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    M. Grunewald, U. Puschner, Krisenwahrnehmung in Deutschland um 1900 (Arndt Weinrich)


    Francia-Recensio 2011/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Michel Grunewald, Uwe Puschner (Hg.), Krisenwahrnehmung in Deutschland um 1900 / Perceptions de la crise en Allemagne au début du XX e siècle. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich / Les périodiques et la mutation de la société allemande à l'époque wilhelminienne, Berlin, Bern, Bruxelles et al. (Peter Lang) 2010, 598 S., 3 Abb. (Convergences, 55), ISBN 978-3-03911-743-7, EUR 71,60.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Arndt Weinrich, Berlin

    Krise und Krisenbewusstsein, mit Reinhart Koselleck wertfrei verstanden als » Faktor und Indikator eines epochalen Umbruchs « 1 , sind integraler Bestandteil der Zeiterfahrung des 19. und 20. Jahrhunderts. Angesichts der sich beschleunigenden ökonomischen, sozialen, politischen und kulturellen Transformationsprozesse verkürzten sich Prognoserahmen und Halbwertszeit des Orientierungswissens der Zeitgenossen dramatisch. Die Zukunft erschien damit bestenfalls als offen, d. h. gestaltbar, und schlechtestenfalls als bedrohlich. Hinsichtlich Intensität und Diffusionsfähigkeit schwankten die zwischen Zukunftsoptimismus und Kulturpessimismus oszillierenden Krisendiskurse dabei im Zeitablauf beträchtlich; in Zeiten epochalen Wandels konnten sie sich jedoch zur Signatur der Zeitdiagnose verdichten und zu einer oder besser: verschiedenen konvergierenden Krisenmentalitäten führen. Ganz ohne Zweifel kann die wilhelminische Epoche in Deutschland in diesem Sinne als Umbruchs- bzw. Krisenzeit bezeichnet werden. Die Erfahrung der Dynamik des Wandels in allen Bereichen von Staat und Gesellschaft transzendierte gesellschaftlichen Schichten und sozialmoralische Milieus gleichermaßen und bestimmte die Wahrnehmungshorizonte und den Gefühlshaushalt der Zeitgenossen.

    Der von Michel Grunewald (Université Paul Verlaine, Metz) und Uwe Puschner (FU Berlin) herausgegebene Sammelband widmet sich den verschiedenen Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit auf die » gefühlte und reale, in jedem Fall multiple Krise « (S. 4), mit der sich die wilhelminische Gesellschaft um die Jahrhundertwende konfrontiert sah. Ausgehend von der Prämisse, dass Zeitschriften als » Seismographen ihrer Gegenwart « und » Leitmedium des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts « (S. 5) eine entscheidende Rolle bei der Diagnose von Krise und Umbruch einerseits und der Formulierung von » Krisenbewältigungs- und Zukunftskonzepten « andererseits spielten, arbeitet der Band durch die Analyse von insgesamt 22 ein breites weltanschaulich-politisches Spektrum abdeckenden Zeitschriften verschiedene milieubestimmte Deutungsmuster und Reaktionstypen gegenüber den Herausforderungen der mehrdimensionalen Modernisierung heraus.

    Der sehr voluminöse Band gliedert sich in drei Abschnitte: In einem ersten Teil » Signaturen der Epoche – ein Problemaufriss « stellen Rüdiger vom Bruch, Gilbert Merlio und Reiner Marcowitz die deutsche Krisenrhetorik in einen größeren historischen Kontext. Insbesondere Marcowitz unterstreicht dabei den Zusammenhang bzw. die Parallelität von » innerem « Krisendiskurs und » äußerer « Krisenpolitik und spricht damit die Frage der Bedeutung einer fatalistischen Krisendiagnostik der deutschen Entscheidungseliten für ihre verhängnisvolle Politik in der Julikrise 1914 an, die zumindest das implizite Erkenntnisinteresse jeder Untersuchung zu den Krisenwahrnehmungen im Deutschen Reich darstellt.

    Der zweite, mit rund 450 Seiten umfangreichste Teil des Bandes widmet sich in 22 Fallstudien den Krisenwahrnehmungen der deutschen Publizistik. In einer analytischen Vierteilung in (1.) konfessionelle, (2.) im weitesten Sinne politische, d. h. konkret sozialistische, liberale, konservative und nationalistische, (3.) kulturbürgerliche und schließlich (4.) teilgesellschaftliche Perspektiven wird der Anspruch des Bandes eingelöst, die Fixierung auf die Protagonisten des deutschen Kulturpessimismus (nationales Bildungsbürgertum) aufzubrechen und eine möglichst ausgewogene Untersuchung der teilweise divergierenden, teilweise eher komplementären Krisendeutungen in der wilhelminischen Gesellschaft vorzulegen. Auch wenn man hier die Sicht der organisierten Arbeiterbewegung und damit immerhin des wichtigsten Akteurs der von bürgerlicher Seite als so bedrohlich empfundenen sozialen Krise, vermisst, gelingt es den Einzelbeiträgen immer wieder, interessante und weiterführende Perspektiven sowohl auf das Rahmenthema des Sammelbandes als auch auf die entwickelte Presselandschaft des Kaiserreichs insgesamt zu eröffnen.

    Während in den Beiträgen des zweiten Teils jeweils ein Presseerzeugnis über einen längeren Zeitraum untersucht wird, konzentriert sich Uwe Puschner im letzten Teil des Bandes ( » Rückblicke – Vorblicke « ) auf den Augenblick der Jahrhundertwende und geht anhand ausgewählter Zeitschriften dem Krisenbewusstsein der Zeitgenossen am Übergang vom 19. ins 20. Jahrhundert nach.

    Das wichtigste Ergebnis des Bandes ist zweifelsohne die Pluralität von Krisendeutungen und -reaktionen im deutschen Kaiserreich. Auch wenn die » soziale Frage «, das Phänomen einer entstehenden Massen(medien)kultur, die politische und kulturelle Herausforderung durch die Frauenbewegung sowie die sich von 1905–1914 häufenden außenpolitischen Krisensituationen grosso modo das Feld abstecken, in dem sich die Krisendiagnostik der untersuchten Periodika bewegte, gab es doch signifikante Unterschiede hinsichtlich ihrer Gewichtung und Bewertung. So determinierte die Tatsache, dass sich die Zeitgenossen durchaus als » Übergangsmenschen « (Hermann Conradi) sahen, noch keineswegs ihre Erwartungen an die Zukunft. Dem fundamentalen Pessimismus z. B. des Deutschen Adelsblattes oder dem sich in Reaktion auf die innen- wie außenpolitische Situation des Kaiserreichs radikalisierenden (und biologisierenden) Nationalismus der Alldeutschen Blätter standen eine Vielzahl von optimistischeren Zukunftsdiskursen gegenüber, die von der Beherrschbarkeit der innen- wie außenpolitischen Konfliktsituationen ausgingen. Im Großen und Ganzen gilt für die Krisendiskurse in der konfessionellen (protestantischen wie katholischen) und liberalen bis gemäßigt konservativen Publizistik die Feststellung, die Puschner resümierend ans Ende seines Beitrags zum Jahrhundertwechsel stellt: » Fortschrittsglaube, europäisches Sendungs- und nationales Selbstbewusstsein ließen Bedenken jedoch keinen Raum gewinnen. Man sah sich an einer ›großen Zeitwende‹ und nicht in einer ernsthaften, unüberwindlichen Krise befindlich « (S. 536).

    Kritisch muss angemerkt werden, dass die Herausgeber nicht oder nur sehr ansatzweise den Versuch unternehmen, die Ergebnisse der empirisch so reichhaltigen aber doch etwas bezugslos nebeneinander stehenden Einzelbeiträge zusammenzufassen, zu kommentieren und im Kontext der aktuellen Forschung zum Kaiserreich zu verorten. Wenigstens einige weiterführende Überlegungen z. B. zur Frage, ob vor dem Hintergrund der Einzelanalysen die deutschen Krisenwahrnehmungen als europäische Normalität oder als spezifisches Phänomen zu werten sind, hätte man sich hier gewünscht. Während das Gros der Beiträge eher die Normalitätsthese zu stützen scheinen, kann man sich zuweilen des Eindrucks nicht erwehren, dass implizit von der Spezifizität der deutschen Zeitdiagnostik ausgegangen wird. Hier hätte ein komparativer, z. B. Deutschland und Frankreich in den Blick nehmender Ansatz sicher zu weiteren interessanten Ergebnissen geführt.

    1 Reinhart Koselleck, Kritik und Krise. Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt, in: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck (Hg.), Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 3, Stuttgart 1982, S. 617–650, hier S. 617.

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    PSJ Metadata
    Arndt Weinrich
    M. Grunewald, U. Puschner, Krisenwahrnehmung in Deutschland um 1900 (Arndt Weinrich)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Geschichte allgemein, Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation
    19. Jh., 1900 - 1919
    4011882-4 4005709-4 4020588-5 4033203-2 4067488-5
    1880-1914
    Deutschland (4011882-4), Berichterstattung (4005709-4), Gesellschaft (4020588-5), Krise (4033203-2), Zeitschrift (4067488-5)
    PDF document grunewald-puschner_weinrich.doc.pdf — PDF document, 111 KB
    M. Grunewald, U. Puschner, Krisenwahrnehmung in Deutschland um 1900 (Arndt Weinrich)
    In: Francia-Recensio 2011/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-2/ZG/grunewald_weinrich
    Veröffentlicht am: 30.06.2011 14:35
    Zugriff vom: 22.05.2019 17:06
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