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F. Bessire, F. Tilkin, Voltaire et le livre (Charlotte Kempf)

Francia-Recensio 2011/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

François Bessire, Françoise Tilkin (dir.), Voltaire et le livre, Ferney-Voltaire (Centre international d’étude du XVIIIesiècle) 2009, X–323 p. (Publications de la société Voltaire, 1), ISBN 978-2-8455-9057-1, EUR 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Charlotte Kempf

»Voltaire est l’homme du livre par excellence« – mit diesen Worten eröffnet François Bessire in seinem Vorwort den Sammelband »Voltaire et le livre«, den er zusammen mit Françoise Tilkin herausgegeben hat. Neben einigen Hinzufügungen ist er teilweise aus einem Kolloquium hervorgegangen, das im Jahr 2005 von der Société Voltaire an der Bibliothèque nationale de France organisiert wurde und einen umfassenden, vom Medium Buch ausgehenden Zugang zum ›Phänomen Voltaire‹ versuchte.

Die insgesamt 19 Aufsätze des vorliegenden Bandes befassen sich nicht mit biographischen oder interpretatorischen Fragen im engeren Sinne, vielmehr stehen etwa Voltaires Beziehungen zu seinen Buchhändlern, seine Distributionsstrategien oder, mit näherem Bezug auf seine Werke, die besonderen Umstände ihrer Entstehung und Rezeption im Vordergrund. Für diese Untersuchungen haben die Autoren umfangreiches, zum Teil unveröffentlichtes Quellenmaterial ausgewertet und klassische Forschungsansätze hinterfragt. In gewisser Hinsicht dokumentiert »Voltaire et le livre« damit den aktuellen Stand der Forschung zu Voltaire und der Buchwelt im 18. Jahrhundert.

Drei große Themenblöcke gliedern das Werk: »Voltaire et le monde du livre«, »Circulations et réception du livre voltarien« und »De la lecture à l’écriture«.

Im ersten Abschnitt steht Voltaires Beziehung zu seinen Buchhändlern im Zentrum. So beschäftigt sich Kees van Strien mit den Amsterdamer Buchhändlern Ledet und Desbordes, Edwin van Meerkerk mit dem brieflichen Austausch zwischen Voltaire und dem Buchhändler Du Sauzet in Amsterdam, David Smith mit den Buchhändlern Walther, Machuel und Lambert in Dresden, Rouen und Paris. Gemeinsam mit Martin Fontius widmet Smith dem Dresdner Buchhändler Georg Konrad Walther nochmals einen eigenen Aufsatz, in dem Walther als Herausgeber einer Voltaire-Ausgabe und die Kommunikation zwischen Herausgeber und Autor in den Mittelpunkt gerückt wird. Andrew Brown behandelt Voltaires Beziehungen zu dem Genfer Buchhändler Gabriel Grasset. Schon diese Übersicht macht deutlich: Es ist ein Buchhändlernetzwerk von europäischer Dimension, das von Voltaire bedient, wenn nicht gar gesteuert wird.

Dominique Varry beschäftigt sich dagegen mit der letzten zu Voltaires Lebzeiten entstandenen Werkausgabe, der sogenannten »édition encadrée«. Er zeigt überzeugend, dass neben der »offiziellen« Genfer-Ausgabe die zweite ebenfalls im Jahr 1775 publizierte Ausgabe durch die Untersuchung der ornamentalen Elemente Lyon, genauer gesagt Geoffroy Regnault, zugeordnet werden kann. Varry spricht dabei weniger von einer »édition pirate«, so wie sie bislang bezeichnet wurde, sondern schließt stattdessen eine Kollaboration zwischen Genf (Cramer) und Lyon (Regnault) nicht aus.

Interessant sind auch die Ausführungen zum Verhältnis Voltaires zur Polizei (Françoise Bléchet) auf der einen Seite, sowie andererseits die Ausführungen von Jean-Daniel Candaux, die verdeutlichen, dass bei Voltaire die Wege zur Publikation nicht mit Zensur im einfachen Sinne verbunden sind, sondern mit einem System von Genehmigungen und Erlaubnissen verschiedenster Arten einhergehen, die Candaux zur besseren Übersicht tabellarisch in fünf Gruppen unterteilt. Polizei und Zensur – das war im 18. Jahrhundert keine eindimensionale Angelegenheit, sondern ein in der Praxis außerordentlich vielgestaltiges Phänomen.

Der zweite Abschnitt durchleuchtet die Verbreitung und Rezeption von Voltaires Werken in seinem Umkreis. Dazu wird etwa die Korrespondenz mit Madame de Graffigny (Charlotte Simonin), die Bedeutung von Voltaires Freundinnen für die Verbreitung seiner Werke (Patricia Ménissier) oder auch der Einfluss des Anwalts Charles-Frédric-Gabriel Christin von Roger Bergeret untersucht. Immer wieder ist es der Autor selbst, der die Kontrolle über die Rezeptionsbedingungen seiner Werke behalten möchte. Dass dies nicht unbemerkt bleiben konnte und Kritik ausgelöst hat, überrascht nicht. So behandelt Didier Masseau die Kritik der sogenannten Antiphilosophen an Voltaires Publikationspraktiken – so sagt etwa l’abbé Chaudon in seinem »Dictionnaire anti-philosophique« über ihn: »il sait moraliser sans moral«. Was auch ein so strategisch handelnder Autor wie Voltaire nicht unter Kontrolle hatte, waren Raubdrucke, Plagiate etc. Am Beispiel der Werke »Le Café ou l’Écossaise« und »Olympie« greift Daniel Droixke diese Thematik auf.

Der letzte Abschnitt behandelt das Schreiben und Entstehen der Werke. Hierbei geht es etwa um intertextuelle Fragestellungen wie die kritische Verwendung von Zitaten und Referenzen bei Voltaire und seine Arbeit als »Historiker« (Bruno Bernard) wie auch um stärker intratextuelle Perspektiven, etwa in den Ausführungen von Muriel Cattoor. Sie betrachtet Voltaires besondere und intensive Beziehungen zu seinen eigenen Werken, die er stets zu überarbeiten und verbessern suchte, sodass der Prozess von Re-Lektüre und Schreibprozess deutlich wird, während Éric Francalanza die Einbettung des Themas Buch in den Text selbst und seine Bedeutung analysiert. Christophe Paillard zeigt, in wie weit man Voltaires Sekretär Jean-Louis Wagnière als »dictionnaire vivant« bezeichnen kann und welche Informationen durch ihn über Voltaire und seine Bücher gewonnen werden können.

Durch alle Aufsätze hindurch zieht sich die Erkenntnis, dass Voltaire ein Meister darin war, seine Werke durch gezielte Strategien einem möglichst großen Publikum nahezubringen und zum Gegenstand der Kommunikation verschiedener gesellschaftlichen Kreisen werden zu lassen. Gleichzeitig wird aber auch deutlich, wie er nicht nur diesen Kommunikationskontakt – bis hin zu seinen Buchhändlern – bewusst gestaltet sondern sogar seine eigenen Werke als Bestandteil eines Zyklus’ von Rezeption und Produktion behandelt hat. Am Beispiel Voltaire wird der gesamte Kosmos ›Buch‹ erkennbar und insoweit ist Voltaire in der Tat, wie Bessire schreibt, »l’homme du livre par excellence«.

Mit insgesamt 98 Illustrationen ist »Voltaire et le livre« reich bebildert. Ein großartiger Auftakt zur Reihe der Publications de la Société Voltaire.

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Charlotte Kempf
F. Bessire, F. Tilkin, Voltaire et le livre (Charlotte Kempf)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco
Familiengeschichte, Genealogie, Biographien, Ideen- und Geistesgeschichte, Wissen, Wissenschaft, Methoden, Kultur allg.
Neuzeit bis 1900
4018145-5 118627813 4008570-3 4187563-1 4138343-6
Frankreich (4018145-5), Voltaire (118627813), Buch (4008570-3), Verbotenes Buch (4187563-1), Verleger (4138343-6)
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F. Bessire, F. Tilkin, Voltaire et le livre (Charlotte Kempf)
In: Francia-Recensio 2011/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-1/FN/bessire_kempf
Veröffentlicht am: 08.03.2011 12:55
Zugriff vom: 28.09.2020 11:58
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