung zu einem nationalen Anliegen wurde. Beiderseits des Rheins regten nationalistische Bewegungen die Historiker dazu an, durch Aneignung der merowingischen Epoche diese in den Dienst nationaler Identitätsbildung zu stellen. Die französischen Historiker sahen sich mit dem Problem eines gemischten ethnischen Ursprungs konfrontiert, der die nationale Einheit bedrohte, und entwickelten so das Modell einer Staatsnation. Als Reaktion auf die auf dem Wiener Kongress 1815 enttäuschten deutschen Hoffnungen auf eine staatliche Einigung verteidigte demgegenüber die deutschsprachige Historiographie die kulturelle Einheit der Deutschen auf Grundlage ihrer Geschichte. Das Merowingerreich galt der deutschen Forschung als Epilog einer glorreichen germanischen Vergangenheit, als Symbol des Sieges über die Romanitas, während in Frankreich, unter Einfluss Edward Gibbons, darin eine Zeit der Regression und Anarchie gesehen wurde.

    Die zweite, von 1860 bis 1910 anhaltende Periode bezeichnet die Autorin als unter territorialem Primat stehend. Das Aufkommen neuer wissenschaftlicher Disziplinen wie der Archäologie und Siedlungsgeschichte führten dazu, dass die Nation zunehmend geographisch wahrgenommen wurde. Verstärkt wurde diese Sicht durch die Realisierung der staatlichen deutschen Einheit 1871 und die Debatte um die Zugehörigkeit Elsass-Lothringens. In Frankreich, wo nun in der Taufe Chlodovechs die Geburt eines französischen Nationalbewusstseins gesehen wurde, versuchte die Forschung die Grenzen fränkischer Besiedlung zu definieren. Erste Stimmen wurden laut, die eine Gleichsetzung der Merowinger mit degenerierten Barbaren ablehnten. Auf deutscher Seite wurde die schlechte Reputation der Merowinger auf die Parteilichkeit karolingischer und christlicher Quellenautoren zurückgeführt. Die Mehrheit der deutschen Historiker vertrat die These einer germanisch-deutschen Kontinuität. Die Siedlungsgeschichte sollte aufzeigen, dass der Schwerpunkt des merowingischen Reiches auf germanischem Gebiet gelegen habe.

    Die dritte, von 1910 bis Ende der 1950er Jahre reichende Periode ist geprägt von den beiden Weltkriegen, welche die Historiker, so die Autorin, zu einem Patriotismus zwangen, der eine Radikalisierung des Diskurses bewirkte. So wurden die Deutschen in Frankreich mit barbarischen Germanen als ewigen Aggressoren assoziiert. Das Fortbestehen römischen Erbes im Merowingerreich wurde zugunsten der These des Umbruchs und kulturellen Verfalls unter barbarischer Herrschaft vernachlässigt, wobei die Merowinger als Despoten und ihre Herrschaft als Zeit der Furcht und Gewalt wahrgenommen wurden. In Deutschland führte die Niederlage 1918 zu einer ideologischen Krise in der Geschichtswissenschaft. Entnationalisierende Bestrebungen waren die Folge, denen der Nationalsozialismus ein Ende bereitete, was zum Erfolg eines ins Unwissenschaftliche abdriftenden Germanismus führte. Erst im Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Entideologisierung möglich, in deren Rahmen die Historiker ihre Theorien in entnationalisierte Modelle einbanden.

    Dieser Entnationalisierungsprozess leitet die von Graceffa beschriebene letzte Periode ein. Geprägt von den neuen europäischen Entwicklungen und unter Aufgabe pervertierter nationalistischer Ansätze, befassten sich die Historiker seit Ende der 1950er Jahre mit Modalitäten der Migration, Einigung und Integration. Beiderseits des Rheins betrachtete die Geschichtswissenschaft die merowingische Epoche nun im Zeichen der Akkulturation. Das Jahr 1996 repräsentiert für die Autorin das Ende ihres Untersuchungszeitraums, da der wissenschaftliche Diskurs endgültig entnationalisiert scheint und der 1500. Jahrestag der Taufe Chlodovechs zum neuerlichen Ausgangspunkt wissenschaftlicher Bemühungen wurde.

    Für diese Perioden konstatiert die Autorin vier wesentliche Strömungen, die beiderseits des Rheins ihre Vertreter hatten. Neben Verfechtern einer gallischen Kontinuität waren dies zum einen Anhänger eines romanistischen Ansatzes, welche das Merowingerreich als Ergebnis einer Eroberung durch Barbaren unter Wahrung römischer Strukturen und Einfluss des Christentums betrachteten. Zum anderen waren dies Befürworter einer germanischen Kontinuität, die von einer massiven Besiedlung Nordgalliens durch eine bäuerlich-kriegerische Bevölkerung ausgingen, die sprachlich und kulturell eine Einheit bildete. Beiden Ansätzen ist gemein, dass sie die Zeit zwischen dem 3. und 8. Jh. als Übergangsphase definierten. Historiker, die in der Merowingerzeit eine Epoche des Umbruchs sahen, betonten den neuen, aus der Synthese germanisch-heidnischer und romanisch-christlicher Elemente entstandenen Charakter des Merowingerreichs. Die Autorin beantwortet die »question franque«, indem sie Elemente dieser Strömungen verbindet. Sie geht von einer schrittweisen Besiedlung des Gebietes bis zur Seine durch eine vornehmlich bäuerliche Bevölkerung von Norden und Osten her aus. Die Herrschaft Chlodovechs, dessen Taufe einen Umbruch zwischen zwei Kulturen symbolisiere, ruhe dabei auf der Übernahme römischer Amtsgewalt.

    Obgleich es nationalistische Tendenzen in der französischen und deutschen Geschichtsschreibung bereits vor 1815 gab1, weshalb über die Periodisierung gestritten werden kann, und die Forschung der zweiten Hälfte des 20. Jh. in der Darstellung leider zu kurz kommt, besticht das Werk Agnès Graceffas durch einen hervorragenden Überblick über die französische und deutsche Forschungsgeschichte zur frühen Merowingerzeit sowie über die gegenseitige Beeinflussung beider Forschergemeinden. Allerdings scheint der Begriff »Völkerwanderung« keineswegs aufgegeben, wie die Autorin meint, was neuere Publikationen beweisen2.

    Agnès Graceffa gelingt es, auf ausgezeichnete Art und Weise aufzuzeigen, wie der Dialog zwischen Gegenwart und Vergangenheit vom Kontext der jeweiligen Zeit und der persönlichen Perspektive des Betrachters geprägt ist. So kann, wie die Autorin anmerkt, ein Überblick über die Entwicklung des wissenschaftlichen Diskurses helfen, den Einfluss der Gegenwart auf die Vergangenheit zu bestimmen und eventuell zu begrenzen. Jeder Historiker ist das Produkt seiner Zeit, wie auch Agnès Graceffa bemerkt, und nimmt die Vergangenheit aus seiner Gegenwart heraus wahr. Dies vermag das Buch eindrucksvoll zu veranschaulichen.

    1 Als Beispiele seien erwähnt François Eudes de Mézeray, Histoire de France depuis Pharamond jusqu’à maintenant, Paris 1668; Michael Ignaz Schmidt, Geschichte der Deutschen, Ulm 1778; Johann Christoph Adelung, Aelteste Geschichte der Deutschen, ihre Sprache und Literatur, bis zur Völkerwanderung, Leipzig 1806.

    2 Vgl. etwa Jutta Frings (Hg.), Rom und die Barbaren. Europa zur Zeit der Völkerwanderung, Bonn, München 2008; Matthias Knaut (Hg.), Die Völkerwanderung. Europa zwischen Antike und Mittelalter, Darmstadt 2005; Klaus Rosen, Die Völkerwanderung, München 2002; Walter Pohl, Die Völkerwanderung. Eroberung und Integration, Stuttgart, Berlin, Köln 2002.

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    PSJ Metadata
    Christian Stadermann
    A. Graceffa, Les historiens et la question franque (Christian Stadermann)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050)
    Europa
    Geschichte allgemein
    Mittelalter
    4011882-4 4018145-5 4020531-9 11858118X
    1800-1998
    Deutschland (4011882-4), Frankreich (4018145-5), Geschichtsschreibung (4020531-9), Merowinger (11858118X)
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    A. Graceffa, Les historiens et la question franque (Christian Stadermann)
    In: Francia-Recensio 2010/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2010-4/MA/graceffa_stadermann
    Veröffentlicht am: 16.11.2010 11:20
    Zugriff vom: 08.04.2020 23:15
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