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U. Kleine, Gesta, Fama, Scripta (Julia Itin)

Francia-Recensio 2011/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Uta Kleine, Gesta, Fama, Scripta. Rheinische Mirakel des Hochmittelalters zwischen Geschichtsdeutung, Erzählung und sozialer Praxis, Stuttgart (Franz Steiner) 2006, XIV–481 S. (Beiträge zur Hagiographie, 7), ISBN 978-3-515-08468-0, EUR 72,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Julia Itin, Halle-Wittenberg

Gerade im 20. Jahrhundert hat die transformierte Wundervorstellung nicht nur innerhalb ihres »natürlichen Lebensraumes«, der Religion, sondern auch in der Naturwissenschaft, Wirtschaft, Politik, Technik und sogar im Sport ihren Inflationshöhepunkt erreicht. Kurt Tucholsky hatte Recht – Wunder kommen wieder, und sie haben ihre Gesetze. So geht auch Uta Kleine, ein klassisches mediävistisches Thema aus kulturgeschichtlicher Perspektive neu betrachtend, in ihrer an der Fernuniversität Hagen eingereichten Dissertation der Entstehung und Wirkung der Wundermechanismen in religiösen Vorstellungen des Mittelalters anhand einiger lokaler Beispiele der Erzdiözese Köln nach. Geschickt konfrontiert die Autorin die hagiographischen Quellen mit Fragestellungen zu ihrer Genese und Rezeption, mit den Theorien zur Schriftlichkeit und Mündlichkeit der Überlieferung. Sie distanziert sich weitgehend von der geläufigen Forschungsperspektive, die Wunder oft als hagiographische »Kultpropaganda« und »Tourismusförderung« betrachtet, und befragt die Quellen nach Mirakeln als »soziale(r) Tatsache« (S. 17) und »gedeutete(r) Wirklichkeit« (S. 36). Dabei ist ihre Arbeit vom methodischen Ansatz her zwischenSozialgeschichte, historischer Anthropologie und moderner Literaturforschung zu verorten.

Anhand der sechs rheinischen Mirakelbücher – »Miracula Heriberti«, »Vita Adelheidis«, »Vita Annonis«, »Wunderaufzeichnungen im Kloster Brauweiler«, »Libelli miraculorum« und »Miracula Engelberti« fragt Kleine systematisch und äußerst differenziert nach den Beziehungen zwischen »außerordentlichem Tatzusammenhang ( gesta )«, der »mündlichen Erzählung ( fama )« und dem »lateinischen Schriftwerk ( scripta )« (S. 14). In der hochmittelalterlichen Narrative der Wunder, der die Autorin zu Recht im sozialen Umfeld der Wunder eine sehr große Bedeutung zumisst, sieht sie die »handlungs- und überlieferungslogische Verbindung« (S. 14) zwischen dem Kult an sich und dem hagiographischen Bericht. Die Wechselwirkung des realen Geschehens, seiner symbolischen Deutung und schließlich der von menschlichem Erinnern bestimmten Überlieferung berücksichtigend, stellt Kleine die klassische Frage nach historischem, allegorischem, tropologischem und anagogischen Sinn des Textes, die sie gekonnt unter Beachtung des linguistic turn zu beantworten weiß.

Nach den eingehenden theoretischen Vorüberlegungen präsentiert Kleine diverse Themenfelder rund um hagiographische Mirakel in sechs Einzelstudien. Dabei bricht die Autorin mit einigen in der hagiographischen Forschung länger tradierten Paradigmen. So zeigt sie einleuchtend anhand des »Libelli Miraculorum«-Beispiels der Wundertradition Erzbischof Annos, dass die Memoria und Wundergeschichten eher zur monastischen Erinnerungskultur als zur »Kultpropaganda« gehören. Anhand desselben Beispiels relativiert sie auch den früher in der Forschung vielfach betonten wirtschaftlichen Ertrag des Heiligenkultes und deutet das Wunder und den dazugehörigen Kult als soziales Ereignis und gemeinschaftsstiftendes Moment. Jedes Mirakelbuch, so Kleine, hat ihre eigene, multidimensionale Bestimmung: Die Narrative des Hibertis von Köln dient hauptsächlich der Armenfürsorge, die Vita Adelheidis umrahmt die Vilicher Klosterstiftung und belebt das Andenken an Vilich als adelige Familienstiftung, wie auch die Vita Annonis und die Libelli Miraculorum die Fundationsgeschichte des Klosters Siegburg hervorhebt und gleichzeitig zur Verflechtung von Siedlungen und Herrschaft dient. Die Geschichte über die Brauweiler Wundertäter dreht sich ebenfalls um das Kloster und seine besondere lokale Bedeutung, während die Geschichte Engelberts der Kontinuität der Stiftung dienen sollte.

In dem abschließenden, kategorisierenden Kapitel beschreibt Kleine gekonnt die in Einzelstudien ausgearbeitete gesta , fama und scripta in den Phasen der Wahrnehmung, Deutung und Erinnerung an die lokalen Mirakel. Sie deutet die lokal fest verankerten Wunder über ihre religiöse, in Kult verankerte Bedeutung hinaus und versteht sie als Rituale, die im sozialen Umfeld, vor allem mittels Inventionen und Translationen, als gewisse Stützen des Transitmoments, als eine Verbindung von Diesseits und Jenseits dienen (S. 363f.). Danach wagt sich Kleine an eine für Historiker, die vor allem mit schriftlichen Quellen arbeiten, große methodische Herausforderung: die Erschließung der mündlichen Kultur der Überlieferung, die zugleich die Voraussetzung der Schriftlichkeit ist. Dabei kommt, so Kleine, die für die Mediävistik von Johannes Fried so eindrücklich herausgearbeitete Bedeutung der Erinnerung zum Tragen. Auf diese Weise wird der Dialog der Erinnerungen zwischen Laien und Klerus sichtbar – die Details, die z. B. für die Kanonisierung wichtig sind, werden im Prozess der Niederschrift abgewogen und an der Mündlichkeit der kollektiven Erinnerung angepasst (S. 412f.).

In ihrer nicht nur inhaltlich, sondern auch methodisch sehr wertvollen und viele entscheidende Entwicklungen der jüngsten Forschung beachtenden Studie rekonstruiert Uta Kleine sehr differenziert und streng an den Quellen orientiert den schwierigen Prozess des Übergangs der nicht schriftlichen Kommunikation – sei es die fama oder Inhalte, die durch bestimmte Rituale im Zusammenhang mit den Mirakula vermitteltet wurden – in ihre schriftliche Form. Genau das macht ihre Arbeit über die auch im 21. Jahrhundert nicht obsolet gewordenen Wunder für die mediävistische Forschung so wertvoll.

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PSJ Metadata
Julia Itin
U. Kleine, Gesta, Fama, Scripta (Julia Itin)
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein
Kirchen- und Religionsgeschichte
Mittelalter
4031492-3 4071769-0 4022930-0 4114364-4 4170094-6 4055759-5 4067063-6
1000-1300
Diözese Köln (4031492-3), Geschichtsbild (4071769-0), Hagiografie (4022930-0), Latein (4114364-4), Mirakel (4170094-6), Soziales Handeln (4055759-5), Wunder (4067063-6)
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U. Kleine, Gesta, Fama, Scripta (Julia Itin)
In: Francia-Recensio 2011/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/MA/kleine_itin
Veröffentlicht am: 13.01.2012 20:45
Zugriff vom: 17.02.2020 11:04
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