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    S. Audoin-Rouzeau, C. Prochasson, Sortir de la Grande Guerre (Joachim Schröder)

    Francia-Recensio 2010/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Stéphane Audoin-Rouzeau, Christophe Prochasson (dir.), Sortir de la Grande Guerre. Le monde de l’après-1918, Paris (Tallandier) 2008, 512 p., ISBN 978-2-84734-493-6, EUR 30,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Joachim Schröder, München

    Wir sind es gewohnt, chronologisch korrekt von Vorkriegs-, Kriegs-, und Nachkriegszeit zu sprechen. Bei genauerer Betrachtung sind die Grenzen aber alles andere als eindeutig. Dies gilt insbesondere für das Ende eines Krieges, wenn man nicht bloß die Unterzeichnung einer Kapitulation oder eines Friedensvertrags als Scheidelinie gelten lässt, sondern auch erfahrungsgeschichtliche, mentale Ebenen einbezieht. So ist in diesem Buch nicht von der »Nachkriegszeit« die Rede, sondern von der Schwierigkeit, aus dem Krieg »herauszukommen«, von den unterschiedlichen »Wegen aus dem Krieg«. Wie kann eine Gesellschaft den Frieden erlernen, die bis zuletzt nationalistisch aufgeputscht und in einem Zustand der permanenten mentalen Mobilmachung gehalten worden war? Wie vollzog sich die Reintegration der Kriegsteilnehmer? Wie konnten die tiefen innergesellschaftlichen Zerwürfnisse gekittet werden, angesichts der Verwüstungen, der Millionen Toten, der um sich greifenden Wirtschaftskrise, des in vielen Ländern akuten oder drohenden Bürgerkriegs? Dies sind einige der Fragen, mit denen sich die – zumeist aus Westeuropa stammenden – Autorinnen und Autoren beschäftigen. Um besser auf die unterschiedlichen und charakteristischen Probleme der jeweiligen Länder bei ihrem »Weg aus dem Krieg« eingehen zu können, haben die Herausgeber fünf Gruppen gebildet.

    Da ist zunächst die Gruppe der Sieger. Gerade für Frankreich und Italien war dieser Sieg in höchstem Maße ambivalent. In Frankreich (Bruno Cabanes) folgte dem patriotischen Jubel bald das Erwachen in einer alles andere als rosigen Realität: der Norden des Landes war verwüstet, das Land wurde von einer schweren Wirtschaftskrise und sozialen Unruhen erschüttert und überall überwog bald die tiefe Trauer der Überlebenden, die sich in einer vielfältigen Erinnerungskultur manifestierte. Auch England (Adrian Gregory) fand keineswegs schnell in geordnete Bahnen zurück: Bis 1922 dauerten die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Irland an – und auch das Königreich wurde von erheblichen inneren sozialen Konflikten erfasst. Für die USA (Leonard V. Smith), die im »Großen Krieg« mit 53 000 Toten immerhin fast so viele Soldaten verloren wie während des Vietnamkrieges, war der Sieg ein bedeutender Markstein auf ihrem Weg zur Weltmacht. In der Tschechoslowakei (Antoine Marès) herrschte erst seit Sommer 1919 Frieden, doch war schon früh fraglich, inwieweit die bald zu beobachtenden Nationalitätenkonflikte auf Dauer beherrschbar sein würden. Italien (Patrizia Dogliani) war das einzige »Siegerland«, in dem sich das parlamentarisch-demokratische System nicht behaupten konnte – die Verwerfungen des Weltkriegs und die anschließenden, bürgerkriegsartigen Auseinandersetzungen ebneten dem Faschismus den Weg.

    Waren auch die Bürden für die Sieger schwer, nahezu unüberwindlich erschienen sie den im zweiten Kapitel behandelten Verlierern. Für die in der Niederlage geborene Weimarer Republik (Gerd Krumeich) bedeuteten Zusammenbruch und »Versailles« eine Hypothek, der sie letztendlich nicht gewachsen war. Die politische Rechte konnte und wollte weder das eine noch das andere akzeptieren und suchte die Schuld bei Juden und Marxisten, den sogenannten »Novemberverbrechern«. Die Weigerung, die Niederlage anzuerkennen und das Verlangen, »Versailles« rückgängig zu machen, waren ein gewaltiger Motor der nationalsozialistischen Mobilisierung. Österreich und Ungarn (jeweils Manfried Rauchensteiner) mussten sich, territorial arg dezimiert, nicht nur an ihre neue Rolle als Kleinstaaten gewöhnen. In Österreich verhinderten der Schock über den Friedensvertrag, die scharfen politischen Auseinandersetzungen, aber auch die wirtschaftlichen Verwerfungen eine rasche Stabilisierung. Zudem unterminierte das verbreitete Empfinden, dass die neue Republik von außen aufgezwungen sei, von Anfang an die Legitimation des Staates. In Ungarn siegte im Bürgerkrieg erst die kommunistische Räterepublik, der die Diktatur Horthys, auf dem Fuße folgte.

    Im dritten Kapitel rücken drei Länder in den Fokus, die während des Krieges eine militärische Besetzung erleiden mussten. Gemeinsam war allen dreien eine relativ hohe Anzahl ziviler Opfer, insbesondere in Jugoslawien (Andrew Wachtel). Dem Abzug der feindlichen Truppen folgte vielfach eine (zuerst spontane) Abrechnung mit den Kollaborateuren bzw. den im Land verbliebenen Angehörigen der Okkupationsmacht. In Belgien (Laurence van Yperseele), das sich 1923 mit der Teilnahme an der Ruhrbesetzung gleichsam für die erlittene Kriegsbesetzung revanchierte, waren die Ansprüche der Flamen auf Gleichberechtigung durch die Blutopfer im Krieg sehr verstärkt worden. Wie auch in Rumänien (Florin Turcanu) war es vor allem die königliche Familie, die einigend wirkte und als Symbol der nationalen Einheit beachtliche Risse in der Nachkriegsgesellschaft überdeckte.

    Das vierte Kapitel befasst sich mit denjenigen Ländern, in denen 1918 nur den Auftakt zu neuen kriegerischen Auseinandersetzungen bildete. Dabei war Russland (Nicolas Werth) das Land, in dem sich der kommende Weltanschauungs-Krieg bereits ankündigte. Dabei sei die Praxis des totalen Krieges, so Werth, von allen russischen Bürgerkriegsparteien angewandt worden, aber nur die Bolschewiki hätten sie methodisch mit einem neuen, internationalen und kohärenten Ziel zu verknüpfen vermocht – und seien deswegen erfolgreich gewesen. Auch in Griechenland (Kostas Kostis) und im zerfallenden Osmanischen Reich (Hamit Bozarslan) tobte der Bürgerkrieg. Das wieder erstandene Polen (Piotr Wandyz) kämpfte an zwei Fronten, auf der einen Seite gegen die deutschen Freikorps in Oberschlesien, auf der anderen Seite gegen Russland, den alten Gegner im neuen, bolschewistischen Gewand.

    Zuletzt werden die Folgen des Weltkrieges in den Kolonien untersucht, am Beispiel der britischen Dominions (Christopher Hilliard) und der afrikanischen Kolonien (Marc Michel). Viele ihrer ins ferne Europa gesandten Soldaten hatten ihren Kriegseinsatz dabei mit der Hoffnung auf eine größere Unabhängigkeit vom Mutterland verknüpft – diese Hoffnung sollte sich allerdings nur für die britischen Dominions erfüllen. In einigen größeren Kolonien (Algerien, Ägypten, Indien) wirkte der Krieg zwar als Katalysator nationaler Unabhängigkeitsbewegungen und Nationalismen. Doch insgesamt blieben die Kolonialreiche Frankreichs und Großbritanniens nicht nur stabil, sie wurden durch die Aufteilung der deutschen Kolonien sogar noch vergrößert.

    Eine Bilanz fällt angesichts der Unterschiedlichkeit der untersuchten Länder und präsentierten Ergebnisse schwer. Es sei nicht einfach, so halten die Herausgeber fest, in einen Krieg »hineinzukommen«, noch schwieriger sei allerdings der Weg heraus. Dem möchte man nicht widersprechen. Die Beiträge scheinen aber auch zu zeigen, dass das traditionelle Paradigma von »Siegern« und »Verlierern« wesentlich zu kurz greift. Denn unabhängig vom Kriegsausgang ist in fast allen untersuchten Ländern eine zunehmende Gewaltbereitschaft zu beobachten. Diese entlud sich zum einen in Nationalitätenkonflikten, da der Krieg offenbar das Streben nach nationaler Emanzipation befördert hatte. Vor allem aber wurden im Gefolge des Krieges alte Autoritäten grundlegend in Frage gestellt, worauf die allerorten zu beobachtenden, innergesellschaftlichen Kämpfe hindeuten. Diese Gewaltbereitschaft kann teilweise mit George Mosse als ein Resultat der im Weltkrieg erfolgten, allgemeinen Brutalisierung erklärt werden. Der Umstand, dass auch am Krieg unbeteiligte Länder wie Spanien von solchen Auseinandersetzungen nicht verschont wurden, weist aber zugleich auf die Existenz einer neuartige Erscheinung hin: derjenigen des internationalen Bürgerkriegs, in dem die Frontlinien quer durch alle ›Nachkriegs‹-Gesellschaften verliefen.

    Hinsichtlich der in allen Ländern zu beobachtenden, jeweils unterschiedlich ausgeprägten Trauerarbeit angesichts der Millionen Toten fällt folgender Umstand ins Auge: Überall wurde der gefallenen Toten gedacht, in fast allen Ländern geschah dies neben unzähligen lokalen Initiativen, die sich in der Errichtung von Denk- und Mahnmälern niederschlugen, auch in zentraler Form, in dem der »unbekannte Soldat« geehrt wurde. Nur in Russland und Deutschland fand diese Form des Erinnerns keine Nachahmung – dafür stand in Deutschland wenige Jahre später ein ›unbekannter Soldat‹ des Weltkrieges an der Spitze des Staates und bereitete vom ersten Tag die Revanche vor.

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    Joachim Schröder
    S. Audoin-Rouzeau, C. Prochasson, Sortir de la Grande Guerre (Joachim Schröder)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Weltgeschichte
    Militär- und Kriegsgeschichte
    1900 - 1919
    4195461-0 4114316-4 4079163-4
    1914-1918
    Bewältigung (4195461-0), Kriegsende (4114316-4), Weltkrieg 1914-1918 (4079163-4)
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    S. Audoin-Rouzeau, C. Prochasson, Sortir de la Grande Guerre (Joachim Schröder)
    In: Francia-Recensio 2010/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
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    Veröffentlicht am: 16.11.2010 10:30
    Zugriff vom: 20.01.2020 16:08
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