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    C. Defrance, M. Kißener, P. Nordblom, Wege der Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945 (Guido Thiemeyer)

    Francia-Recensio 2011/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Corine Defrance, Michael Kißener, Pia Nordblom (Hg.), Wege der Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945. Zivilgesellschaftliche Annäherungen, Tübingen (narr Verlag) 2010, 412 S. (edition lendemains, 7), ISBN 978-3-8233-6421-4, EUR 58,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Guido Thiemeyer, Cergy-Pontoise

    Als transnationale Beziehungen wird seit einigen Jahren jener Teil der internationalen Beziehungen bezeichnet, der vor allem von zivilgesellschaftlichen Akteuren getragen wird. Nachdem er lange Zeit wenig beachtet wurde, hat die historische Forschung diese Beziehungen in den letzten Jahren stärker in den Fokus genommen, insbesondere theoretische Überlegungen zum Stellenwert und zur methodischen Herangehensweise an transnationale Geschichte haben seither Konjunktur (vgl. die Beiträge von Corine Defrance und Hans Manfred Bock in diesem Band). Hierhinter blieb die empirische Forschung zunächst zurück, was nicht zuletzt daran liegt, dass die Quellen transnationaler Geschichte sehr viel disparater und daher schwerer zu erschließen sind. Ein Bereich transnationaler Geschichte – die deutsch-französischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit und in den Jahren nach 1945 – ist jedoch inzwischen vergleichsweise gut erforscht. Dies ist nicht zuletzt das Verdienst von Corine Defrance, die auch in diesem Band als Mitherausgeberin fungiert, sowie von Hans Manfred Bock und Hartmut Kaelble, die seit Jahren die bilateralen gesellschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich mit großem Fleiß bearbeiten.

    Der Band geht auf eine Tagung zurück, die der Pariser Forschungsverbund IRICE gemeinsam mit dem Mainzer Institut für Europäische Geschichte ausrichtete. Er führt die transnationale Erforschung der deutsch-französischen Beziehungen durch quellengestützte Arbeiten weiter und ist zugleich eine gute Zwischenbilanz, die eine erste Systematisierung deutsch-französischer transnationaler Beziehungen im 20. Jahrhundert erlaubt.

    Fragt man zunächst nach den Strukturen, so verdeutlichen die Beträge des Bandes die Vielfalt der Akteure in den transnationalen Beziehungen. Intellektuelle spielen hier ebenso eine Rolle wie Kommunalpolitiker oder engagierte Einzelpersonen. Es wird aber auch deutlich, dass in fast allen der hier geschilderten Beispiele Regierungen, internationale Organisationen und öffentliche Verwaltungen eine mehr oder weniger aktive Rolle übernahmen. Intellektuelle spielten beispielsweise bei der Entstehung der ersten Deutsch-französischen Gesellschaft (DFG) in Berlin 1928 eine Schlüsselrolle (Hans Manfred Bock). Otto Grautoff, ihr Gründer, war Publizist und Verleger in Berlin, unterhielt aber auch einen intellektuellen Salon in Paris. Die von ihm gegründete Berliner DFG wurde zum Vorbild für ähnliche Gründungen in verschiedenen deutschen Städten. Andere wichtige Akteure waren (schon in der Zwischenkriegszeit, aber auch nach 1945) die »Ancien Combattants«, die, in nationalen Verbänden zusammengeschlossen, bald auch Kontakt zueinander aufnahmen (Beiträge von Fabien Théofilakis und Andreas Roessner). Eine besondere Rolle spielte zweifellos das bürgerschaftliche Engagement. Sei es im Rahmen von Städtepartnerschaften, denen in diesem Band allein fünf Beträge gewidmet sind, sei es als Einzelinitiative; bürgerschaftlicher Idealismus führte in vielen Fällen zu Initiativen für deutsch-französische Verständigung, die dann im Rahmen von Deutsch-französischen Gesellschaften, halb-privaten Clubs oder eben Städtepartnerschaften institutionalisiert wurden. Auch die katholische Kirche spielt als Akteur eine Rolle (Michael Kißener).

    Es fällt bei einer solchen strukturellen Betrachtung transnationaler Beziehungen allerdings auf, dass in fast allen Fällen auch Regierungen oder internationale Organisationen involviert waren. Das gilt für die französischen Besatzungsbehörden in Deutschland, die die privaten Initiativen nicht nur unterstützten, sondern auch gezielt ermunterten (Margarete Mehdorn) ebenso wie für Bundeskanzler Konrad Adenauer, der zivilgesellschaftliche Initiativen zu deutsch-französischer Verständigung unterstützte. Es gibt aber auch das Beispiel, in dem Regierungen und öffentliche Verwaltungen die Privatinitiative verhinderten: Die Regierung der DDR versuchte die Kontakte der Kommunisten, die während der Exilzeit in Frankreich Unterschlupf fanden und nach der ostdeutschen Staatsgründung wieder Kontakte zu ihren französischen Genossen pflegten, gezielt zu verhindern. (Ulrich Pfeil, Hélène Yèche)

    Nimmt man die Prozesse der transnationalen deutsch-französischen Beziehungen in den Blick, ergibt sich auf der Basis der Beiträge ebenfalls ein Muster. Die Initiative zur Verständigung ging in der Regel von einer Einzelperson aus. Dies konnte ein Intellektueller sein (z. B. Grautoff), es konnte aber auch eine in Deutschland lebende Französin sein, wie etwa Andrée Rozel-Häger, die den Cercle français de Kassel gründete (Katharine Florin). Wichtig für den Erfolg war aber, dass die Einzelinitiative nicht isoliert blieb, sondern institutionalisiert wurde. Das geschah entweder durch eine Vereinsgründung, durch die Gründung einer Zeitschrift, einer Städtepartnerschaft oder regionaler bilateraler Organisationen. Oft gab es hier die Anlehnung an eine übergeordnete Organisation, etwa an die Internationale Bürgermeister-Union (IBU) oder der Rat der Gemeinden Europas, in deren Rahmen viele Städtepartnerschaften entstanden oder institutionell gepflegt wurden. Gerade hier zeigt sich die bereits angedeutete enge Beziehung zwischen staatlich-administrativer und zivilgesellschaftlicher Ebene in besonderer Weise.

    Hieraus ergeben sich weitere Fragen, die in diesem Band nicht thematisiert wurden, aber erkenntnisfördernd sein könnten: Wie lässt sich die Beziehung zwischen zivilgesellschaftlicher Initiative und staatlich-administrativen Institutionen beschreiben? Inwiefern war die staatlich-administrative Unterstützung der zivilgesellschaftlichen Initiativen wesentlich für deren Erfolg? Inwieweit aber auch beruhte die politische Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945 auf der breiten zivilgesellschaftlichen Akzeptanz? Diese Fragen sind kaum pauschal zu beantworten, lohnen aber gewiss eine genauere Untersuchung.

    Lassen sich also hinsichtlich der Strukturen und Prozesse der zivilgesellschaftlichen Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen durchaus wiederkehrende Muster finden, so gilt das kaum für die inhaltliche Seite. Hier waren die individuellen Motive für deutsch-französische Initiativen sehr disparat. Oft stehen idealistische Motive im Vordergrund, die auf eine deutsch-französische Verständigung zur Erhaltung des Friedens abzielten. Hier wäre allerdings eine genauere Untersuchung notwendig. Was führte beispielsweise die Anciens combattants dazu untereinander Kontakt aufzunehmen, was bewog die bereits erwähnte Andrée Rozel-Häger sich in dieser Weise in Kassel für deutsch-französische Kontakte einzusetzen? Welche Rolle spielte hierbei die deutsch-französische Kollaboration während des Zweiten Weltkrieges? Das gilt auch für die Städtepartnerschaften: Jürgen Dierkes zeigt in seinem Beitrag, dass es bei der Initiierung der Städtepartnerschaft zwischen Rue und Borgentreich um »Völkerverständigung« und »Erfahrungsaustausch« gehen sollte. Was aber hieß das konkret, was verbarg sich hinter Allgemeinplätzen dieser Art?

    Insgesamt gibt der Band einen sehr guten Einblick in den Forschungsstand und er dürfte schon allein deswegen Ausgangspunkt für weitere Aktivitäten sein.

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    PSJ Metadata
    Guido Thiemeyer
    C. Defrance, M. Kißener, P. Nordblom, Wege der Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945 (Guido Thiemeyer)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein
    20. Jh.
    4011882-4 4018145-5 4008767-0 4063213-1
    1945-2000
    Deutschland (4011882-4), Frankreich (4018145-5), Bürgerbeteiligung (4008767-0), Versöhnung (4063213-1)
    PDF document defrance_thiemeyer.doc.pdf — PDF document, 102 KB
    C. Defrance, M. Kißener, P. Nordblom, Wege der Verständigung zwischen Deutschen und Franzosen nach 1945 (Guido Thiemeyer)
    In: Francia-Recensio 2011/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-1/ZG/defrance_thiemeyer
    Veröffentlicht am: 08.03.2011 13:25
    Zugriff vom: 25.02.2020 08:53
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