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    M. Goullet, M. Parisse, Lehrbuch des mittelalterlichen Lateins für Anfänger (Tina B. Orth-Müller)

    Francia-Recensio 2011/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Monique Goullet, Michel Parisse, Lehrbuch des mittelalterlichen Lateins für Anfänger. Aus dem Französischen übertragen und bearbeitet von Helmut Schareika, Hamburg (Helmut Buske Verlag) 2010, 230 S., ISBN 978-3-87548-514-1, EUR 29,90.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Tina B. Orth-Müller, München

    Das hier anzuzeigende Lehrbuch ist eine Übersetzung des in Frankreich bereits in dritter Auflage (2005, Nachdruck 2009) erschienenen »Apprendre le latin médiéval«, das von den Herausgebern Monique Goullet und Michel Parisse für Mittellateinkurse an Universitäten zusammengestellt wurde. Zielgruppe sind Studierende mediävistischer Fachrichtungen, ohne oder mit nur geringen Lateinkenntnissen, die binnen eines Jahres an das Lesen und Verstehen mittellateinischer Texte herangeführt werden sollen. Nach einer allgemeinen Einführung soll in 23 Lektionen die hierfür erforderliche Grammatik und ein Grundwortschatz erlernt und eingeübt werden. Bei jeder Lektion wird der jeweilige Lernstoff erklärt und, wenn erforderlich, durch Tabellen dargestellt. Hierbei wird von der klassischen lateinischen Grammatik ausgegangen und auf Besonderheiten des Mittellateins eigens hingewiesen. Dass dabei nicht auf alle Feinheiten der (mittel-)lateinischen Sprache eingegangen werden kann, ist dem Umfang des Buches geschuldet und wird von den Verfassern auch im Vorwort eingeräumt. In jeder Lektion bieten Exerzitien die Möglichkeit, den Stoff einzuüben. Bedauerlicherweise kommen jedoch hier gerade die mittellateinischen Besonderheiten oft zu kurz. So wird beispielsweise auf die Tempusverschiebung, die im Lehrbuch als doppelte Perfektmarkierung (S. 82) bezeichnet wird, und auf den Ersatz des AcI durch Nebensätze zwar kurz hingewiesen, eine Möglichkeit zum Einüben gibt es aber nicht. Ein Lösungsteil zu den Exerzitien fehlt, was die Benutzung des Buches außerhalb von Kursen deutlich erschwert. Lernvokabeln runden die Lektionen ab.

    Im Anschluss daran wird in den sog. praktischen Exerzitien zur Lektüre anhand von 25 Texten mit Übersetzungen ein erster Überblick über die wichtigste(n) mittelalterliche(n) Literatur(gattungen) geboten. Kurze Einführungen und erläuternde Anmerkungen erleichtern das inhaltliche Verständnis der Texte. Abgesehen von der Orthographie der Texte, die mal beibehalten, mal abgeändert wird (vor allem bei i/j), sind die Texte oft fehlerhaft wiedergegeben, z. B. S. 167 ordinata statt richtig ordinatis ; S. 184 fredens statt richtig frendens ; S. 196 scribo statt richtig asscribo . Auf S. 195 ist aus zwei Versen einer geworden: quondam felix et facundus heißt richtig quondam felix et fecundus, et facetus et facundus . Bei den Texten fehlt zum Teil die Angabe der Edition oder wird ungenau angegeben. Bei der Vita s. Gorgonii (S. 184 f.) entspricht der Text nicht der angegebenen Edition. Hier wurde der Text stillschweigend um Lesarten aus einer anderen Überlieferung erweitert oder abgeändert.

    Ein Wörterverzeichnis sowie ein Verzeichnis der Eigennamen und geographischen Namen und ein knapper grammatischer Index ergänzen das Lehrbuch. Im Wörterverzeichnis sind alle in den Lektionen vorkommenden Vokabeln und für das Übersetzen der Exerzitien innerhalb der Lektionen notwendigen Wörter verzeichnet. In einer Vorbemerkung erklären die Verfasser, dass bei den Diphthongen und bei ti (im Mittellatein häufig ci ) die klassische Schreibweise beibehalten wurde. Dass die klassische Orthographie nicht insgesamt beibehalten wurde, ist zu bedauern. Denn dies hätte wohl vermieden, dass das Verb abundare zweimal, als abundare und habundare , vorkommt, oder beispielsweise maiestas als magestas oder silva als sylva aufgenommen wurde. Zwar kommen diese Schreibweisen im Mittellateinischen vor, daneben finden sich jedoch häufiger die klassischen Schreibweisen. Auch existiert in den meisten Wörterbüchern keine Unterscheidung zwischen i und j .

    Das Buch ist insgesamt schlecht lektoriert. Neben zahlreichen Tippfehlern (S. 206 Schade statt Schaden; S. 210 Suppe statt Sippe) merkt man dem Buch die Übersetzung aus dem Französischen bisweilen an, z. B. lautet S. 209 die Übersetzung zu expugnator »der im Sturm nehmende Kämpfer« (»celui qui prend d’assaut«) statt kurz Eroberer. Ausdrücke aus der französischen Grammatik bleiben mitunter stehen, z. B. S. 82 Futur simple . Auch dass delere sich als Beispiel für die e-Konjugation nur bedingt eignet oder das Adjektiv mancus, -a, -um nur als Substantiv übersetzt ist, hätte durch ein sorgfältiges Lektorat eines sprachwissenschaftlichen Verlags vermieden werden können. Die Hinweise auf weiterführende, meist französische Literatur, wurden auch dann übernommen, wenn es entsprechende deutschsprachige Sekundärliteratur gibt. Zum Beispiel könnte S. 165, Anm. 50 um zwei lateinisch-deutsche Anthologien aus dem Reclam-Verlag ergänzt werden (zurzeit nur antiquarisch): Dorothea Walz, Lateinische Prosa des Mittelalters (1995) und Paul Klopsch, Lateinische Lyrik des Mittelalters (1985). Zu dem unter 7.2. vorgestellten Vagantengedicht des Hugo Primas hätte man neben dem frz. »Dictionnaire des Lettres françaises, Le Moyen Âge« auch auf die entsprechenden Artikel im »Lexikon des Mittelalters« verweisen können. Neben dem Hinweis auf Pascale Bourgain, Poésie lyrique du Moyen Âge (1989) sollte für die deutsche Ausgabe auch Karl Langosch, Hymnen und Vagantenlieder ( 3 1961) genannt werden, wo das vorliegende Gedicht im Übrigen vollständig ediert und übersetzt ist (S. 170–180). In der Liste der speziellen Wörterbücher des Mittellateinischen fehlen Hinweise auf die wissenschaftlichen mittellateinischen Wörterbücher, die in der Nachfolge des Du Cange entstehen, völlig. Hier hätte man zumindest das »Lexicon Latinitatis Nederlandicae Medii Aevi«, das bereits fertig ist, erwähnen können. Ferner wäre für die deutsche Ausgabe ein Hinweis auf das »Mittellateinische Wörterbuch« (1967ff. A–F abgeschlossen, G im Druck) wünschenswert gewesen, das neben lateinischen auch deutsche Interpretamente enthält. Unter den wissenschaftlichen Grammatiken vermisst man Peter Stotz, Handbuch zur lateinischen Sprache des Mittelalters, Bd. 1–5 (1996–2004), dessen erster Band auch eine Einführung in das Mittellatein enthält.

    Fazit: Das Lehrbuch ist am ehesten für Studierende und Lernende mit Vorkenntnissen ( Latinum ) geeignet, die ihre Lateinkenntnisse auffrischen und eine erste Handreichung für das Verstehen mittelalterlicher Texte suchen. Interessierten ohne Vorkenntnisse ist das Buch nicht zu empfehlen.

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    PSJ Metadata
    Tina B. Orth-Müller
    M. Goullet, M. Parisse, Lehrbuch des mittelalterlichen Lateins für Anfänger (Tina B. Orth-Müller)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Lateinische Sprache
    Mittelalter
    4039691-5 4021806-5
    Mittellatein (4039691-5), Grammatik (4021806-5)
    PDF document goullet_orth-mueller.doc.pdf — PDF document, 102 KB
    M. Goullet, M. Parisse, Lehrbuch des mittelalterlichen Lateins für Anfänger (Tina B. Orth-Müller)
    In: Francia-Recensio 2011/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-3/MA/goullet_orth-mueller
    Veröffentlicht am: 22.09.2011 16:20
    Zugriff vom: 27.01.2020 02:03
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