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    L. Passerini, L. Ellena, A. C. T. Geppert, New Dangerous Liaisons (Joachim Häberlen)

    Francia-Recensio 2011/4 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Luisa Passerini, Liliana Ellena, Alexander C. T. Geppert (éd.), New Dangerous Liaisons. Discourses on Europe and Love in the Twentieth Century, New York; Oxford (Berghahn Books) 2010, ISBN 1-978-84545-738-5, EUR 69,99.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Joachim C. Häberlen, Berlin

    Gefühlsgeschichte zu schreiben, steht im Moment ebenso hoch im Kurs wie europäische Geschichte zu schreiben, beziehungsweise deren Verhältnis zur außereuropäischen Geschichte zu durchdenken. Der hier zu besprechende Band, der die Ergebnisse eines internationalen Forschungsprojekts zum Thema »Europe: Emotions, Identities, Politics« am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen vorstellt, versucht diese Gebiete zusammen zu bringen. Er soll, so Luisa Passerini in der überaus anregenden Einleitung, die komplexe Verbindung zwischen einem »sense of belonging to Europe« einerseits und den »concepts of courtly and romantic love« andererseits untersuchen. Dabei soll, so Passerini, jeglicher Eurozentrismus kritisiert werden, gleichzeitig aber auch nach der historischen Bedeutung von Liebe in und zu Europa gefragt werden. Die vielfach vorgebrachte Behauptung, »romantische Liebe« sei – insbesondere im kolonialen Kontext – eine exklusiv europäische Empfindung etwa gehört hierzu, wurden doch Nichteuropäer oftmals der »romantischen Liebe« unfähig erachtet, weshalb gemischtrassige Beziehungen höchstens sexueller Art sein könnten, nicht aber auf »wahrer« Liebe basieren könnten.

    Hiermit sind bereits die ersten beiden Essays des Bandes angesprochen, die von Jack Goody und William M. Reddy stammen. Während Goody die Vorstellung kritisiert, (romantische) Liebe, ein eng mit Gedanken der Gleichheit und Individualität verbundenes Gefühl, sei ein exklusiv europäisches Phänomen, verteidigt Reddy eben diese These, wobei er betont, die Vorstellung von »romantischer« Liebe beinhalte einerseits, dass sie exklusiv sein müsse und auf Gegenseitigkeit beruhen solle, andererseits eine im Kern christliche Gegenüberstellung von Liebe und Begierde sei. Diese Konzeption von »Liebe« sei, so Reddy, das Ergebnis spezifischer kultureller Entwicklungen in Europa. In diesem Sinne versucht Reddy, romantische Liebe zu historisieren. Ein solche Herangehensweise weicht – zurecht – der Frage aus, ob Gefühle wie »Liebe« sich interkulturell ähneln oder unterscheiden; wichtig ist vielmehr, welche (sprachlichen) Praktiken und Erwartungen an »Liebe« geknüpft sind – Sexualität, Exklusivität, Reziprozität etc.

    Diese beiden Essays sollen, so die Einleitung, gleichsam einen Rahmen für die folgenden Essays bilden. Gelingt dies? Erfüllen die Essays die in der Einleitung geweckten theoretischen Erwartungen? Diese Frage kann nur einschränkend bejaht werden. Zu heterogen sind die in sich selbst durchaus interessanten Texte. Positiv ist zunächst hervorzuheben, in welchem geographisch umfassenden Sinne Europa behandelt wird: vom postsowjetischen Russland, über Polen und den Balkan, zu Ländern, die allzu oft hauptsächlich für Europa stehen, wie Deutschland, Großbritannien, Frankreich, und mit Abstrichen auch Italien, zur südwesteuropäischen »Peripherie«, Spanien und Portugal, wobei auch immer wieder der Blick auf die (post)kolonialen Vergangenheiten dieser Länder gerichtet wird, etwa indem nach der geschlechtlich konnotieren »Beziehung« zwischen Italien und Afrika gefragt wird (Liliana Ellena). Allerdings spielt die genuin »europäische« Dimension kaum eine Rolle, beschränken sich die Essays doch zumeist auf einen nationalen Rahmen, teils unter Einschluss der jeweiligen Imperien. Hier wirft sich die Frage auf, wie stark ein »sense of belonging to Europe« wirklich war. Sind, trotz aller Anstrengungen, Geschichte zu europäisieren, wenn nicht gar zu globalisieren, am Ende doch »nationale« Kategorien die wichtigeren?

    Ein zweites Problem ergibt sich aus den gewählten Quellen. Zumeist, wenn auch keineswegs immer, bilden literarische, filmische, oder hochkulturelle Texte und Artefakte die Basis der Analyse. Welche Schlüsse über einen sense im Sinne eines »sense of belonging to Europe« lassen sich beispielsweise aus italienischen Romanen gewinnen (Ellena)? Wie weit kann die Analyse eines Filmes wie »Window of Paris« (1933) tragen, wenn es um die (emotionalen) Beziehungen zwischen dem postsowjetischen Russland und Europa geht (Almina Ousmanova)? Andererseits: Was verraten (Liebes-)Briefe, etwa an die Diktatoren Hitler und Mussolini (Alexander Geppert) oder den englischen König Edward VIII., der abdankte, um seine bürgerliche Geliebte, die bereits zwei Mal geschiedene Amerikanerin Wallis Simpson zu heiraten (Alexis Schwarzenbach)? Zeigen die Briefe an Edward wirklich, wie wichtig diese Angelegenheit für seine Zeitgenossen war? Für jene, die Briefe schrieben, traf dies sicherlich zu, aber was ist mit all jenen, die überwältigende Mehrheit, die sich nicht diese Mühe machten? Beim Rezensenten blieb hier eine gewisse Skepsis bestehen.

    Aber auch sonst bieten die in drei Kapiteln – »Historicising Love«, »Public and Private Love«, »European Borders and Cultural Differences in Love Relations« – gegliederten Essays nicht unbedingt Antworten auf die Frage, in welchem Zusammenhang ein Gefühl zu Europa zu gehören mit Konzepten höfischer und romantischer Liebe stand. Dies mindert aber nicht die Qualität der einzelnen Essays, von denen im Folgenden zwei besonders interessante hervorgehoben werden sollen.

    Alexander Geppert präsentiert ein zutiefst verstörendes Material, Liebesbriefe an Adolf Hitler. Diese, in zärtlichsten Worten (Hitler wurde mit »Adilie«, »mein lieber zuckersüßer Adolf«, oder »Heil Adöffilein« angesprochen; eine Frau schrieb ihm gar: »Ich küsse Dich auf Deine 4 Buchstaben und tue Front frei, damit Du fühlst, wie lieb ich Dich hab.«) verfassten Briefe waren, so Geppert, eine Antwort auf »the regime’s omnipresent penetetration into everyday life«. Dabei prallten gewissermaßen zwei Sprachen aufeinander, diejenige (privater) romantischer Liebe, und die (öffentliche) des Nationalsozialismus. Diese Briefe zu lesen und zu interpretieren stellt eine Herausforderung dar, entbehren sie doch nicht einer gewissen Komik. Die Briefe aber zum Lachen zu finden, mag, so Geppert überzeugend, gerade von der vielleicht erschreckenden Einsicht abhalten, dass Hitlers Attraktivität in seinem sex appeal lag. Allerdings blieb beim Rezensenten eine gewisse Skepsis, ob diese Briefe zu einer Erklärung beitragen, weshalb die »Vielen«, auf die Alf Lüdktes Essay verweist (dessen Analyse von Gefühlen aber weitgehend im Allgemeinen und Spekulativen verbleibt), ein diktatorisches Regime akzeptierten, erhielten doch auch Willy Brandt und Gerhard Schröder Liebesbriefe, zu denen Geppert allerdings kein Zugang gewährt wurde. Der Konnex zwischen Macht und Liebe (oder ist es erotische Faszination?) mag unabhängig von der politischen Form – Diktatur oder Demokratie – sein.

    Ein letztes hier ausführlicher vorzustellendes Essay stammt aus der Feder von Ruth Mas, die sich ebenfalls dem Zusammenhang von Liebe und Macht widmet, allerdings im Kontext des postkolonialen Frankreichs. Dort werden métissage -Ehen zwischen algerischstämmigen Französinnen und »weißen« Franzosen gleichsam als Weg zur Integration angesehen, wobei das wahre Ziel dieser »politics of regenaration« sei, das »feminine Algerian Muslim subject« vor den »restrictions of oppressive and patriarchal Islamic law, forced marriages and polygamy« zu retten. Mas ist gegenüber diesem Ansatz zutiefst kritisch und versucht anhand einer Fallstudie, über ein in Frankreich aufgewachsenes Mädchen algerischer Eltern, die sich von ihren Eltern nach deren Hinwendung zum Islam distanzierte und einen nichtmuslimischen Mann heiratete, der dann aber zum Islam konvertierte, Möglichkeiten einer »Muslim subjecthood in France« jenseits der Dichotomie von traditionellem, islamischen und aufgeklärten, liberalen Subjektivitäten zu erkunden. Damit zeigt dieser theoretisch überaus anspruchsvolle Aufsatz, wie eng Fragen der (politischen) Identität mit Liebesfragen zusammenhängen.

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    PSJ Metadata
    Joachim C. Häberlen
    L. Passerini, L. Ellena, A. C. T. Geppert, New Dangerous Liaisons (Joachim Häberlen)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Zeitgeschichte (1918-1945)
    Europa
    Kultur- und Mentalitätsgeschichte
    20. Jh.
    4015701-5 4019702-5 4033542-2 4035646-2 4067906-8
    1950-2000
    Europa (4015701-5), Gefühl (4019702-5), Kulturelle Identität (4033542-2), Liebe (4035646-2), Zivilisation (4067906-8)
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    L. Passerini, L. Ellena, A. C. T. Geppert, New Dangerous Liaisons (Joachim Häberlen)
    In: Francia-Recensio 2011/4 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2011-4/ZG/passerini_haeberlen
    Veröffentlicht am: 13.01.2012 17:00
    Zugriff vom: 28.09.2020 10:03
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