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    A. Brogini, M. Ghazali, Des marges aux frontières (Wolfgang Kaiser)

    Francia-Recensio 2011/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Anne Brogini, Maria Ghazali (dir.), Des marges aux frontières. Les puissances et les îles en Méditerranée à l’époque moderne, Paris (Éditions classiques Garnier) 2010, 433 p. (Les Méditerranées, 2), ISBN 978-2-8124-0094-0, EUR 59,00.

    rezensiert von/ compte rendu rédigé par

    Wolfgang Kaiser, Paris

    Titel und Untertitel des Bandes geben deutlich die Stoßrichtung der hier versammelten Studien an. Es geht um den Wandel der Kräfteverhältnisse im frühneuzeitlichen Mittelmeerraum, gekennzeichnet durch die Auseinandersetzung der christlich-europäischen Mächte (vor allem Spaniens) mit dem Osmanischen Reich (einer z. T. ebenfalls europäischen Macht) und das Vordringen der Briten und Niederländer im Mittelmeer. Diese Prozesse werden im Wesentlichen aus europäischer Perspektive analysiert, mit Ausnahme des Beitrags von Khalifa Chater über die 1553 von Turgut Ra’īs (Dragut) eroberte Insel Djerba (der sich auf arabische Quellen stützt) und zum Teil der Studie von Özem Kumrular über die Angriffe und Razzien der türkischen (wie der Autor schreibt) Flotte im westlichen Mittelmeer in den 1550er Jahren (die türkische Quellen und Literatur einbezieht). Wer sich für die osmanische Perspektive auf die Inselwelt (im Wesentlichen die von ihnen beherrschten Inseln) interessiert, kann und muss zu dem von Nicolas Vatin und Gilles Veinstein herausgegebenen Band über die »Insularités ottomanes« greifen – in dem er auch einen sehr nützlichen, vergleichenden und typologisierenden Beitrag von Michel Fontenay über die »westlichen Inseln« findet 1 .

    Die Transformation einer peripheren Inselwelt in einen dynamischen Grenzraum, der zugleich trennt und verbindet, steht im Zentrum des zu besprechenden Bandes. Im ersten Teil geht es um die Verteidigung der Küstenorte und -gebiete sowie exponierter Inseln gegen Angriffe von See und Razzien zu Lande. Nach den bereits erwähnten Beiträgen von Chater und Kumrular rückt Giuseppe Restifo die bekannte Brandschatzung Liparis durch Kheīr-ed-Din Barberossa (1544) in ein realistisches Licht: Statt der 7000–12 000 Gefangenen (in den zeitgenössischen Quellen, aber auch der neueren Literatur) bleiben immer noch beeindruckende 2000–3000 Inselbewohner, die der Befehlshaber der osmanischen Flotte in die Gefangenschaft und Sklaverei führte. Weitere Beiträge gelten der Verteidigung Zyperns (Walter Panciera) und dem Ausbau der Verteidigungsanlagen Siziliens (Valentina Favarò). Juan Francisco Pardo Molero schließlich analysiert in einer exzellentern Studie, wie die Regierung des Königreichs Mallorca in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Verteidigungssystem im westlichen Mittelmeerraum regelte und organisierte.

    Dass diese Maßnahmen dem Schutz und der Kontrolle dienten, aber keineswegs eine Abschottung bewirkten oder beabsichtigen, macht der Beitrag von Natividad Planas über die Balearen deutlich, der den zweiten Teil des Bandes einleitet. Hier stehen die Ressourcen und Möglichkeiten des Grenzraums für die Entfaltungen von Handel und wirtschaftlichem Austausch im Mittelpunkt. Die Verbindung von Krieg und Handel wird vor allem am Beispiel des Kaperkrieges dargestellt, nicht nur wie zu erwarten im Falle Maltas (Anne Brogini, Alain Blondy), sondern auch für die weniger beachtete (trotz der Arbeiten von Maria Fusaro, Molly Greene, Daniel Goffman oder Michel Fontenay), schwer zu kontrollierende griechische Inselwelt, insbesondere die Zykladen, die das Operationsgebiet christlicher Seeräuber bildeten (Georges Koutzakiotis).

    Im dritten Teil geht es um konfligierende Herrschaftsansprüche (wenn man den Plural »Souverainetés« so interpretieren darf) und um insulare Identitäten, für die der erste Beitrag dieses Teils von Michel Vergé-Franceschi (»La Corse et la Méditerranée, de l’Antiquité à 1789«) ein anschauliches Beispiel bietet. Die folgenden Studien analysieren Herrschaftswechsel und dessen Konsequenzen, Genua und Korsika (Emiliano Beri), Menorca am Ende des 18. Jahrhunderts (Maria Ghazali), das britische Protektorat über die Ionischen Inseln in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Catherine Bregianni). Der letzte Beitrag lässt die Herrschaftswechsel auf dem Archipel Malta von den Johannitern 1530 bis zu den Briten 1804 Revue passieren und wirft die Frage nach einer ambivalenten oder »hybriden« Identität der Inselbevölkerung auf (Carmelina Gugliuzzo), die ein Topos der »Inselliteratur« ist 2 .

    Es überrascht, dass in einem Sammelband, in dem es um Grenzziehungen, Grenzbefestigungen und Verteidigungssysteme geht, um konfligierende Herrschaftsansprüche, Kaperkrieg und Handel, so wenig von Seerecht und Seekriegsrecht, Friedensschlüssen und internationalen Verträgen, von Territorialgewässern und Passagerechten, Konzessionen für Korallenfischerei oder Fischgründe usw. die Rede ist. Aber davon einmal abgesehen, findet der Leser in diesem Band eine Fülle von nützlichen, z. T. tiefschürfenden Einzelstudien.

    1 Nicolas Vatin, Gilles Veinstein (dir.), Insularités ottomanes, Paris 2004; Michel Fontenay, Les îles de la Méditerranée occidentale: un contre-portrait de l’insularité ottomane?, in: ibid., S. 23–41.

    2 Siehe dazu die schöne Studie von Frank Lestringant, Le livre des îles. Atlas et récits insulaires de la genèse à Jules Verne, Genf, Droz, 2002.

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    PSJ Metadata
    Wolfgang Kaiser
    A. Brogini, M. Ghazali, Des marges aux frontières (Wolfgang Kaiser)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Geschichte allgemein
    15. Jh., 16. Jh.
    4074895-9 4020517-4 4128227-9
    1500-1552
    Mittelmeer (4074895-9), Geschichte (4020517-4), Insel (4128227-9)
    PDF document brogini-ghazali_kaiser.doc.pdf — PDF document, 87 KB
    A. Brogini, M. Ghazali, Des marges aux frontières (Wolfgang Kaiser)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/FN/brogini_kaiser
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 20:00
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:50
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