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    A. Potofsky, Constructing Paris in the Age of Revolution (Matthias Middell)

    Francia-Recensio 2011/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Allan Potofsky, Constructing Paris in the Age of Revolution, Basingstoke (Palgrave Macmillan) 2009, XVIII–346 p., ISBN 978-0-230-57471-7, EUR 73,70.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Matthias Middell, Leipzig

    Im Jahr 1813 wandte sich der Architekt Antoine-Marie Peyre in einem Memorandum an den französischen Innenminister und plädierte für die Wiederherstellung der Bauordnung des Ancien Régime, um die katastrophalen Wirkungen der Revolutionszeit auf das öffentliche Bauen in Paris zu revidieren oder wenigstens nicht fortzusetzen. Gleichzeitig verlangte er die Wiedereinrichtung der Académie d’architecture und erging sich in einer Eloge auf die vorrevolutionären Leistungen seines Berufsstandes, die er harsch mit dem Mangel an Sorgfalt und Planung kontrastierte, der seines Erachtens seit der Auflösung der königlichen Baubehörde (Bâtiment du Roi) 1791 herrschte. Allan Potofsky zeigt, wie sich in diesem Moment eine Meistererzählung formierte, die das Ancien Régime über die revolutionären Neuerungen stellte und dabei großzügig über die vielen Ambitionen hinwegsah, die die Architekten Ludwig XVI. niemals einlösen konnten. Potofsky bilanziert dagegen Fortschritte in der Professionalisierung und Ausdifferenzierung verschiedener Baugewerke gerade während der Revolution ebenso wie den Aufstieg einer neuen Elite im Baugeschäft, deren ingenieurtechnischen und unternehmerischen Fähigkeiten denen der Vorgänger oft überlegen waren.

    Doch der Zugriff auf die Geschichte des Bauens im Zeitalter der Revolution, das der Verfasser bis zum Endes des Premier Empire laufen lässt, erweist sich als noch viel fruchtbarer. Es geht Potofsky, Professor an der Universität Paris VII, nicht darum, den zwei Jahrhunderte schwelenden Streit um Architektenkunst und baubehördliche Strenge zu entscheiden (oder ihr auch nur eine weitere Stimme hinzuzufügen). Vielmehr erschließen sich, wenn man über die Schultern der Bauplaner, der Zimmerer und Steinmetze, der Anstreicher und der Immobilienunternehmer in die Archive schaut, wahre Fundgruben bisher unbeachteten Materials und neue Einsichten in eine histoire problème der Revolutionszeit.

    Diese Jahre waren in vielerlei Hinsicht goldene Jahre für die Bauindustrie, die sowohl von den zahlreichen öffentlichen Aufträgen zur Veränderung des Stadtbildes von Paris, von der massiven Zuwanderung in die Hauptstadt mit dem daraus folgenden Bedarf an Wohnraum, als auch 1793/94 von der Konjunktur der Militärbauten (von Hospitälern bis zu Kasernen) profitierte. Zugleich waren die Besitzer der Bauunternehmen von gravierenden rechtlichen Verschiebungen mit großen sozialen Folgen betroffen: Die Abschaffung der Zünfte und Berufsvereinigungen im Jahr 1791 schien ihre Kontrolle über das Gewerbe zu untergraben, aber mit der Einführung einer speziellen Berufszulassungssteuer ( patente ) im März 1791 gewannen sie diese Position teilweise zurück. Sie reihten sich deshalb gerade in Paris unter die entschiedensten Anhänger der Revolution und bildeten einen Kern der oft zitierten sans-culottes , um deren soziale Statuseinschätzung seit Albert Sobouls magistraler Studie von 1958 immer wieder heftiger Streit tobt. Potofsky zeigt eine »revolutionary bourgeoisie of work«, die doch in vielerlei Hinsicht (von der Betriebsgröße über die Organisation der Arbeit bis zu den politischen Ausdrucksformen als soziale Bewegung) ein Übergangsphänomen war, wie es Soboul unterstrichen hatte – noch nicht erschrocken vor den Klassenfronten des 19. Jahrhunderts und zugleich dem spekulativen und landbasierten Besitz des Adels und der bourgeoisie d’Ancien Régime in heftiger Feindschaft verbunden. Ein Kompromiss mit den Altherrschenden kam deshalb für diese der Arbeitswelt ihrer Beschäftigten noch eng verbundenen Unternehmer kaum in Frage, Sorge um einen Verlust ihrer sozial gesicherten Position kannten sie zwar im Detail, aber nicht im Grundsätzlichen, denn Alternativen zur Marktwirtschaft tauchten höchstens am Horizont des utopischen Schrifttums auf. So wurden die sans-culottes , unter denen die Bauunternehmer und Bauarbeiter eine wichtige Rolle spielten, zur Basis einer sich auch in sozialer Hinsicht radikalisierenden Revolution bis in das Jahr 1794 hinein, auch wenn ihre Entwaffnung im September 1793 einen tiefen Spalt zu den Robespierristen an der Macht erzeugte.

    Potofsky betont gegenüber dem altbekannten Bild von einer urbanen Volksbewegung die Rolle der Besitzenden unter den sans-culottes , die sich eben nicht nur als vorbildliche Unternehmer fernab irrsinniger Preistreiberei und Spekulation um ihre Gesellen und Arbeiter kümmerten, sondern der Revolutionsführung auch jene Disziplinierung der Arbeit garantierten, die angesichts einer breiten Zuwanderung aus den von Getreidemangel gekennzeichneten Gebieten ein erhebliches Problem darstellte. Die sans-culottes also nicht als das sozial ganz Andere gegenüber einer montagnardischen Elite, sondern an ihren oberen Rändern aus dem gleichen gesellschaftlichen Holz geschnitzt und deshalb nicht Aktivisten in Opposition, sondern Unterstützer der politisch immer weiter nach links neigenden aber niemals die bürgerliche Spur verlassenden Jakobiner. Was diese sans-culottes allerdings für die Revolution so wichtig werden ließ, war nicht allein ihre Übereinstimmung mit den sozialen Zielen der Revolutionsregierung, sondern ihre Bindungsfähigkeit gegenüber den Arbeitenden. Die boutique und die fabrique waren die Orte, an denen diese Bindung ebenso erzeugt wie sie in den Sektionen in politische Übereinkunft verwandelt wurde.

    Die Geschichte des Bauwesens wird in dieser Perspektive eine spektakuläre Entdeckungstour durch die Sozialgeschichte einer besonderen sozio-kulturellen Formation, die keinesfalls den »urban poor« zuzurechnen ist, sondern zu den großen ökonomischen Gewinnern der Revolutionsjahre gehörte. Die lange Fixierung auf die sans-culottes als Volksbewegung, die hier aufgebohrt wird, mag der Grund sein, warum es eigenartiger Weise in all den Debatten über die bürgerliche Revolution keine überzeugende Analyse des Bürgertums während der Revolution gegeben hat. Die Polemik der sans-culottes , die schließlich das große Maximum – eine radikale (wenn auch schwer durchsetzbare) Preiskontrolle – implementierte, richtete sich nicht gegen kapitalistische Kalkulation und gegen die Möglichkeit des Profits, sondern sie richtete sich gegen eine Fraktion des Bürgertums, die für eine Entfesselung des Marktes und die Aufhebung aller staatlichen Kontrollen plädierte. Die Herren der Bauhütten taten dies nicht aus Mangel an Lust auf größere Gewinne, sondern aus Sorge um die noch kaum gefestigte und legitimierte soziale und politische Stabilität der neuen Ordnung, die leicht an der Unzufriedenheit der tatsächlichen städtischen Armut zerbrechen konnte. Sansculottismus bedeutete insofern eine an egalitaristische (und eben nicht antikapitalistische) Traditionen appellierende soziale Synthese aus Unternehmer und seinen abhängig Beschäftigten.

    Von dieser Interpretationsfigur, die zentral für die Darstellung Potofskys ist und das Kapitel 4 bestimmt, entwickelt der Verfasser sein Buch, das sich zunächst mit dem vorrevolutionären Bauen zwischen Korporatismus und Liberalisierung des Marktes beschäftigt (Einleitung) und dabei auch auf die Debatte um das Schicksal der Berufsvereinigungen eingeht (Kap. 1), um dann diese Diskussion durch die ersten Jahre der Revolution und deren soziale Konflikte um die (Neu-)Gestaltung der Arbeitswelt zu verfolgen (Kap. 2). Das anschließende Kapitel geht dem öffentlichen Bauen bis 1793 nach und zeigt auf, wie sich Auftragsvergabe und Loyalität zur Revolution verschränkten.

    Auf das bereits skizzierte Sansculottismus-Kapitel folgen in klassischer Symmetrie erneut zwei Kapitel, die sich mit der sozialen Konfiguration im Baugewerbe zwischen 1795 und 1805 sowie dem öffentlichen Bauen unter Directoire und Kaiserreich beschäftigen, so dass bereits die Anlage des Buches auf einen Höhepunkt im Jahr II hindeutet. In Tocquevillescher Manier ordnet Potofsky schließlich die scheinbar eruptiv hervorgetretenen Neuerungen der Ersten Republik in eine lange Geschichte des französischen Kapitalismus ein: »unfree yet prosperous: labor and capital in construction 1763–1871«. (S. 243–248). Der Band ist in seinem Detailreichtum und seiner interessanten Deutung des Sansculottismus zweifellos ein bemerkenswerter und weiterführender Beitrag zur Geschichte von Revolution und Kapitalismus, keineswegs nur in Frankreich.

    Man kann in diesem Text eine sehr gelungene Verbindung der Korporatismus-Studien eines Steve Kaplan, der Diskursanalyse der Arbeitswelt eines Michael Sonenscher und einer Geschichte der täglichen Praxen in Paris eines Haim Burstin oder eines Daniel Roche finden. Die Tatsache, dass eine solche Verbindung ihren Weg in das Verlagsprogramm von Palgrave-Macmillan gefunden hat, zeigt an, dass sich der Verlagsmarkt nun sogar für die Geschichte der Französischen Revolution verändert. Damit entsteht die Möglichkeit eine lange dominierende Spaltung zwischen französischen Beiträgen in französischsprachigen Verlagen und angelsächsischer Produktion in englischsprachigen Verlagen zu überwinden. Die einen mögen das beunruhigend finden. Man kann darin aber auch eine Chance zur schnelleren Verständigung sehen.

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    PSJ Metadata
    Matthias Middell
    A. Potofsky, Constructing Paris in the Age of Revolution (Matthias Middell)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Frankreich und Monaco
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    18. Jh.
    4044660-8 4318431-5 4004704-0 4069177-9 4056795-3
    1763-1815
    Paris (4044660-8), Bauarbeit (4318431-5), Baubetrieb (4004704-0), Bauwirtschaft (4069177-9), Städtebau (4056795-3)
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    A. Potofsky, Constructing Paris in the Age of Revolution (Matthias Middell)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/FN/potofsky_middell
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 22:05
    Zugriff vom: 16.10.2019 18:56
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