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    Commission des Archives diplomatiques, Documents diplomatiques français (Ulrich Lappenküper)

    Francia-Recensio 2011/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Ministère des Affaires étrangères (Paris), Commission des Archives diplomatiques – Direction des Archives diplomatiques (dir.), Documents diplomatiques français. 1947. Tome II (1 er juillet–31 décembre), Bruxelles, Bern, Berlin et al. (Peter Lang) 2009, XLIV–1040 p. (Documents diplomatiques français. 1944–1954, 9) ISBN 978-90-5201-099-1, EUR 38,50.


    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Ulrich Lappenküper, Friedrichsruh

    Mit der Entlassung der kommunistischen Minister aus der Regierung Ramadier im Mai 1947 begann für die französische Außenpolitik der Nachkriegszeit eine neue Ära. Von der sowjetischen Führung zur radikalen Agitation gegen den sog. »US-Imperialismus« und seine Verbündeten aufgerufen, ging der PC auf einen entschiedenen Oppositionskurs. Sein Ziel, Frankreich von einem Schwenk nach Westen abzuhalten, sollte er aber nicht erreichen. Im Zeichen von Lebensmittelverknappung, schwindenden Devisenreserven und einem horrenden Handelsdefizit sah die im November gebildete Koalition der »Troisième Force« unter Robert Schuman keine andere Wahl, als die bisherige Politik der Äquidistanz zu den Angelsachsen und den Sowjets aufzugeben.

    Wie sehr Frankreich in diesen Monaten außenpolitisch und international unter Druck geriet, davon gibt der unter der Leitung von Georges-Henri Soutou erarbeitete zweite Halb-Jahresband 1947 ein beredtes Zeugnis. Eindrucksvoll belegen die 456 Dokumente aus dem Archiv des Pariser Außenministeriums auf über 1000 Seiten, dass der »tournant fondamental« (Soutou, S. XII) der französischen Außenpolitik letztlich alternativlos war.

    Im Mittelpunkt der Edition stehen die Beziehungen der Großen Vier zwischen der Verkündigung des Marshall-Plans im Juni und der Londoner Außenministerratstagung im November/Dezember 1947. Zwei Aspekte stellen die Dokumente in einem bisher nur wenig bekannten Licht dar: die enge Zusammenarbeit zwischen Paris und London im Nachgang zur Unterzeichnung des Vertrags von Dünkirchen sowie die Enttäuschung der Tschechoslowakei über das Veto des sowjetischen Diktators Stalin gegen eine Mitwirkung an der nach Paris einberufenen Marshall-Plan-Konferenz. Trotz aller Mahnungen von Außenminister Georges Bidault, nicht der Spaltung Europas »en deux groupes« Vorschub zu leisten (S. 29), verweigerte Stalin den osteuropäischen Staaten die Teilnahme, weil das amerikanische European Recovery Program seines Erachtens lediglich darauf abzielte »à isoler l’URSS« (S. 132).

    Die sich damit abzeichnende Teilung des europäischen Kontinents lief den französischen Interessen umso mehr zuwider, als sie auch die mit der Bildung der Bi-Zone in Westdeutschland neu konturierte Deutsche Frage verschärfte. »La France [...] n’a pas de haine. Elle ne désire pas réduire l’Allemagne à la misère. Elle admet que la reconstruction de l’Allemagne est un élément de la reconstruction européenne, mais elle ne doit pas venir en premier lieu « , erklärte Bidault am 9. Juli (S. 103). Doch der implizit ausgesprochene Wunsch nach einer »remise en ordre de l’Allemagne« (S. 127) war mit dem expliziten Streben nach einer Fortsetzung des »accord quadripartite sur l'Allemagne« (S. 136) kaum in Einklang zu bringen. Noch am 30. September dementierte Bidault die Gerüchte über eine Verschmelzung der angelsächsischen mit der französischen Besatzungszone und behauptete, Frankreich »entend conserver à cet égard son entière liberté d’action« (S. 461). Obwohl sich im Außenministerium am Quai d’Orsay allmählich die Ansicht durchsetzte, dass Stalin Ostmitteleuropa in eine »zone exclusivement soumise à son hégémonie« umwandeln wolle (S. 323), hielt die französischen Diplomatie noch immer das Banner des »péril allemand« hoch (S. 607) und hoffte, ihm mit der »thèse de l’indépendance politique de la Ruhr et de la Rhénanie« und einer Opposition gegen die »unité économique« begegnen zu können (S. 644, 641). Während weitsichtige Botschafter wie René Massigli dem Unvermeidlichen – der »coupure de l’Allemagne en deux« – glaubte nicht mehr widerstehen zu können (S. 207), setzte das Ministerium im Vorfeld der Londoner Konferenz auf den »maintien du statu quo [qui] nous permet de garder une attitude d’expectative entre les deux grands blocs rivaux« (S. 648). Erst als die USA nach dem Abbruch der Konferenz die Respektierung der französischen Interessen in Bezug auf Deutschland, die Saar und das Ruhrgebiet versicherten, erklärte sich Bidault am 22. Dezember bereit, an Beratungen teilzunehmen, »pour harmoniser l’action des Alliés dans les trois zones occidentales« (S. 953). Von einer Fusion der Zonen war noch nicht die Rede.

    Höchst negative Auswirkungen zeitigte der sich zuspitzende Ost-West-Konflikt für Frankreichs Außenpolitik auch in Bezug auf das Verhältnis zu Polen und der Tschechoslowakei. Kurz nach dem Übergang der kommunistischen Weltbewegung zur Kominform-Strategie sah sich Bidault genötigt, die Beratungen mit Prag und Warschau über den Abschluss neuer Allianzverträge auszusetzen. Denn nun war klar, dass Moskau einen »rideau de fer« heruntergelassen (S. 815) hatte.

    Neben den Spannungen im Ost-West-Verhältnis waren es vor allem die Probleme in Indochina, die die französische Außenpolitik in der zweiten Hälfte des Jahres 1947 belasteten. Vor dem Hintergrund der innenpolitischen Machtverschiebungen setzte Frankreich auf die Bildung einer Gegenregierung unter dem früheren Kaiser von Annam, Bao Dai, und beschloss Anfang Dezember nach kontroversen Debatten, ihm als Preis für die Mitwirkung an der Spaltung der vietnamesischen Unabhängigkeitsbewegung die Einheit des Landes und Unabhängigkeit im Rahmen der Union française anzubieten. Wie in Europa leitete Frankreich also auch in Fernost eine tiefgreifende Wende in der Außenpolitik ein, eher notgedrungen und ohne Enthusiasmus. »Le choix occidental de la France«, so stellt Soutou treffend heraus, »est désormais clair, même s’il n'est pas encore proclamé publiquement« (S. XII).

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    PSJ Metadata
    Ulrich Lappenküper
    Commission des Archives diplomatiques, Documents diplomatiques français (Ulrich Lappenküper)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    21. Jh.
    4018145-5 4003846-4 4012402-2 4218937-8
    1945-2000
    Frankreich (4018145-5), Außenpolitik (4003846-4), Diplomatie (4012402-2), Frankreich / Außenministerium (4218937-8)
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    Commission des Archives diplomatiques, Documents diplomatiques français (Ulrich Lappenküper)
    In: Francia-Recensio 2011/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-1/ZG/commission-des-archives-diplomatiques_lappenkueper
    Veröffentlicht am: 08.03.2011 13:20
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:22
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