Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

P. Vries, Zur politischen Ökonomie des Tees (Martin Krieger)

Francia-Recensio 2011/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Peer Vries, Zur politischen Ökonomie des Tees. Was uns Tee über die englische und chinesische Wirtschaft der Frühen Neuzeit sagen kann, Köln, Weimar, Wien (Böhlau) 2009, 161 S., 16 Abb. (First lectures der historisch-kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, 1), ISBN 978-3-205-78341-1, EUR 14,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Martin Krieger, Kiel

Antrittsvorlesungen sollten stets ein wenig unterhalten, vor allem aber programmatischen Charakter haben: Was haben Studierende wie Kollegen von dem neuen Lehrstuhlinhaber zu erwarten; wo werden die künftigen Schwerpunkte eines Lehrstuhls in Forschung und Lehre liegen? Die meisten Vorträge mögen wohl flüchtig bleiben und nicht immer die gewünschte Nachhaltigkeit entfalten. Um so verdienstvoller ist das Projekt der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien, im Rahmen einer neuen Reihe unter dem bezeichnenden Namen »Stabwechsel« derartige Vorträge auch im Druck zugänglich zu machen und damit deren Halbwertszeit erheblich zu verlängern. Das kleine Buch »Zur politischen Ökonomie des Tees« von Peer Vries, dem neuen Wiener Lehrstuhlinhaber für »Internationale Wirtschaftsgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der Globalgeschichte« setzt dabei ein gelungenes Startzeichen.

Anfangs um die Rechtfertigung des Daseins dieses Lehrstuhles mit der etwas umständlichen Bezeichnung bemüht, geht der Text unbemerkt über in einen lebendigen, lesenswerten und gehaltvollen Traktat zu einigen zentralen Fragen der gegenwärtigen Wirtschaftsgeschichtsforschung. Anlass zu diesen Betrachtungen liefert Vries die Frage, was die britische Wirtschaft von der chinesischen im »langen 18. Jahrhundert« unterschied und ob die Unterschiede zwischen beiden Ländern tatsächlich so beträchtlich waren, wie oftmals von der Forschung angenommen. Mit kritischem Blick setzt sich der Verfasser sowohl mit den Verfechtern einer traditionellen Wirtschaftsgeschichte als auch mit den Vertretern der Californian School auseinander, die – unter anderem Pomerantz und Goldstone – dem China des 18. Jahrhunderts einen beträchtlichen Wohlstandsvorsprung zumessen mögen. Mit diesen Gedanken holt Vries Globalgeschichte von einer philosophisch-diskursiven Sphäre (in die sie bei manchen Historikern zu entschweben droht) herunter und beleuchtet sie empirisch anhand des konkreten Beispiels. Zu Recht wird dabei der Aussagewert oft unreflektiert übernommener Quellenaussagen – beispielsweise aus Augenzeugenberichten – hinterfragt, aus denen so mancher auf möglicherweise bestehende Wohlstandsdifferenzen zu schließen geneigt ist.

Daneben setzt sich Vries auch kritisch mit vermeintlich unverdächtigen und fest etablierten Begriffen auseinander. So sind wir Historiker es gewohnt, in Modellen zu denken, die im Laufe der Zeit gelegentlich eine erstaunliche Hartnäckigkeit und ein bemerkenswertes Eigenleben entfalten. Dass beispielsweise der »Absolutismus« nicht so absolut war wie wir denken, wissen wir bereits seit Eli Heckscher. Wie aber sieht es mit der »Industriellen Revolution« aus? Auch wenn bei dieser das Revolutionäre schon seit den 1980er Jahren in zunehmendem Maße hinterfragt wird, bleibt eine solche vermeintliche Eigenschaft als Topos landläufig bei uns haften. Um so beachtlicher ist es, dass Peer Vries in seiner Publikation die tradierten wie aktuellen Ansichten (etwa zur Idee einer »Industrious Revolution«) aufgreift und auf diesem Wege neue Fragestellungen aufwirft. Auch der Staat als maßgeblicher Initiator frühmoderner ökonomischer Entwicklungsprozesse kommt hier zu seinem Recht. Dabei gibt der Verfasser keine endgültigen Antworten (was zweifellos auch nicht beabsichtigt ist), sondern lädt stattdessen dazu ein, nicht nur hergebrachte, sondern auch aktuelle und innovative Lehrmeinungen zu hinterfragen und auf dem Boden der Tatsachen mit ausgewogenem, quellenkritischem Blick zu verifizieren, relativieren oder zu verwerfen.

Die Gegenüberstellung zweier doch auf den ersten Blick so ungleicher Länder wie China und Großbritannien nutzt der Verfasser ebenso, um vor einer Überbetonung globaler Vernetzung in der Frühen Neuzeit wie auch vor geschichtswissenschaftlichem Eurozentrismus und einem teleologischen, westlichen Wachstumsmodell zu warnen. Als Beispiel mag hier der Hinweis auf Vries‘ Gedanken zur vermeintlichen »Öffnung« Chinas gegenüber dem Westen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dienen, die sich bei näherer Betrachtung und aus chinesischer Sicht als höchst marginales Phänomen erweist.

Weniger hingegen geht es Vries um das, was der Titel suggeriert: um den Tee. Dieser fungiert als Anlass und Aufhänger, während das Buch über längere Strecken ohne dieses Getränk auskommt und sich stattdessen mit Reis, Zucker oder anderen Produkten auseinandersetzt. Gleichwohl mögen wir dem Verfasser keine Irreführung des Publikums bescheinigen, denn der Tee war zweifellos das Gut, welches China und Großbritannien während des Untersuchungszeitraumes am augenfälligsten verband. Außerdem passt zu einem guten Buch immer eine Tasse Tee (auch wenn dieser heute kaum mehr aus China, sondern wohl eher aus Indien kommt).

Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

PSJ Metadata
Martin Krieger
P. Vries, Zur politischen Ökonomie des Tees (Martin Krieger)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Asien, Orient, Ferner Osten, Großbritannien
Wirtschaftsgeschichte
20. Jh., Neuzeit bis 1900
4009937-4 4022153-2 4184593-6 4347191-2
1600-1950
China (4009937-4), Großbritannien (4022153-2), Teehandel (4184593-6), Teewirtschaft (4347191-2)
PDF document vries_krieger.doc.pdf — PDF document, 84 KB
P. Vries, Zur politischen Ökonomie des Tees (Martin Krieger)
In: Francia-Recensio 2011/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-1/FN/vries_krieger
Veröffentlicht am: 08.03.2011 13:20
Zugriff vom: 07.08.2020 15:15
abgelegt unter: