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H. Duchhardt, Der Pyrenäenfriede 1659 (Sven Externbrink)




Francia-Recensio 2012/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Heinz Duchhardt (Hg.), Der Pyrenäenfriede 1659. Vorgeschichte, Widerhall, Rezeptionsgeschichte, Göttingen (V & R unipress) 2010, 102 S. (Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte Mainz. Beiheft, 83), ISBN 978-3-525-10098-1, EUR 26,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Sven Externbrink, Heidelberg

Der Pyrenäenfriede von 1659 stand immer und steht noch immer im Schatten seines »großen Bruders«, des Westfälischen Friedens. Dabei ist er nicht vom Münsteraner Friedensschluss zu trennen, beendete er doch endgültig den »europäischen Dreißigjährigen Krieg«, da 1648 ja nur ein Teilfrieden erreicht wurde. Auch von der historischen Forschung wurde der Pyrenäenfrieden bislang weitgehend vergessen, und seine 350. jährige Wiederkehr wurde bei weitem nicht von vergleichbaren Ausstellungen und Konferenzen begleitet wie die des Westfälischen Friedens. So ist der vorliegende Band aus einer kleinen Konferenz am Institut für Europäische Geschichte hervorgegangen.

Anschka Tischer gibt einen Überblick zum Forschungsstand und nimmt dann die Vorgeschichte des Friedens in Blick, den französisch-spanischen Krieg, der wie der Frieden auf eine lange Vorgeschichte blicken kann. Dieser hat seinen Ursprung in Italien, wo die Franzosen durch ihre erfolgreichen Interventionen im Veltlin und in den Mantuanischen Erbfolgekrieg die spanische Dominanz in Frage stellten. Dieser italienische Ursprung des französisch-spanischen Krieges sollte stärker als bisher berücksichtigt werden. So sollte auch daran erinnert werden, dass noch bevor die Gefangennahme des unter französischer Protektion stehenden Kurfürsten von Trier, Sötern, zur offenen Kriegserklärung führte, Ludwig XIII. und Richelieu dem Herzog von Rohan befahlen, das Veltlin zu besetzen. Auch ohne die Aktion gegen Sötern hätte dies zu einem offenen Konflikt zwischen Spanien und Frankreich geführt.

Michael Rohrschneider untersucht die Ursachen für die Dauer der französisch-spanischen Friedensverhandlungen nach dem Scheitern der Verhandlungen in Münster. Dort konnte eine Einigung nur in wenigen Fragen nicht erreicht werden. Spanien hoffte 1648/49 angesichts der Fronde in Frankreich auf ein Einlenken Mazarins, der von Philipp IV. als Hauptgegner angesehen wurde. Doch Mazarin gab nicht nach, weder seinen innenpolitischen Gegnern, noch gegenüber den Spaniern. So verhärteten sich 1648/9 noch einmal die Fronten. Der Friedensschluss von 1659 aber war, so Rohrschneider, dann Ausdruck eines Willens und Fähigkeit zum Frieden, die auf beiden Seiten vorhanden waren.

Rafael Valladres bilanziert die spanische Historiographie über den Pyrenäenfrieden, die sich erst in den 1950er Jahren von einem nationalistisch gefärbten Blick gelöst hat. Gegenwärtig dominiert die Betonung der dynastischen Aspekte der spanischen Politik den Blick auf den Frieden. Dies sei die Ebene, auf der sich Philip IV. und sein Neffe Ludwig XIV. haben einigen können.

Heinz Duchhardt skizziert in seinem Beitrag, wie der Mainzer Erzbischof Johann Philipp von Schönborn davon träumte, den 1648 gewonnenen außenpolitischen Spielraum auszuloten und sich – letztlich vergeblich – als Vermittler im Französisch-Spanischen Krieg anbot. Sein Scheitern illustriert die Haltung der etablierten Akteure im außenpolitischen Spiel der Epoche gegenüber neuen »Mitspielern«, denen keineswegs wie selbstverständlich der gleiche Rang zugewiesen wurde. Die Grenzen des außenpolitischen Handlungsspielraums, die der Friedensvertrag von 1648 den Reichsständen setzte, waren sowohl in Paris als auch in Madrid bekannt.

Daniel Séré, dem wir die erste umfassende Monographie über den Frieden verdanken, kontrastiert die Erwartungshaltung in Frankreich mit den Ergebnissen des Friedens. Die Bevölkerung und die innenpolitische Opposition versprachen sich einerseits eine Reduzierung der steuerlichen Belastungen, andererseits ein Ausgleich in den Machtkämpfen an der Staatsspitze – hier ging es um die Frage, wie dem Herzog von Condé die Rückkehr ermöglicht werden könnte. Mazarin machte den Frieden kaum öffentlich: So gab es wenig große Feiern und in der »Gazette« findet man nur wenig über seinen Inhalt. Auch der bedeutendste Artikel des Friedens, die Heirat Ludwig XIV. mit seiner Cousine Maria Theresia, blieb vorerst unerwähnt.

Martin Peters und Liudmila Ivonina schließlich beschäftigen sich in ihren Beiträgen mit verschiedenen Formen der Rezeption des Friedens. Peters untersucht die Übersetzung des Friedensvertrags in Editionen des 17. und 18. Jahrhunderts sowie seiner Deutung in der Aufklärungshistoriographie. Zeitnah lagen recht präzise Übersetzungen des Friedens vor. Rund hundert Jahre später herrschte bei den Historikern jedoch Unverständnis über die dynastische Prägung der Außenpolitik des 17. Jahrhunderts – sie begannen bereits, in Kategorien des Gegensatzes der Nationen zu denken (S. 78f., S. 87). Dass der Pyrenäenfrieden verständlicherweise keinen Schwerpunkt der russischen Frühneuzeitforschung darstellt, bedarf wohl keiner großen Erläuterung – dennoch haben sich russische Frühneuzeithistoriker immer wieder mit dem französischen Ancien Régime und besonders mit dem 17. Jahrhundert beschäftigt, zu dem sie Zugang durch die umfangreichen Papiere aus dem Archiv des Kanzlers Pierre Seguier hatten, die der Zufall nach St. Petersburg verschlagen hat. So kam man über die Erforschung des französischen absoluten Monarchie (Boris Porshnev) auch mit der Außenpolitik in Berührung.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die geringe Aufmerksamkeit, die der Pyrenäenfrieden in der Forschung genießt (die beiden von Heinz Duchhardt herausgegebenen Sammelbände illustrieren dies allein schon mit ihren Seitenzahlen, 600 für den Westfälischen Frieden, 103 für den Pyrenäenfrieden), nichts am Zäsurcharakter des Friedens von 1659 ändert: Erst mit ihm ging der Dreißigjährige Krieg endgültig zu Ende. Auch dies lässt sich gut am Beispiel Italiens zeigen, wo im Prinzip seit 1612 (Beginn des ersten Mantunanischen Erbfolgekrieges) immer irgendwo Krieg geführt wurde – bis 1659. Das Fehlen eines Beitrags über Italien ist somit der einzige Mangel dieses ansonsten sehr informativen Bandes.

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PSJ Metadata
Sven Externbrink
H. Duchhardt, Der Pyrenäenfriede 1659 (Sven Externbrink)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Frankreich und Monaco, Spanien
Militär- und Kriegsgeschichte, Politikgeschichte
17. Jh.
4018145-5 4055964-6 4020535-6 4176462-6 4128644-3
1659
Frankreich (4018145-5), Spanien (4055964-6), Geschichtswissenschaft (4020535-6), Pyrenäenfriede (4176462-6), Zeithintergrund (4128644-3)
PDF document duchhardt_externbrink.doc.pdf — PDF document, 85 KB
H. Duchhardt, Der Pyrenäenfriede 1659 (Sven Externbrink)
In: Francia-Recensio 2012/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-1/FN/duchhardt_externbrink
Veröffentlicht am: 18.04.2012 15:05
Zugriff vom: 22.05.2019 17:47
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