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    M. Deramaix, P. Galland-Hallyn, G. Vangenheim, J. Vignes, Les académies dans l'Europe humaniste (Anne Begenat-Neuschäfer)

    Francia-Recensio 2011/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Marc Deramaix, Perrine Gailland-Hallyn, Ginette Vagenheim, Jean Vignes (dir.), Les académies dans l’Europe humaniste. Idéaux et pratiques, Genève (Droz) 2008, 702 p. (Travaux d’humanisme et Renaissance, CDXLI), ISBN 978-2-600-01175-4, EUR 123,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anne Begenat-Neuschäfer, Aachen

    Der Anstoß zum vorliegenden Sammelband erwuchs aus einem Kolloquium, das im Juli 2003 gemeinsam von der Université de Rouen/I.U.F./E.P.H.E. und der Université de Paris VII durchgeführt wurde. Die dort gehaltenen Vorträge wurden für die Veröffentlichung um zusätzliche Beiträge ergänzt, sodass der nunmehr umfängliche Band einen Einblick in die Rolle und in die Aktivitäten europäischer Akademien im 16. und 17. Jahrhundert gewährt. Als Tagungsband ist die Sammlung mehrsprachig (Französisch, Italienisch und Englisch) angelegt und in drei Teile gegliedert: in einen einleitenden Teil und zwei Hauptteile, die Italien und den Norden Europas voneinander trennen. Der einleitende Teil umfasst ein Dankwort der Herausgeber, ein Vorwort von Marc Fumaroli und eine brillante Kurzdarstellung der alten und neuen Akademie Platons und seiner Nachfolger in Griechenland (Carlos Lévy). Es folgen zwei Hauptteile, von denen sich der erste, nach geographischen Zentren geordnet, mit den Akademien in Italien (Rom, Florenz, Neapel und Bologna) befasst, während im zweiten die Akademien des europäischen Nordens, in diesem Falle Deutschlands (ein Beitrag von Lucia Simonato: »Joachim von Sandrart, la Teutsche Academie e le ›accademie‹«) und Frankreichs, dargestellt werden. Ingesamt folgt die Anordnung der Beiträge im ersten Hauptteil – mit Ausnahme der drei, die unter dem Titel »À la croisée des chemins«übergreifende Themen der Akademien in Italien behandeln (Giancarlo Abbamonte, Stéphane Rolet, Donatella Livia Sparti) – dem Prinzip der lokalen Zugehörigkeit, während auf die geographische Einteilung im zweiten Teil eine Untergliederung nach Akademien folgt.

    Als Verbindung sind zwei Beiträge zur Darstellung der Beziehungen zwischen Italien und Frankreich an den Anfang des zweiten Teils gestellt (Chiara Lastraioli, Carmelo Occhipinti). Innerhalb dieses Teils bezieht sich die überwiegende Zahl der sehr informativen Beiträge (Jean Vignes, Elizabeth Vinestock, Isabelle His, Jeanice Brooks, Rosanna Gorris Camos, Yvonne Roberts, Bruno Petey-Girard) auf die bisher von der Forschung weniger betrachtete, 1570 von Jean-Antoine de Baïf begründete Académie de poésie et de musique. Sie wurde 1574 von Heinrich III. bestätigt und bestand unter dem Namen der Académie du Palais zehn Jahre lang (Beiträge von Loris Petris und Alexandre Tarrête). Sie darf als Vorläuferin der unter Richelieu begründeten Académie française angesehen werden. Der letzte Beitrag liefert unter der Zwischenüberschrift »L’héritage« einen Ausblick auf die sog. Académie Bourdelot. So werden die naturwissenschaftlich ausgerichteten Zusammenkünfte des Mediziners und Leibarztes der Condé-Familie, Pierre Michon Bourdelot, bezeichnet, die mit Unterbrechungen zwischen 1640 und 1680 stattfanden und deren Beziehungen zu Marin Mersenne und seinem Kreis René Pintard erstmals 1943 (und immer wieder nachgedruckt) grundlegend dokumentiert hat 1 . Auch hier fiel also mit dem Beitrag von Marie-Elisabeth Boutroue die Wahl auf ein wenig aufgearbeitetes Netzwerk, das damit ins Forschungsinteresse rückt.

    Lévys Ausgangsstatement darf das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, grundsätzliche Fragen zur Schaffung einer Institution, zu ihrem Selbstverständnis, ihrer Ausstrahlung, ihrer Dauer, ihrer Anpassung an Veränderung und ihrer Verwandlung in einen Ort der Erinnerung aufgeworfen zu haben: »Ce qu’il convient de se demander, en effet, c’est comment une institution née de la décision d’un seul homme, lui a survécu pendant trois siècles, comment elle est morte institutionnellement et comment cette mort même a permis que le terme d’›Académie‹ acquière, dans le temps comme dans l’espace, une universalité qui a fait de lui le synonyme du savoir au plus haut niveau« (S. 13). Seit frühester Zeit war Platons Akademie Kult- und Grabstätte, wenngleich die athenischen Philosophie-Schulen nach heutigen Erkenntnissen entgegen früheren Auffassungen nicht den Status einer Kultgemeinschaft besaßen. Obwohl durch Erbfolge Platons Haus und Garten nicht mehr kontinuierlich als Versammlungsort genutzt wurden, blieben die Nachfolger doch in enger geographischer Nähe: »L’essentiel était de rester dans l’aire de l’Académie, chaque scholarque marquant sa présence par le choix d’un lieu« (S. 15). Mit Ciceros Besuch, berichtet im 5. Buch »De finibus«, wandelte sich der konkrete geographische Ort in einen Ort der Erinnerung. Lévy unterstreicht den laizistischen, lehr- und philosophiegeschichtlichen Charakter von Ciceros Beschreibung im Gegensatz zu der von Pausanias überlieferten, während doch die philosophische wie religiöse Ausrichtung von Platons Akademie auch von Diogenes Laertius berichtet wird. Der Neffe Platons und Nachfolger Speusippos führte die Wahl der Mitglieder ein, Arcesiläus wandelte das Verhältnis Lehrer-Schüler in ein dialektisches Miteinander. Die Geschichte der platonischen Akademie endet 88 v. Chr. mit der Flucht Philons von Larissa nach Rom, wo er der Lehrer Ciceros wurde: »Cette rupture demande à être analysée. Elle signifie la dislocation d’une communauté humaine, fondée sur des éléments à la fois intellectuels et spirituels, qui s’était perpétuée pendant trois siècles, avec, comme éléments fixes, le site, les cultes et les cérémonies, le rôle unificateur de la mémoire, dislocation définitive puisque Philon de Larissa ne revint jamais à Athènes, et qui faisait désormais de Rome la capitale d’un platonisme déraciné« (S. 17f.). Schon Cicero, der das Vergessen der platonischen Akademie bedauert, hält ihr historisches Ende fest, trägt aber durch sein Erinnerungszeugnis zugleich zum Weiterleben und zur Erweiterung eines Begriffes bei. Im Folgenden führt Lévy aus, dass sich die Neue Akademie unter Speusippos in der Theorie der Erscheinungen erheblich von der Lehre der Alten entfernte und Xenokrates wiederum die Neuerungen von Speusippos radikal in Frage stellte. Für Lévy belegen diese zum Teil entgegengesetzten Denkrichtungen nicht die Beliebigkeit des philosophischen Diskurses der Akademie, sondern ihre Freiheit in der Suche nach Antworten, die Platons Denken auch unter veränderten Umständen gegen neue Systeme verteidigen wollten, die sich alle als antiplatonisch verstanden (S. 19). »En définitive, il n’est pas interdit de penser que l’Académie tout au long de son histoire, poursuivit le combat dialectique que Platon avait entrepris contre les sophistes. Simplement, les nouveaux sophistes avaient nom Aristote, Zénone et Epicure et, pour lutter contre eux, les Académiciens décidèrent qu’il ne fallait pas en rester au texte de Platon, qu’ils devaient, en privilégiant l’esprit plutôt que la lettre, inventer un platonisme sans Platon voire apparemment contre Platon« (S. 20). Diese Dynamik des Denkens lässt auch in Athen nachplatonische Akademien wiedererstehen und führt zur Wiederentdeckung des Akademie-Gedankens in der Renaissance: »Le souvenir d’une communauté humaine extraordinairement diverse qui, pendant plusieurs siècles, a montré que la fidélité n’exclut pas le paradoxe de la dissemblance. La capacité à pallier les ruptures institutionnelles par la piété de la mémoire« (S. 21f.).

    Im Anschluss an die Darstellung der Urakademie und ihrer Entwicklung hätte sich für den ersten Hauptteil zu Italien gewiss ein Beitrag angeboten, der die italienische polyzentrische Sondersituation erläutert und die unterschiedlichen Ansätze des Rückbezuges auf die griechische und römische Antike im Überblick dargestellt hätte. Es lässt sich auch nicht ganz nachvollziehen, warum die frühe humanistische Phase ausgeblendet bleibt, wenn schon Konsens besteht, dass der Ursprung der Wiederbelebung des Akademie-Gedankens in Italien zu suchen ist. Dies merkt auch Marc Fumaroli zurückhaltend in seinem Vorwort an: »Le mérite du colloque dont les actes se trouvent publiés ici, sans renoncer à augmenter nos connaissances sur les académies du XVI e et du XVII e siècle, est à coup sûr d’avoir réuni nombre de jeunes chercheurs experts des académies antérieures au sac de Rome; aucun ne remonte jusqu’à Salutati, Poggio et Pétrarque, ce qui aurait déséquilibré le futur volume d’actes, mais ce qui reste à faire« (S. 11). Man hätte sich in der Tat einen neuesten Forschungsstand auch zur älteren Phase und im Austausch zwischen den italienischen und französischen Kollegen gewünscht. Damit wären die Herausgeber auch dem Bedürfnis des Lesers nach einer chronologischen Grundorientierung Antike – Humanismus – Renaissance entgegengekommen. Einen ähnlichen einleitenden Beitrag, der die Situation in Frankreich während des 15. und 16. Jahrhunderts im Unterschied zu Italien präsentiert, hätte ich mir übrigens auch für den zweiten Hauptteil gut vorstellen können.

    Trotzdem ein insgesamt gelungener und anregender Band, dem ein Namensregister beigegeben ist; die bibliographischen Angaben finden sich jeweils im Anschluss an jeden Beitrag. Ein kurzes Autorenverzeichnis hätte die Informationen abgerundet.

    1 René Pintard, Le Libertinage érudit dans la première moitié du XVII e siècle. La Mothe le Vayer, Gassendi, Guy Patin. Études de bibliographie et de critique, suivies de textes inédits de Guy Patin, 2 Bde., Paris 1943, Nachdruck Genf 1983 und 2000.

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    PSJ Metadata
    Anne Begenat-Neuschäfer
    M. Deramaix, P. Galland-Hallyn, G. Vangenheim, J. Vignes, Les académies dans l'Europe humaniste (Anne Begenat-Neuschäfer)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Bildungs-, Wissenschafts-, Schul- und Universitätsgeschichte
    16. Jh., 17. Jh.
    4015701-5 4138124-5 4166019-5
    1500-1700
    Europa (4015701-5), Akademie (4138124-5), Kunstakademie (4166019-5)
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    M. Deramaix, P. Galland-Hallyn, G. Vangenheim, J. Vignes, Les académies dans l'Europe humaniste (Anne Begenat-Neuschäfer)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/FN/deramaix_begenat-neuschaefer
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 21:15
    Zugriff vom: 21.08.2019 09:59
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