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L. Charrier, La revue de Genève (Verena Adamheit)

Francia-Recensio 2011/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Landry Charrier, La Revue de Genève. Les relations franco-allemandes et l’idée d’Europe unie (1920–1925), Genève (Éditions Slatkine) 2010, 387 p., ISBN 978-2-05-102100-5, EUR 65,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Verena Adamheit, Täby

Landry Charrier nennt sein Forschungsgebiet jüngst populär geworden: »die Europaidee in der Zwischenkriegszeit«. Zu deren Erforschung möchte er dadurch beitragen, dass er die »Revue de Genève«, deren Bedeutung für die deutsch-französischen Beziehungen und die Idee eines vereinigten Europa 1920–1925 untersucht. Dabei verfolgt er einen zweigeteilten Ansatz: zum einen personal mit der Annäherung an den Gründer der Zeitschrift, Robert de Traz, zum anderen multilateral mit der Wahl einer Schweizer Zeitschrift als deutsch-französischem Verständigungsorgan. Dementsprechend legt Charrier zunächst kurz den ideologischen Reifeprozess de Traz’ dar und widmet sich dann den Hauptdiskussionen und Beiträgern der »Revue« im untersuchten Zeitraum.

Zunächst zu de Traz: Aufgewachsen in Frankreich, der Heimat seiner Mutter, orientiert er sich vor dem Ersten Weltkrieg hin zur Heimat seines Vaters, der Schweiz, entwickelt sich unter dem Einfluss von Maurice Barrès und Charles Maurras zum Schweizer Nationalisten und verfasst Schriften zur Schweizer Identität. 1913 erscheint sein erster literarischer Erfolg, »L’homme dans le rang«, eine Heroisierung des Krieges und des Kriegers. Doch de Traz macht die gleiche Erfahrung wie viele Männer seiner Generation: Während des folgenden Ersten Weltkrieges wird er mit der Realität der Front konfrontiert und überdenkt sowohl seine kriegerische als auch nationalistische Haltung. Zunächst zögerlich entwickelt er ein Konzept des Kosmopolitismus, allerdings nicht im internationalistischen Sinne, sondern beruhend auf dem Primat der Nation, sich stets weiterhin zur Schweiz bekennend. In diesem Konzept wird er durch die Wahl Genfs als Sitz des Völkerbundes bestätigt. Die Schweiz dient ihm zudem – wie so vielen anderen – als Vorbild Europas: Dieses könne sein Überleben nach dem Krieg nur sichern, wenn es sich nach Schweizer Modell föderiere und gegenseitige Vielfalt garantiere. Zu diesem Ziel sollte die »Revue de Genève« beitragen.

De Traz gründete die Zeitschrift 1920 als politisches und kulturelles Mediationsforum für eine zukünftige Aussöhnung der ehemaligen Kriegsparteien, besonders Deutschland und Frankreich. Gleichzeitig konzipierte de Traz die Zeitschrift als Begleitorgan des Völkerbundes. Die Struktur der »Revue« sah drei Teile vor: erstens die Veröffentlichung literarischer Texte aus beiden Schwerpunktländern, zweitens sogenannte »nationale Chroniken« mit Texten freier Themenwahl und drittens Informationen zu den Aktivitäten internationaler Institutionen, vor allem des Völkerbundes. Dieses durchaus schlüssige Konzept litt allerdings von Anfang an unter zwei Problemen: Erstens hatte die «Revue« seit ihrem Gründungstag Finanzschwierigkeiten. De Traz war auf diesem Gebiet kein Fachmann, hinzu kamen Inflation, eine zu geringe Zahl an Abonnenten und deren schlechte Zahlungsmoral. De Traz war auf Mäzene angewiesen, zumal er weder Unterstützung durch die Schweizer Regierung noch völkerbundnahe Organisationen erhielt, und die Mäzene waren kaum bereit, immer wieder Mittel nachzuschießen. De Traz gab daher bereits Ende 1924 sein Amt als Direktor der »Revue« auf; diese fusionierte mit der »Bibliothèque universelle«. Damit endet der Untersuchungszeitraum Charriers 1 .

Zweitens zeigten sich schnell Probleme verursacht durch die Person de Traz: Sein erklärtes Ziel war es, sowohl Autoren- als auch Leserschaft seiner »Revue« aus der intellektuellen Elite Deutschlands und Frankreichs zu rekrutieren. Allein, de Traz verfügte über wenig Kontakte zu deutschen Intellektuellen. Ergebnis war ein ständiger Mangel an deutschen Autoren. Außerdem machte ihn seine nationalistisch geprägte Vergangenheit und seine Kontakte zu französischen Konservativen in den Augen mancher Deutscher suspekt. So beabsichtigte er beispielsweise, die Diskussion zwischen Deutschland und Frankreich mit jeweils einem Porträt der Nation und ihrer Einstellung gegenüber der anderen beginnen zu lassen. Als Porträtisten Frankreichs wählte er den der Action française nahestehenden Historiker und Journalisten Jacques Bainville. Dies stieß in Deutschland auf Ablehnung und es fand sich kein Autor, der bereit gewesen wäre, Deutschland zu porträtieren. Unter anderen sagten Maximilian Harden und Georg Bernhard ab. De Traz zeigte sich zudem naiv in der Beurteilung nationaler Befindlichkeiten: Er ließ in der »Revue« Auszüge der Memoiren des Generals von Kluck veröffentlichen, die vor allem in Belgien und Frankreich auf große Proteste stießen. De Traz hatte mit dieser Veröffentlichung lediglich eine Debatte auslösen wollen, stattdessen aber seine Neutralität als Herausgeber verletzt. Daraus resultierte unter anderem die Absage von Ernst Robert Curtius als Autor für die »Revue« zu arbeiten – ein herber Schlag für de Traz, war Curtius doch als ausgewiesener Frankreichexperte ein idealer Kandidat.

Gleichzeitig war de Traz aber auch Opfer der Zeitumstände: Seine Verständigungsversuche fielen noch in die Zeit vor dem Locarno-Vertrag 1925, der die Verständigungsjahre bis zur Weltwirtschaftskrise einleitete, mit dem Negativhöhepunkt des Ruhrkampfes 1923. Nur wenige waren in dieser auf Konfrontation stehenden Zeit bereit, sich offensiv für eine Verständigung einzusetzen – abgesehen von bekennenden Pazifisten wie Friedrich Wilhelm Foerster, die allerdings eigentlich nicht primär zur Zielgruppe de Traz’ gehörten. So musste dieser entgegen seinen ursprünglichen Absichten immer wieder auf Schweizer Autoren zurückgreifen. Von de Traz vorgesehene Debattenthemen – Legitimität der Reparationen, Bedingungen für das Rapprochement etc. – versandeten daher immer wieder. Nach dem Locarno-Vertrag, als viele Zeitschriften erst gegründet wurden und erfolgreich waren, war es für einen Neustart der »Revue« mit den ursprünglich geplanten Autoren zu spät.

Dennoch kamen drei Debatten im Laufe der vier Jahre unter de Traz als Direktor zustande: Bei der ersten handelte es sich um eine Debatte über den beklagenswerten Zustand Europas, aufgehängt an Spenglers »Untergang des Abendlandes«. Von deutscher Seite allerdings blieben wiederum die Autoren aus. Die zweite Debatte entspann sich um die Veröffentlichung »Le génie du Rhin« von Maurice Barrès. Doch auch hier endete die Diskussion, ohne dass Deutsche und Franzosen zueinander fanden. Die dritte Debatte entspann sich um eine Umfrage über die Zukunft Europas – besonders beliebt in den 1920er Jahren –, die sich einigermaßen großer Beteiligung erfreute und auch Beachtung in anderen Zeitungen und Zeitschriften fand 2 .

Insgesamt hat Charrier sicher recht, wenn er es als Verdienst de Traz’ bezeichnet, »eine Stunde vor Sonnenaufgang« (nach Heinrich Mann), noch vor dem Locarno-Vertrag, mit der »Revue de Genève« einen der ersten Versuchsräume für die deutsch-französische Annäherung geboten zu haben. Dennoch bleiben viele Fragen offen: Die Darstellung Charriers ist zu allererst eine Binnenschau. Es fehlen Daten und Fakten, die eine objektive Beurteilung der Relevanz der »Revue« möglich machen. Wie hoch war ihre Auflage, in welchen Ländern wurde sie vertrieben und wer waren die Abonnenten? Es ist mühsam, sich hier die gesuchten Informationen stückweise aus dem Text heraussuchen zu müssen, so sie denn überhaupt vorhanden sind. Auch fehlen Aussagen zur Außensicht auf die »Revue«. Wie beurteilten das Auswärtige Amt und der Quai d’Orsay die Zeitschrift? Was sagten konkurrierende Organe und Verständigungsorganisationen? Charrier erwähnt nur an einer Stelle ein externes Echo auf die »Revue« (S. 52f.), behauptet aber gleichzeitig, dass sie eine große internationale Reputation hatte. Worauf gründet sich diese Aussage, zumal erstaunlich ist, dass die »Revue« keinerlei Zuwendungen von offiziellen Stellen oder Organisationen erhielt?

Darüber hinaus blickt Charrier zu wenig über den Tellerrand hinaus. Er nennt das Konzept der »Revue« einzigartig auf dem Gebiet des kulturellen Austausches und einen Treffpunkt für die intellektuelle Elite der Epoche – was sicherlich in Teilen auch seine Berechtigung hat. Allerdings übersieht er ähnliche Projekte, wie z. B. die »Europäische Revue« von Karl Anton Rohan, die ebenfalls als Kommunikationszentrum für das intellektuelle Europa konzipiert war, oder die »Ère nouvelle« von Louise Weiss, die sich ebenso ganz besonders dem Völkerbund gewidmet hat.

Fraglich ist zudem, ob Charrier mit seinem Ansatz dem selbst gewählten Titelthema – den deutsch-französischen Beziehungen und der Idee eines vereinigten Europa – gerecht wird. Er fokussiert stark auf de Traz, was sich schon allein am Untersuchungszeitraum zeigt. Dennoch ist die Arbeit nicht als Biographie angelegt und hätte dann auch anders aufgebaut sein müssen. Dieser personale Ansatz ist so stark, dass er genaugenommen den Blick auf eine grundsätzlichere Betrachtung der deutsch-französischen Beziehungen und der Europaidee verstellt – und damit vergibt er eine Chance.

Positiv hingegen ist zu vermerken, dass Charrier den Leser an seiner Forschungsarbeit teilhaben lässt, indem er im Text auf die Quellenlage, sowohl in Bezug auf gute Bestände als auch auf Lücken, eingeht. Auch der Anhang mit der Autorenkorrespondenz de Traz’ ist eine sinnvolle Ergänzung. Dennoch bleibt am Ende die Frage nach der Relevanz der »Revue de Genève« in der publizistischen Landschaft der Zwischenkriegszeit offen.

1 Die Fusion hielt bis zum Jahr 1930, dann musste die Zeitschrift eingestellt werden. Die Änderung der Ausrichtung der »Revue« durch diese Fusion ist in unserem Zusammenhang nicht von Interesse.

2 In den Jahren 1924/1925 fokussierte de Traz auf die Literaturvorstellung und veröffentlichte zahlreiche Texte von Hermann Hesse, Thomas Mann und Rainer Maria Rilke. Hierdurch trug er zur Verbreitung deutscher zeitgenössischer Literatur im französisch-sprachigen Ausland bei.

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PSJ Metadata
Verena Adamheit
L. Charrier, La revue de Genève (Verena Adamheit)
CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Europa, Frankreich und Monaco
Geschichte allgemein, Geschichte des Journalismus (Zeitungen etc. und Personen), der Medien und der Kommunikation
20. Jh.
4011882-4 4015701-5 4143618-0 4561388-6 4131753-1
1918-1945
Deutschland (4011882-4), Europa (4015701-5), Außenbeziehungen (4143618-0), Bibliothèque universelle et revue de Genève (4561388-6), Europäische Union (4131753-1)
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L. Charrier, La revue de Genève (Verena Adamheit)
In: Francia-Recensio 2011/3 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
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Veröffentlicht am: 23.09.2011 15:00
Zugriff vom: 22.01.2020 18:01
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