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    J. Gaulin, S. Rau, Lyon vu/e d'ailleurs (1245–1800) (Guido Metzler)

    Francia-Recensio 2011/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Jean-Louis Gaulin, Susanne Rau (dir.), Lyon vu/e d’ailleurs (1245–1800). Échanges, compétitions et perceptions, Lyon (Presses universitaires de Lyon) 2009, 228 p. (Collection d’histoire et d'archéologie médiévales, 22), ISBN 978-2-7297-0825-2, EUR 25,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Guido Metzler, Stuttgart

    Der von Jean-Louis Gaulin und Susanne Rau herausgegebene Sammelband hat nicht zum Ziel, eine neue monographische Gesamtdarstellung der Lyoner Geschichte vorzulegen. Trotzdem darf das Programm, das die beiden Herausgeber in ihrem Vorwort skizzieren, durchaus als ambitioniert gelten. Wie der Titel des Sammelbandes nahelegt, geht es um die Außensicht(en) auf Lyon und somit um eine andere, neue Perspektive auf die Geschichte der südfranzösischen Metropole. Außensicht(en) bedeutet in diesem Zusammenhang zweierlei: Lyon wird erstens als Element eines Städtenetzes angesehen, wobei die Beziehungen zwischen den Städten sowohl durch gegenseitigen Austausch als auch durch Konkurrenz und zuweilen sogar Unterordnung geprägt sein können. Zweitens wird untersucht, wie Lyon von außen wahrgenommen wird. Zeitlich beschränken sich die Herausgeber und Autoren auf die immer noch sehr weite Zeitspanne von 1245 bis 1800, legen dabei aber einen deutlichen Schwerpunkt auf die Frühe Neuzeit, denn nur zwei von zehn Beiträgen sind dem Mittelalter zuzuordnen. Der Sammelband geht auf eine Sektion der neunten Konferenz der European Association for Urban History zurück, die im August 2008 in Lyon stattfand. Entsprechend international ist die Gruppe der Autorinnen und Autoren zusammengesetzt, versammelt sie doch Mediävisten, Frühneuzeit-, Wirtschafts- und Kunsthistoriker sowie Literaturwissenschaftler aus Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland. Diese Interdisziplinarität und Internationalität wird Lyons historischer Rolle als Handelsmetropole in besonderem Maße gerecht.

    Nach den kurz gehaltenen Vorbemerkungen und Danksagungen der Herausgeber führt das von Jacques Rossiaud geschriebene Vorwort in die Thematik des Sammelbands ein und bietet zugleich eine knappe, hilfreiche Zusammenfassung der einzelnen Beiträge, wobei diese gelegentlich schon einer Bewertung unterzogen werden. Den programmatischen Ansatz und die methodischen Grundlagen des Sammelbands erläutern die Herausgeber selbst in einer eigenen Einführung. Dabei gehen sie auch auf die Quellenlage ein, formulieren weitere Forschungsdesiderate und schließen mit einigen Bemerkungen zu den verschiedenen Hauptstadtrollen Lyons ab. Den Hauptteil des Sammelbands, in dem die diversen Beiträge in weitgehend chronologischer Nachfolge angeordnet sind, eröffnet Stéphane Bruneau-Amphoux mit einer detaillierten Untersuchung des Lyonbilds in italienischen, französischen und englischen Chroniken des 13. und 14. Jahrhunderts. Insbesondere geht es um die Frage, inwieweit das Konzil von 1245 die Außenwahrnehmung Lyons verändert habe. Dieses scheint zwar den Bekanntheitsgrad Lyons gesteigert zu haben, die Kenntnisse über die Stadt blieben jedoch rudimentär und im Wesentlichen auf geographische Basisdaten beschränkt. In einem weiteren mediävistischen Beitrag stellt Fabrice Delivré dar, wie es Lyon gelang, durch Berufung auf die pseudoisidorischen Dekretalen den Titel einer »prima sedes Galliarum« zu erlangen und so die Konkurrenten Rouen, Tours und Sens auszustechen. Diese Vorrangstellung, die zugleich auch für das Selbstbild der Stadt an Rhone und Saône wichtig war, sollte vom 12. bis zum 15. Jahrhundert nicht in Frage gestellt werden.

    Den Übergang zwischen Mediävistik und Frühneuzeitforschung markiert der literaturwissenschaftliche Beitrag Christoph Oliver Mayers, der anhand von Gedichten Scèves, Marots und Du Bellays untersucht, wie sich das Lyonbild in der Literatur der französischen Renaissance änderte. Mayer konstatiert dabei nicht nur eine Verlagerung des literarischen Schwerpunkts nach Paris, sondern auch das Verschwinden Lyons aus dem literarischen Feld innerhalb nur weniger Jahre. Agnès Pallini-Martin befasst sich anschließend mit den Geschäftsbüchern der florentinischen merchant-banker s Giuliano di Piero da Gagliano und Alamanno Salviati. Die Autorin fragt nach den Geschäftsstrategien, welche die Bankiers und deren Familien dazu veranlassten, sich im 15. Jahrhundert in Lyon niederzulassen, und untersucht die Vernetzung beider Familien sowohl in Florenz als auch in Lyon. Hilario Casado Alonso beschäftigt sich mit den Beziehungen zwischen den kastilischen und den Lyoner Messen im 15. Jahrhundert und streicht dabei heraus, dass der finanzielle Austausch wesentlich intensiver war als die eher schwachen Verbindungen im Bereich des Papier- und des Buchhandels. Ilaria Andreoli konzentriert sich auf Lyon als Zentrum des Buchdrucks im 16. und 17. Jahrhundert und widmet den vielfältigen Beziehungen mit Italien ein besonderes Augenmerk. Mark Häberlein untersucht die Präsenz süddeutscher Kaufleute im Lyon des 16. und frühen 17. Jahrhunderts und zeigt beispielhaft an den Briefen des Kaufmannssohns Friedrich Endorfer an seinen Vater, wie sehr die süddeutschen Kaufleute in Lyon untereinander vernetzt waren und wie stark sich ihr Leben innerhalb dieser Netzwerke bewegte. Das galt besonders für die Kaufmannssöhne, die von ihren Vätern aus Süddeutschland zu Bildungszwecken nach Lyon geschickt wurden.

    Aus kunsthistorischer Perspektive nähert sich Delphine Estier Lyon und schildert, wie sich der Blick ausländischer Künstler auf diese Stadt im 16. und 17. Jahrhundert veränderte. Gemäß der Autorin lässt sich im Laufe der Zeit eine Individualisierung der Lyonbilder weg vom Archetypischen und hin zum Pittoresken feststellen. René Favier widmet sich Lyons östlichem Nachbarn, dem Dauphiné, und stellt dar, wie dieses im 18. Jahrhundert zwar wirtschaftlich und finanziell von Lyon kontrolliert und dominiert wurde, aber auch immer wieder durch direkte Kontakte mit anderen Handelszentren Möglichkeiten fand, sich Freiräume zu sichern. Die komplexen Beziehungen zwischen der Lyoner und der italienischen Seidenfabrikation zeichnet der Beitrag von Roberto Tolaini und Francesco Battistini für das 16. bis 18. Jahrhundert nach. So löste Lyon aufgrund seines hohen Innovationspotenzials um 1700 die bis dahin führenden italienischen Städte als Zentrum der Seidenherstellung ab. Gleichwohl konnten sich im 18. Jahrhundert einige Städte Nord- und Mittelitaliens dank staatlicher Protektion oder Spezialisierung auf bestimmte Nischenprodukte auf dem Markt halten. Ein Personen- und Ortsindex schließt das Buch ab.

    Der vorliegende Sammelband vereint Beiträge, die durchweg gut lesbar sind und ein hohes wissenschaftliches Niveau aufweisen. Gleichwohl entsteht weder ein Gesamtbild der Außensicht(en) auf Lyon noch eine neue Lyoner Stadtgeschichte »von außen«. Dazu sind die Beiträge der Autoren zu unterschiedlich, ist der Zeitrahmen zu weit gesteckt. Wahrnehmungsgeschichte und (geographisch orientierte) Netzwerkanalyse bleiben als unterschiedliche Ansätze innovativer Stadtgeschichtsschreibung häufig recht unverbunden nebeneinander stehen. Der Ertrag der Beiträge wird zudem nicht gebündelt und in keinem Schlusswort zusammengeführt. Doch ist der Sammelband eindeutig von hoher Qualität und sein Innovationsgehalt als hoch einzuschätzen: »Lyon vu/e d’ailleurs« beleuchtet und erhellt nicht nur zahlreiche Aspekte der Lyoner Stadtgeschichte »von außen«, sondern bietet auch vielfältige Anregungen zur Erforschung der Außenperspektive in der Geschichte manch anderer Stadt.

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    PSJ Metadata
    Guido Metzler
    J. Gaulin, S. Rau, Lyon vu/e d'ailleurs (1245–1800) (Guido Metzler)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Hohes Mittelalter (1050-1350), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    Mittelalter, Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4036770-8 4068999-2
    1245-1800
    Europa (4015701-5), Lyon (4036770-8), Ausland (4068999-2)
    PDF document gaulin-rau_metzler.doc.pdf — PDF document, 101 KB
    J. Gaulin, S. Rau, Lyon vu/e d'ailleurs (1245–1800) (Guido Metzler)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/FN/gaulin-rau_metzler
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 21:45
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:10
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