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J. Wardhaugh, In Pursuit of the People (Petra Weber)

Francia-Recensio 2010/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Jessica Wardhaugh, In Pursuit of the People. Political Culture in France, 1934–39, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2009, XIV–300 S., ISBN 978-0-230-20277-1, USD 90,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Petra Weber, München

Seit der linguistic und cultural turn auch die Geschichtswissenschaft erreicht hat, treten Ereignis- und Strukturgeschichte in den Hintergrund, während Diskurse, Begriffe und Bilder zu einem zentralen Gegenstand historischer Untersuchungen werden. Diesem Ansatz ist auch die Arbeit von Jessica Wardhaugh verpflichtet, die der Frage nachgehen möchte, welches Bild sich Parteien, politische Gruppierungen und Gewerkschaften vom Volk machen, in welcher Weise sie es zu repräsentieren suchen und um es werben. Darüber hinaus geht sie auf die Darstellung des Volkes in Kino und Theater ein und schildert die unterschiedlichen Versuche linker und rechter Gruppierungen, die bestehenden Barrieren zwischen der Hochkultur und dem Volk abzubauen.

Die Studie beginnt mit den Demonstrationen am 6. Februar 1934, die von Pariser Stadträten und rechtsextremen Ligen ausgingen, die behaupteten, die Stimme des Volkes gegen ein korruptes Parlament zu erheben. Auch die linken Gruppierungen, die die Unruhen, die zur Absetzung der Regierung Daladier führten, als faschistischen Putsch interpretierten, beriefen sich auf das Volk, als sie für den 12. Februar 1934 zum Generalstreik gegen den vermeintlich drohenden Faschismus aufriefen. Die Autorin konstatiert am Rande, dass nicht alle in der CGT der Meinung waren, dass es sich bei den Ereignissen am 6. Februar um einen faschistischen Putsch gehandelt habe, geht dieser Frage aber nicht weiter nach, sondern konzentriert sich auf den für sie offensichtlich erstaunlichen Befund, dass sowohl die rechtsextremen Ligen (bzw. die sich nach deren Verbot 1936 aus ihnen konstituierenden Parteien) als auch die sich zur Volksfront zusammenschließenden Parteien und Gruppierungen für sich in Anspruch nahmen, das Volk zu repräsentieren und in seinem Namen zu sprechen. Im rechten wie im linken Spektrum habe man sich zur Aufgabe gemacht, Grundlagen für eine »united national community« zu schaffen.

Als deutscher Leser fragt man sich, ob nicht zumindest die Ligen Anleihen bei der Volksgemeinschaftsrhetorik der Nationalsozialisten nahmen. Ein Vergleich mit Deutschland hätte darüber hinaus gezeigt, dass auch dort die Verwendung des Volksbegriffs von den rechtsextremen Parteien und Gruppierungen bis zu den Sozialdemokraten reichte, wobei jedoch in Deutschland der Klassenbegriff viel häufiger auftauchte als in Frankreich, wo der Marxismus nie die Bedeutung erlangte wie rechts des Rheins und die Kommunisten nach dem Kurswechsel zur Volksfrontstrategie sich mit der Verbreitung von Klassenkampfparolen zurückhielten. Wie in Deutschland differierte auch in Frankreich das von rechten und linken Gruppierungen imaginierte Volk stark. Während man innerhalb der Volksfront von einem rationalen, politisch-bewussten und republikanisch eingestellten Volk ausging, vertrat man im gegnerischen rechten Spektrum die Auffassung, dass das durch die Erinnerung an die Opfer des Ersten Weltkriegs geeinte Volk der Führerschaft bedürfe und sich einem Führer unterzuordnen habe. Die Rivalität um das Volk habe, so die Autorin, eine wechselseitige Dynamik erzeugt. Während die internationalistisch eingestellten Kommunisten das Vaterland für sich entdeckten, hätten die Wortführer der Ligen um die Arbeiter geworben und sich für eine Sozialreform ausgesprochen. Wardhaugh übersieht freilich, dass die Sozialreformpläne der Ligen oder Parteien wie des Parti social français in einem konservativen Sozialkatholizismus wurzelten und einen patriarchalischen Charakter trugen, während die Volksfront die Emanzipation der Arbeiter von den überkommenen Herrschaftsverhältnissen in der Industrie anstrebte.

Der führende Kopf des Parti social français, der Nachfolgeorganisation der Croix-de-Feu, François de La Rocque, verurteilte dann auch die große Streikbewegung im Juni 1936 als eine gegen das Volk gerichtete Tyrannei der Minderheit. Zutreffend weist die Autorin darauf hin, dass auch innerhalb der Parteien der Volksfront die Militanz der Streikenden, das Ausmaß und die lange Dauer der Streiks sowie deren Wiederaufleben im Herbst 1936 zunehmend Zweifel an dem Bild eines rationalen und pazifistischen Volkes nährten. Im Herbst 1936 beklagten sich sowohl der PCF als auch der Parti social français unter Berufung auf das Volk darüber, dass von der anderen Seite bei den Straßenkämpfen Gewalt angewendet wurde.

In einem weiteren Kapitel beschreibt die Autorin die schon von Pascal Ory in seiner Arbeit »La belle illusion« ausführlich behandelte kulturelle Revolution der Volksfront, die auf eine Demokratisierung der Hochkultur zielte und zum Teil auch eine Beteiligung des Volkes an künstlerischen Produktionen und Darbietungen, denen eine Gemeinschaft stiftende Funktion zugesprochen wurde, erprobte. Wardhaugh verweist darauf, dass auch auf Seiten der Rechten Innovationen auf kulturellem Gebiet erstrebt wurden, durch die man das Volk zu erreichen hoffte. Als Beispiele nennt sie Filme der Action Française und des Croix-de-Feu, die die Suche nach der kollektiven Seele Frankreichs thematisierten, aber auch das Volkstheater der Jeunesse ouvrière chrétienne, in dem die Einbindung einer vormals entfremdeten Arbeiterklasse in eine Volksgemeinschaft beschworen wurde. Auf die interessante Frage, ob die Massenveranstaltungen im NS-Regime einen Einfluss auf die kulturelle Neuorientierung in Frankreich ausübten, geht Wardhaugh nicht näher ein.

Seit 1937 bekam der Volksbegriff angesichts der auf der Straße ausgeübten Gewalt zunehmend negative Konnotationen. Die Bauern, vor allem aber die Mittelschichten, die sich aus Enttäuschung von der Volksfront abzuwenden drohten, hätten nun im Zentrum des politischen Diskurses gestanden, der zunehmend von den radicaux dominiert worden wäre. Die Protektion der Mittelschichten sei zur nationalen Aufgabe erklärt worden. Dass der Mittelstand von den Kommunisten bis zu den rechtsextremen Parteien umworben wurde, ist ohne Zweifel richtig, allerdings wird man nicht von einer »Entdeckung« der Mittelschichten sprechen können, denn diese spielten immer eine zentrale Rolle in Frankreich, ihre ökonomischen Zwangslagen hatte aber die Volksfrontregierung angesichts der streikenden Arbeiter bei der großen Sozialreform 1936 nicht ausreichend berücksichtigt. Seit 1938 sei, so die Autorin, anstelle des Diskurses über das Volk, das nur mehr als Zuschauer fungierte, endgültig der über die Nation getreten. Die Wichtigkeit der nationalen Verteidigung hätten alle Parteien, einschließlich des PCF, unterstrichen. Regierungschef Édouard Daladier habe den Nationalismus in den Rang einer Zivilreligion erhoben.

Im Schlusskapitel rätselt die Autorin, warum die nach ihrer Ansicht vorhandene partielle »community of thought«, die neben der politischen Gegnerschaft und verbalen Anfeindungen bestand, in der realen Politik keine Verwirklichung gefunden habe. Diese Frage legt die Begrenztheit des von ihr gewählten Ansatzes offen. Der gemeinsame Diskurs über das Volk kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich während der Volksfront die politischen Gegensätze vergrößerten, die sozialen Auseinandersetzungen ein zuvor unbekanntes Ausmaß annahmen und die persönlichen Anfeindungen eskalierten. Die ungelösten ökonomischen und finanziellen Probleme des Landes schufen immer neuen Konfliktstoff. Es gab große Interessen- und Mentalitätsunterschiede zwischen den einzelnen Segmenten des Volkes, den Arbeitern, den Bauern, den Mittelschichten, die Wardhaugh jedoch nicht genügend herausarbeitet. Der gemeinsame Wille zur Verteidigung des Vaterlandes konnte den Dissens zwischen Befürworten und Gegnern einer Appeasement-Politik gegenüber Deutschland nicht überbrücken, die sozialen Gegensätze und Reformblockaden spalteten und lähmten Frankreich. Diskursanalysen können die Geschichtswissenschaft bereichern, aber nur, wenn die politische, ökonomische und soziale Basis historischer Prozesse nicht aus dem Blick gerät.

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PSJ Metadata
Petra Weber
J. Wardhaugh, In Pursuit of the People (Petra Weber)
CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Frankreich und Monaco
Politikgeschichte
1930 - 1939
4018145-5 4046540-8
1934-1939
Frankreich (4018145-5), Politische Kultur (4046540-8)
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J. Wardhaugh, In Pursuit of the People (Petra Weber)
In: Francia-Recensio 2010/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
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Veröffentlicht am: 16.11.2010 11:05
Zugriff vom: 16.10.2019 19:09
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