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    A. Lemaître, Le monde parlementaire au XVIIIe siècle (Bernd Klesmann)

    Francia-Recensio 2011/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Alain J. Lemaître, Le monde parlementaire au XVIII e siècle. L’invention d’un discours politique. Actes du colloque de Mulhouse, 16 et 17 novembre 2007, Rennes (Presses universitaires de Rennes) 2010, 266 p. (Histoire), ISBN 978-2-7535-1041-8, EUR 18,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Bernd Klesmann, Paris

    Die Forschungen zur Geschichte der französischen Parlamente des Ancien Régime haben in den vergangenen Jahren erfreulichen Auftrieb erhalten. Im Mittelpunkt standen dabei vielfach Ansätze, die sich den Kontexten einzelner Parlamente widmeten: So haben Clarisse Coulomb für Grenoble 1 , Caroline Le Mao für Bordeaux 2 , Jean-Bernard Lang für Metz 3 u. v. a. erheblich zum genaueren Verständnis der gesellschaftlichen Bedeutung der großen Gerichtshöfe beigetragen, die auf so vielfältige und faszinierende Weise mit dem politischen Leben ihrer Zeit verflochten waren. Von besonderem Interesse sind dabei allgemein die jüngeren Beiträge der im vorliegenden Band zu Wort kommenden ausgewiesenen Kenner, die sich im November 2007 zum Kolloquium zusammengefunden hatten, um Elemente einer Synthese auf nationaler, ja europäischer Ebene zu erarbeiten. Die im Untertitel erkennbare Eingrenzung auf das Problemfeld eines neuartigen »discours politique« der französischen Parlamente des 18. Jahrhunderts markiert den Unterschied zu weiteren aktuellen Versuchen einer Gesamtschau, die andere Aspekte in den Mittelpunkt stellen 4 .

    Julian Swann spricht sich in programmatischer Weise für eine genauere Beachtung der vielfach zu konstatierenden Unterschiede zwischen den einzelnen Parlamenten sowie für eine Berücksichtigung der Wandelbarkeit ihrer jeweiligen Standpunkte aus: Der »vieux stéréotype« (S. 28) der insgesamt reaktionären und reformfeindlichen Parlamente müsse weiter differenziert werden. Neuere Beiträge zu den Hintergründen der Maupeou-Reform, zur keineswegs überall dominierenden Rolle des Jansenismus und bekannter Wortführer wie Le Paige, zur Bedeutung eines traditionell-antikisierenden Amtsideals oder zu Formen eines regionalspezifischen Konstitutionalismus seien in der aktuellen Fachdiskussion stärker zu berücksichtigen.

    Joël M. Félix zeichnet die wachsende Bedeutung des Parlaments von Paris für die Konzipierung der nationalen Finanzpolitik ab etwa 1750 nach. Der Widerstand gegen neue Steuern, der die Remonstranzen der Körperschaft bis zur Revolution durchzieht, stellt sich vor diesem Hintergrund auch als ein Konflikt der kollektiven Entscheidungsfindung dar, in dem es zwischen zwei unterschiedlichen Pflichten abzuwägen galt (Prüfung der Rechtmäßigkeit des neuen Gesetzes vs. Gehorsam gegenüber dem Königtum). Als Schlüsselproblem schält sich hier der Begriff staatlicher Notwendigkeit (»nécessité«) heraus, der in seinen traditionellen wie innovativen Bedeutungen analysiert wird.

    Der Kunsthistoriker Pierre Wachenheim stellt ausgewählte Beispiele der parlamentarischen Bildpublizistik der Jahre 1732–1774 vor und analysiert Verwendungsweisen und Umwidmungen rekurrenter Bildmotive, die Bezüge zu den zeitgenössischen Konflikten um Jansenismus und Gesellschaft Jesu, die Bedeutung ästhetischer Reminiszenzen des Grand Siècle (Racines »Esther«) sowie – auf den Spuren M. Bachtins – die »carnavalisation« (S. 111) der remontrances , deren Verbildlichung mitunter die Welt, d. h. das Kräfteverhältnis zwischen Parlement und Jesuiten, auf den Kopf stellte.

    Arnaud Decroix wendet sich in seinem Beitrag dem Spannungsverhältnis zwischen Parlamenten und Ständevertretungen in den Teilen Frankreichs, wo solche im 18. Jahrhundert noch existierten, zu. Exemplarisch wird die jeweilige Situation in Languedoc, Burgund und Provence (Assemblée des communautés) untersucht, wobei auch die eher selten dargestellten Aushandlungs- und Kooperationsprozesse zwischen Ständevertretungen und Königtum hervorgehoben werden.

    Drei Beiträge stellen einzelne Texte in den Mittelpunkt der Überlegungen: Frédéric Bidouze beschäftigt sich eingehend mit dem Wortlaut der maßgeblich von Malesherbes verfassten »Remontrances« der Cour des aides von 1771 und legt eine aktualisierte Edition dieses zentralen Dokuments vor (S. 80–88). Stilistische und inhaltliche Einflüsse (Fénelon, Rousseau), Staats- und Rechtsverständnis des Autors, methodische Möglichkeiten der Institutionen- und Begriffsgeschichte (K  M. Baker, Koselleck) sind hier leitende Fragestellungen, die in der vorliegenden Fallstudie u.a. in das tragisch-paradoxe Fazit münden, Malesherbes habe geglaubt, seiner Institution und seinem König zu dienen, obwohl sich in beiden Bereichen das Gegenteil als zutreffend erweisen sollte (S. 79). Der Philosoph Bertrand Binoche zeigt in einer brillanten Montesquieu-Exegese (»De l’esprit des lois XIX«, 3), wie dessen Unterscheidung einer »tyrannie réelle« von einer »tyrannie d’opinion« das Verhältnis zwischen legaler Ausformung und gesellschaftlicher Akzeptanz staatlicher Herrschaft neu zu bestimmen suchte und erläutert inhaltliche Bezüge dieser Denkfigur u.a. zu den Betrachtungen Machiavellis und Tocquevilles. Arnaud Vergne beleuchtet die Zusammenhänge einer frühen Verwendung des »constitution«-Begriffs in den r emontrances des Pariser Parlaments von 1721.

    Auch Catherine Maire fokussiert ihren Beitrag auf ein – formal – überschaubares Textkorpus aus der Zeit des Exils oppositioneller Protagonisten des Parlaments von Paris in Bourges 1753, deren Denkschriften noch im gleichen Jahr publiziert wurden. Besonders interessant ist hier die Untersuchung der politischen Tätigkeit Montesquieus, der sich in Briefkorrespondenz um Vermittlung bemühte.

    Als zentralen Aspekt des discours politique der Parlamente analysiert Peter R. Campbell die Konzepte von »patrie« und »patriotisme« im Zeitraum ca. 1750–1788, u. a. in Abgrenzung zum Nationsbegriff und zum Republikanismus. Ein besonderes Augenmerk richtet sich hier auf verschiedene Formen einer Rhetorisierung, auf konjunkturelle und generationelle Wandlungen des Konzepts sowie auf den Einfluss ausländischer Staatskrisen (Amerika, Genf, Niederlande). Besonders die Verhältnisse in England stehen auch im Mittelpunkt der Überlegungen von Edmond Dziembowski, die u.a. verdeutlichen, wie schwierig ein systematischer Vergleich der Parlamentsopposition in Frankreich und England bleibt, wenn auch zeitgenössische Äußerungen teilweise für ein Bewusstsein struktureller Ähnlichkeit sprechen. Hervé Leuwers schließlich zeigt im Zusammenhang der Widerstände gegen die zentrale Schaffung der Cour plénière und der grands bailliages 1788, wie sich die Stellungnahmen der bisher weniger direkt an den Auseinandersetzungen beteiligten avocats – häufig unter historisierender Berufung auf regionale Sondertraditionen – verschärfend auf die vorrevolutionäre Konfliktlage in ganz Frankreich auswirkte.

    Der Herausforderung einer inhaltlichen Bündelung des hier nur anzudeutenden Reichtums an Perspektiven begegnet der Herausgeber abschließend mit einer Zuspitzung der Thematik auf die Entwicklung des »Citoyen«-Begriffs und seiner Verwendung bei La Chalotais im Streit gegen die Jesuiten, die als symptomatisch für die umfassende und neuartige Dynamisierung des Konflikts zwischen Parlamenten und Königtum begriffen wird. Der interessierte Leser wird jedenfalls vom vorliegenden Querschnitt neuester Forschungsansätze durchweg profitieren können und mag sich der Vielgestaltigkeit des Themas vielleicht auch mit dem Humor Peter R. Campbells nähern, der seine begriffsgeschichtliche Methodik mit dem Anvisieren eines beweglichen Zieles vergleicht, das die Jagd schließlich erst zum rechten Vergnügen mache (S. 201–202). Die Bemühungen der Forschung um die schillernde Geschichte der Parlamente haben ihrerseits bereits Anlass zur Publikation eines nächsten Aufsatzbandes gegeben, der kürzlich in Pessac bei Bordeaux (Maison des sciences de l’Homme d’Aquitaine) erschienen ist 5 .

    1 Clarisse Coulomb, Les pères de la patrie. La société parlementaire en Dauphiné au temps des Lumières, Grenoble 2006.

    2 Caroline Le Mao, Les fortunes de Thémis. Vie des magistrats du parlement de Bordeaux au Grand Siècle, Bordeaux 2006; dies., Parlement et parlementaires. Bordeaux au Grand Siècle, Seyssel 2007.

    3 Jean-Bernard Lang, Les robes écarlates. La justice criminelle au parlement de Metz, 1744–1780, Metz 2008.

    4 Gauthier Aubert, Olivier Chaline (Hg.), Les parlements de Louis XIV. Opposition, coopération, autonomisation? Actes du colloque de Rennes, 13–15 novembre 2008, Rennes 2010; Caroline Le Mao (Hg.), Habiter les villes de cours souveraines en France: XVI e –XVIII e s., Grenoble 2008.

    5 Caroline Le Mao (dir.), Hommes et gens du roi dans les parlements de France à l’époque moderne, Pessac 2011.

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    PSJ Metadata
    Bernd Klesmann
    A. Lemaître, Le monde parlementaire au XVIIIe siècle (Bernd Klesmann)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte, Sprachgeschichte
    18. Jh.
    4018145-5 4044685-2 4046554-8
    1700-1789
    Frankreich (4018145-5), Parlament (4044685-2), Politische Rede (4046554-8)
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    A. Lemaître, Le monde parlementaire au XVIIIe siècle (Bernd Klesmann)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/FN/lemaitre_klesmann
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 21:50
    Zugriff vom: 07.08.2020 14:27
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