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H. Fühner, Nachspiel (Claudia Moisel)

Francia-Recensio 2011/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Harald Fühner, Nachspiel. Die niederländische Politik und die Verfolgung von Kollaborateuren und NS-Verbrechern, 1945–1989, Münster u. a. (Waxmann) 2005, 471 S. (Niederlande-Studien, 35), ISBN 3-8309-1464-4, EUR 39,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Claudia Moisel, München

Die niederländischen Debatten über die Strafverfolgung der Kollaborateure und deutscher NS-Verbrecher stehen im Mittelpunkt der Dissertation von Harald Fühner, die Ende der 1990er Jahre am Zentrum für Niederlande-Studien in Münster konzipiert worden ist. Damit bewegt sich der Autor auf einem bereits vielfach bearbeiteten Feld; neben Beiträgen von Peter Helmberger zum deutsch-niederländischen Ausgleichsvertrag vom April 1960 liegt seit 2000 auch die sehr umfangreiche vergleichende Studie des belgischen Zeithistorikers Pieter Lagrou über die Nachgeschichte der Besatzungszeit in Frankreich, Belgien und den Niederlanden vor 1 . Für die Niederlande – anders als Frankreich und Belgien im Ersten Weltkrieg neutral – war die Besatzungszeit eine ungleich traumatischere Erfahrung, so die damalige Ausgangsthese von Pieter Lagrou.

Fühner verweist eingangs mit einigem Recht darauf, dass Ferdinand Hugo aus der Fünten und Franz Fischer, die erst 1989 aus dem niederländischen Gefängnis Breda entlassen wurden und damit die am längsten inhaftierten NS-Verbrecher waren, den meisten seiner Leser kein Begriff sein dürften. Überzeugt zeigt er sich, dass es dennoch lohnt, sich auf die Nachkriegsgeschichte des Nachbarlandes und seine spezifischen Konflikte einzulassen. Früher und intensiver als in anderen westeuropäischen Ländern habe sich die Öffentlichkeit und die Politik in den Niederlanden mit der Besatzungszeit auseinandergesetzt.

Parallelen zur strafrechtlichen Verfolgung von NS-Verbrechen in der Bundesrepublik finden sich vor allem dort, wo der Autor Zäsuren und Phasenbildungen diskutiert: Dass mit Gründung der Bundesrepublik die »Phase der Bestrafungen« zu Ende gegangen war und die 1950er Jahre von Strafnachlässen und Begnadigungen geprägt waren, ist ein Befund, der auch für die Bundesrepublik und andere westeuropäische Länder, insbesondere Frankreich, bereits vielfach diskutiert worden ist. Kaum überraschend also, dass die niederländischen Gerichte mit wachsendem Abstand zum Kriegsende mildere Kriterien anlegten und die Regierung auf einen raschen Abschluss der Verfahren und die Auflösung der Internierungslager drängte. Dass die westlichen Alliierten Ende der 1940er Jahre eine zunehmend restriktive Auslieferungspolitik praktizierten, welche für die Strafverfolgung von Kriegs- und NS-Verbrechen weitreichende Folgen hatte, ist ebenfalls seit längerem bekannt. Und es scheint sich einmal mehr die große Zäsurwirkung des Eichmann-Prozesses zu bestätigen, der auch in den Niederlanden als Ausgangspunkt für eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Besatzungsgeschichte erinnert wird 2 .

Besonders ertragreich deshalb der Blick auf Unterschiede und spezifische Entwicklungen: sollte die beiläufig geäußerte Einschätzung des Autors zutreffen, es habe die Debatten über den Zweiten Weltkrieg maßgeblich geprägt, dass die Niederlande zur gleichen Zeit in Ostindien in einem Dekolonisationskrieg standen, dann könnte der Brückenschlag zwischen der vielfach ausschließlich im nationalgeschichtlichen Kontext diskutierten Vergangenheitspolitik und transnationalen Fragestellungen gelingen. Dass die niederländische Regierung in den 1950er Jahren offenkundig viel Aufwand betrieben hatte, um die Kriegsverbrecherfrage nach Möglichkeit unter Ausschluss der parlamentarischen Öffentlichkeit zu diskutieren, begründet der Autor mit der regierungsamtlichen Geschichtspolitik, welche in dieser Zeit die Erinnerung an den Widerstand privilegierte. Zugleich ist damit einiges gesagt über die politische Kultur einer parlamentarischen Demokratie westlichen Zuschnitts in dieser Zeit.

Anregend auch der Blick auf die zeitgenössischen Diskussionsbeiträge niederländischer Psychiater, die in den 1970er Jahren die Wiederaufnahme der Strafverfolgung zum Teil auch mit kritischen Kommentaren begleiteten. Für die Verfolgten, so der ehemalige Widerstandskämpfer und Psychiater Bastiaans, sei eine Zeugenaussage viele Jahre nach Kriegsende oftmals eine unzumutbare Belastung.

Gerne hätte der Leser bei der Lektüre auf ein Personenregister zurückgegriffen. Und aufschlussreich wäre sicherlich die Einsichtnahme in den Bestand »Zentrale Rechtsschutzstelle« im Bundesarchiv gewesen, der eine Fülle von Antworten auf die im dritten Teil der Studie bearbeitete Frage nach bundesdeutschen Interventionen versammelt. Sehr ausführlich hat Fühner hingegen in niederländischen Archiven recherchiert, die vorliegende Literatur umfassend recherchiert und ausgewertet. Seine Ergebnisse bestätigen auf breiter empirischer Basis die von Pieter Lagrou vorgelegten Thesen über Zusammenhänge zwischen staatlicher Erinnerungspolitik und Strafverfolgung in den Jahren 1945 bis 1989. Die schon früh einsetzende selbstkritische Sicht der Niederländer auf ihre Rolle in Krieg und Besatzungszeit war, folgt man Fühner, wohl der wichtigste Grund dafür, dem westdeutschen Nachbarn vergleichbare Einsichten abzuverlangen: für eine vorzeitige Entlassung verurteilter NS-Verbrecher wie Ferdinand Hugo aus der Fünten und Franz Fischer gab es aus Sicht der niederländischen Justiz und Politik schlicht keine tragfähigen Argumente.

1 Pieter Lagrou, Mémoires patriotiques et occupation nazie. Résistants, requis et déportés en Europe occidentale 1945–1965, Bruxelles, Paris 2003 (Histoire du temps présent).

2 Nina Burkhardt, Externalisierung und Selbstkritik. Der Eichmann-Prozess in belgischen und niederländischen Medienberichten, in: Jan Eckel, Claudia Moisel (Hg.), Universalisierung des Holocaust? Erinnerungskultur und Geschichtspolitik in internationaler Perspektive, Göttingen 2008 (Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, 24), S. 26–42.

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PSJ Metadata
Claudia Moisel
H. Fühner, Nachspiel (Claudia Moisel)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute)
Niederlande
Politikgeschichte
20. Jh.
4042203-3 4031748-1 4075228-8 4057803-3
1945-1989
Niederlande (4042203-3), Kollaboration (4031748-1), Nationalsozialistisches Verbrechen (4075228-8), Strafverfolgung (4057803-3)
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H. Fühner, Nachspiel (Claudia Moisel)
In: Francia-Recensio 2011/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-1/ZG/fuehner_moisel
Veröffentlicht am: 08.03.2011 13:20
Zugriff vom: 22.02.2020 17:36
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