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C. Dollard, The Surplus Woman (Beatrix Piezonka)

Francia-Recensio 2011/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Catherine L. Dollard, The Surplus Woman. Unmarried in Imperial Germany 1871–1918, Oxford (Berghahn Books) 2009, XII-272 S., 49 Abb. (Monographs in German History, 30), ISBN 978-1-84545-480-7, GBP 58,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Beatrix Piezonka, Frankfurt a. M.

Brauchen wir wirklich eine weitere Publikation über die erste deutsche Frauenbewegung? Kann es über die ›Frauenfrage‹ im Wilhelminischen Kaiserreich noch neue Erkenntnisse geben?

Catherine L. Dollard stellt die allein stehenden, die unverheirateten Frauen in den Fokus ihrer Forschung. Das ist nicht gänzlich neu, das taten bereits die Zeitgenossinnen sowie die Historiker und Historikerinnen seit den 1980er Jahren. Dies gilt ebenfalls für die Gleichsetzung der ›Frauenfrage‹ mit einem (angeblich) nach der Jahrhundertwende ansteigenden ›Frauenüberschuss‹ – diesem typisch deutschen Begriff mit den entsprechend negativen Implikationen von überschüssigen oder gar überflüssigen Frauen. Die Autorin selbst benennt verschiedene wissenschaftliche Erklärungsversuche und findet Schwächen in der bisherigen Analyse, die sie zuweilen als zu punktuell befindet und als ›frauenbewegt befangen‹ interpretiert. Sie möchte über diese Ansätze hinausgehen und kombiniert dafür drei Methoden: Die Kulturgeschichte beleuchtet die Lebenswirklichkeit der unverheirateten (bürgerlichen) Frauen, sozialgeschichtlich steht die Kohorte der Ledigen im Fokus und die Geschlechtergeschichte betont die Bedeutung des Familienstandes als erkenntnisbildende Kategorie. Darüber hinaus verknüpft Dollard zusätzlich biografische Aspekte verschiedener Protagonistinnen der Frauenbewegung mit ihren Ergebnissen.

Zwar wurde in allen europäischen Ländern über die gesellschaftliche Rolle unverheirateter Frauen diskutiert, jedoch war diese Diskussion im Wilhelminischen Kaiserreich eine spezifische. Drei Besonderheiten nennt die Autorin in der deutschen Debatte – den fehlenden Kampf um das Frauenwahlrecht, den Ausschluss verheirateter bürgerlicher (!) Frauen von der Erwerbstätigkeit, der die Diskussion zur weiblichen Berufstätigkeit zwangsläufig auf unverheiratete Frauen fokussierte und auch die aufkommende Sexualwissenschaft, die allein ledige Frauen als (angeblich!) sexuell nicht aktiv in Augenschein nahm. Durch den außerordentlichen ökonomischen und demografischen Wandel um die Jahrhundertwende trat eine gesellschaftliche Verunsicherung ein und unverheiratete Frauen schienen eine Bedrohung der sozialen Ordnung darzustellen. Eine Debatte über ›Frauenüberschuss‹ fand ausschließlich in Deutschland statt und wurde hier von den verschiedensten Gruppierungen instrumentalisiert, auch von der Frauenbewegung. Dabei lässt sich statistisch keinerlei Anstieg der Quote lediger Frauen (und Männer) belegen, wie Dollard in einem eigenständigen Kapitel unterstreicht und im Anhang mit entsprechendem demografischem Material verdeutlicht.

Der ›Frauenüberschuss‹ im Wilhelminischen Kaiserreich ist also lediglich eine Annahme – und doch hat die Diskussion darum gesellschaftliche Veränderungen in Gang gesetzt und die deutsche Frauenbewegung substantiell beeinflusst. Für Dollard stellt der ›Frauenüberschuss‹ deshalb ein (Kultur-)Konzept dar, das durch den Zeitpunkt seines Aufkommens einen tief greifenden Mentalitätswandel, verbunden mit einer Angst vor der Moderne, verdeutlichte. Eine dieser subjektiven Ängste manifestierte sich in den Bewertungen, ja Verunglimpfungen unverheirateter Frauen – so z.B. durch Begriffe wie ›alte Jungfer‹ oder ›Mannweib‹. (Diesen und weiteren Bezeichnungen forscht die Autorin genauestens nach und bezieht zeitgenössische Literatur mit ein.) Gleichzeitig wird der ›Frauenüberschuss‹ für die sich formierende deutsche Frauenbewegung zu einem Leitstern und erklärt so ihren Fokus auf Bildung und Beruf statt Wahlrecht sowie gleiche Grundrechte.

Und hier betritt Dollard mit ihrer Analyse tatsächlich Neuland: Sie schaut nämlich nicht auf die divergierenden, sondern arbeitet die gemeinsamen Elemente der verschiedenen Flügel der deutschen Frauenbewegung heraus. Sie betont, dass über ideologische Grenzen hinweg Einigkeit darüber herrschte, dass der ›Frauenüberschuss‹ das Leben aller Frauen verändern muss und wird. Mögen die angestrebten Ziele verschieden gewesen sein, mögen sich die Taktiken unterschieden haben, so gab es gleichzeitig eine geteilte Vision über weibliche Fähigkeiten und den Wunsch, sich in die Gesellschaft einzubringen. Exemplarisch für dieses Potenzial stehen sieben mehr oder weniger bekannte Aktivistinnen der deutschen Frauenbewegung mit ihren Biografien. Zwar konnten auch diese den Vorurteilen ihrer Zeit nicht vollständig entkommen, ihr Leben vermittelte jedoch eindrucksvoll ein Streben aus dem Außenseitertum als ›alter Jungfer‹ heraus hin zu einem neuen Selbstbewusstsein als ›allein stehender Frau‹.

Heute müssen sich Frauen (und Männer) nicht mehr für ihren Lebensentwurf rechtfertigen und kein Lebensentwurf wird bevorzugt – aber in der Steuerpolitik zeigt sich mit dem Ehegattensplitting die (finanzielle) Bevorzugung der Ehe… Heute wird nicht mehr über ›Frauenüberschuss‹ gesprochen – stattdessen wird über die ›Frauenquote‹ in den Chefetagen der Wirtschaftsunternehmen diskutiert… Und so braucht es heute weiterhin der historischen Vergewisserung des Erreichten. Es braucht auch der vorliegenden Studie von Catherine L. Dollard.

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PSJ Metadata
Beatrix Piezonka
C. Dollard, The Surplus Woman (Beatrix Piezonka)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Geschlechtergeschichte
19. Jh., 1900 - 1919
4011882-4 4071428-7 4155245-3 4132003-7
1871-1918
Deutschland (4011882-4), Frauenbewegung (4071428-7), Frauenüberschuss (4155245-3), Ledige Frau (4132003-7)
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C. Dollard, The Surplus Woman (Beatrix Piezonka)
In: Francia-Recensio 2011/3 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-3/ZG/dollard_piezonka
Veröffentlicht am: 23.09.2011 16:20
Zugriff vom: 22.01.2020 19:34
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