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    A. Conklin, S. Fishman, R. Zaretzky, France and Its Empire Since 1870 (Hendrik Thoß)

    Francia-Recensio 2011/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Alice Conklin, Sarah Fishman, Robert Zaretsky, France and Its Empire Since 1870, Oxford (Oxford University Press) 2010, XXII–425 p., ISBN 978-0-19-973518-1, USD 39,95.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hendrik Thoß, Chemnitz

    Mit dem vorliegenden Werk »France And Its Empire Since 1870« präsentieren drei US-Historiker, die als ausgewiesene Kenner der französischen Geschichte gelten können, eine Untersuchung, die tatsächlich weit mehr darstellt als eine bloße Analyse der politischen Geschichte Frankreichs seit der Niederlage im deutsch-französischen Krieg 1870/71. In insgesamt vierzehn Kapiteln und ergänzt durch zahlreiche Abbildungen wird ein informativer Überblick über die Geschichte Frankreichs geboten, der neben den klassischen politik-, verfassungs- und verwaltungsgeschichtlichen Fragestellungen auch mannigfaltige Erkenntnisse über wirtschafts-, sozial-, kultur-, geschlechter- und mentalitätsgeschichtliche Aspekte vermittelt.

    Zugleich wird in diese Geschichte des »Hexagons« auch die des Kolonialstaates Frankreich eingebettet. Bekanntlich hatte es die Dritte Republik bis zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert vermocht, sich durch den Erwerb weiterer bedeutender Teile Schwarzafrikas neben Großbritannien als zweite große Kolonialmacht zu etablieren, und dieser Prozess zog sowohl im Mutterland als auch in den Kolonien selbst teils äußerst bedeutsame Entwicklungen nach sich. Gleichwohl kommen auch die Autoren dieses Bandes trotz der Fokussierung auf die Zeit nach 1870 nicht umhin, sich in einem ersten, einführenden Kapitel mit der »Vorgeschichte ihrer Geschichte« in Gestalt der Französischen Revolution, der Ära Napoleon Bonapartes und seiner »Nachfolger« aus der Familie Bourbon auseinanderzusetzen.

    Letztlich war die Entscheidung zum Erwerb neuer Kolonien auch der Niederlage gegen die von Preußen geführten und im Norddeutschen Bund geeinten Länder und ihre süddeutschen Bundesgenossen geschuldet, eine Entwicklung, die durchaus auch Bismarcks außenpolitischen Vorstellungen und Konzeptionen entsprach. So wurde die französische Nation zu Beginn des 20. Jahrhunderts wenigstens in der Theorie zu einer 100 Millionen Köpfe zählenden Völkerfamilie, wenngleich etwa die Muslime in den nordafrikanischen Territorien aufgrund ihres Glaubens vom Status eines Bürgers ausgeschlossen blieben. Daran änderte auch der extensive Einsatz afrikanischer Kontingente während des Ersten Weltkrieges nichts, der sich, neben dem aktiven Eingreifen der USA in das Geschehen ab 1917, für die Entente letztlich als kriegsentscheidend erweisen sollte und aus dem durchaus eine Dankesschuld des französischen Staates resultierte.

    Die Autoren weisen darauf hin, dass der alliierte Sieg über Deutschland 1918 und der Versailler Vertrag Frankreich letztlich nicht dauerhaft zu stabilisieren vermochten. Wohl vollzog sich während der 1920er Jahre ein beachtenswerter wirtschaftlicher Aufschwung, der mit einer schrittweisen Modernisierung der bis dahin vornehmlich von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägten Industrie einherging. Mit der Gründung der Kommunistischen Partei einerseits und zahlreicher rechter bzw. rechtsextremer Gruppierungen andererseits, sowie der Entstehung und Verbreitung nationalistischer, anti-kolonialer Bewegungen in Nordafrika und Indochina war jedoch der endgültige Bruch der Strukturen der Dritten Republik bereits vorgezeichnet.

    Dass dieses Ende dann 1940 Realität wurde, hatte indes, wie die Autoren behaupten, weit weniger mit den mangelnden Einflussmöglichkeiten Charles de Gaulles zu tun, als vielmehr mit dem unkonventionellen Agieren der Deutschen Wehrmacht und – wie etwa Karl Heinz Friesers Studie zur Blitzkrieg-Legende nachdrücklich belegt – mit jeder Menge von Zufällen, die den deutschen Panzerdivisionen in weniger als 60 Stunden den Weg von der deutsch-belgischen Grenze bis über die Maas ebneten. Zu Recht haben die Jahre der Besatzung und der Kollaboration als die dunklen Jahre zu gelten, wenngleich der Beitrag Vichy-Frankreichs zur Endlösung wie zur Weiterführung des Krieges auch in dieser Darstellung nicht seinen angemessenen Platz findet. Auf umso fruchtbareren Boden fiel daher de Gaulles Diktum von der französischen Nation, die sich, von ein paar wenigen Ausnahmen abgesehen, kollektiv im Widerstand gegen die Besatzungsmacht engagiert habe.

    Wohl gelang es dem politisierenden General mit diesem eleganten Schachzug den Gründungsmythos der Vierten Republik zu konstruieren und die innenpolitische Landschaft des Hexagons zu stabilisieren. Die vielfältigen außen- bzw. kolonial-politischen Probleme Frankreichs verloren jedoch auch nach dem 8./9. Mai 1945 keineswegs an Brisanz. Im Gegenteil. Hier gelingt es den Autoren, die komplexe Gemengelage aus Anspruch und Wirklichkeit französischer Großmacht- und Kolonialpolitik präzise darzustellen. Einerseits führte nicht zuletzt die atomare Aufrüstung Frankreich zurück in die erste Liga der global player der ständigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrates; andererseits ebnete das Scheitern der wieder forcierten kolonialen Ambitionen in Indochina wie in Algerien Charles de Gaulle endgültig den Weg an die Spitze der Republik. Unbestritten vermochte kein französischer Politiker und Staatsmann seit Napoleon Bonaparte Frankreich und Europa so zu prägen wie »der General« und die Autoren räumen seinem Wirken als Ministerpräsident bzw. Staatspräsident zu Recht einen separaten Abschnitt (Kap. 11) ein. Die sich anschließenden Kapitel stellen unter politik- bzw. sozialwissenschaftlicher Perspektive den Bezug zum Frankreich des beginnenden 21. Jahrhunderts her.

    Den drei Autoren ist eine gut lesbare Überblicksdarstellung der französischen Geschichte geglückt, die neben dem Mutterland auch die Kolonien in gebührender Form berücksichtigt. Dass dem Buch ein Verzeichnis weiterführender, aktueller Forschungsliteratur fehlt, auf die der interessierte Leser dann direkt zugreifen könnte, schmälert den Wert der vorgelegten Arbeit letztlich nur unwesentlich.

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    PSJ Metadata
    Hendrik Thoß
    A. Conklin, S. Fishman, R. Zaretzky, France and Its Empire Since 1870 (Hendrik Thoß)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Frankreich und Monaco
    Geschichte allgemein
    19. Jh., 20. Jh.
    4018145-5 4031790-0 4222221-7
    1870-1958
    Frankreich (4018145-5), Kolonie (4031790-0), Überseeterritorium (4222221-7)
    PDF document conklin-fishman_thoss.doc.pdf — PDF document, 94 KB
    A. Conklin, S. Fishman, R. Zaretzky, France and Its Empire Since 1870 (Hendrik Thoß)
    In: Francia-Recensio 2011/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-2/ZG/conklin_thoss
    Veröffentlicht am: 30.06.2011 14:30
    Zugriff vom: 20.01.2020 15:59
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