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    A. Sablon du Corail, Louis XI ou le joueur inquiet (Heribert Müller)

    Francia-Recensio 2012/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Amable Sablon du Corail, Louis XI ou le joueur inquiet, Paris (Éditions Belin) 2011, 493 p., ISBN 978-2-7011-5245-5, EUR 35,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Heribert Müller, Frankfurt a. M.

    Lange ist es noch nicht her, da klagte Werner Paravicini in seiner Besprechung der Biographie Ludwigs XI. von Jean Favier, dass dieser Herrscher seit einigen Jahrzehnten in recht dichter Folge mit beleg- und anmerkungslosen Arbeiten im Stil der »haute vulgarisation« bedacht werde (Kendall, Gaussin, Bordenove, Heers, Gobry und eben Favier), ein wissenschaftlichen Ansprüchen genügendes Werk seit dem 1928 von Pierre Champion vorgelegten dagegen fehle (Francia 30/1 [2003], S. 376f.). Und nunmehr erneut ein Buch, das sich nahtlos in diese Reihe fügt und obendrein den Blickwinkel sogar noch bewusst verengt: Der Verfasser konzentriert sich ausschließlich auf die Person Ludwigs und will darüber hinaus keine Zeit und Welt erschließen; er beschränkt sich auf die Darstellung dessen, was den Herrscher nach seinem Dafürhalten – bis auf Jagd, Tiere und Musik – allein interessierte: »Louis se passionnait pour le pouvoir, la guerre et la politique, il en sera donc question presque à chaque page« (S. 10).

    Es geht mithin ganz einfach um eine auf seine Person zentrierte Ereignisgeschichte. Bereits zur (im englischen Original) 1971 erschienenen Biographie von Paul Murray Kendall bemerkte Colette Beaune, sie biete »une histoire événementielle et pittoresque aujourd’hui vieillie« (vgl. Historia 658 [Okt. 2001], S. 38), was jedoch dem Erfolg des noch mehrfach aufgelegten, auch ins Französische und Deutsche übersetzten Werks keinen Abbruch tat. Ob ein solcher auch in diesem Fall zu erwarten steht, darf indes bezweifelt werden, zumal der Autor auf der Basis besagten Konzepts überdies streng chronologisch vorgeht – die zahlreichen Brüche in Ludwigs Vita sollen dies nahelegen (S. 9) –, was natürlich für ein breiteres Publikum (an das sich das indes mit Abbildungen karg, mit Karten aber reich ausgestattete) fast 500-seitige Buch doch wohl in erster Linie wendet, eher verwirrende Unübersichtlichkeit bedeutet. Andererseits schafft die sonst bei Biographien häufige Kombination von chronologischer Erzählung mit an Sachthemen und Schauplätzen orientierten Abschnitten manche den seinerzeitigen Akteuren selbst völlig fremde Trennung und kann zudem Zwangsläufigkeit statt Offenheit suggerieren. Im Übrigen finden sich aber auch hier vom ersten Kapitel an immer wieder Sachexkurse eingefügt, etwa zu Ständeversammlungen (S. 17ff.) und Apanagen (S. 24ff.), zur Struktur der Burgundischen Niederlande (S. 73ff.) und zur Administration in Frankreich um die Mitte des 15. Jahrhunderts (S. 88–94), zu Justiz und politischen Prozessen (S. 342–347) oder zu den Armeereformen unter Karl VII. (S. 42ff.) und Ludwig XI. (S. 389ff.) und zur (in Konzeption und Ausmaßen bescheidenen) Wirtschafts- und Handelspolitik (S. 393–397). Allein, sie finden sich versteckt – und oft auch nicht über das Register erschließbar – innerhalb der 23 nicht weiter unterteilten Kapitel des Buchs und da manches Mal an unvermuteter Stelle: So wird man wohl kaum besagte Ständeversammlungen bei »l’enfance« oder die Apanagen im Kontext der »Praguerie« erwarten. (Manche Bereiche bleiben, teilweise unter Hinweis auf deren Behandlung in anderen Biographien, völlig ausgespart, wie etwa die Kirche – ein m. E. schon mit Blick auf die Aufhebung der Pragmatischen Sanktion von Bourges doch höchst politisches Sujet.)

    Jene Exkurse wie die gesamte Darstellung erweisen den Autor als im Wesentlichen mit der Forschung vertraut; der Schüler von Bertrand Schnerb und Absolvent der École des chartes hat 2001 eine unveröffentlicht gebliebene Arbeit über den Krieg um die burgundische Sukzession 1477–1482 geschrieben (eine auch im Netz verfügbare Zusammenfassung findet sich in den »Positions des thèses« der École des chartes, année 2001) und dazu auch zwei kleinere Studien publiziert (vgl. hier S. 459, 463), während er heute als Konservator am »Service historique de la Défense« in Vincennes beruflich mit wohl ganz Anderem beschäftigt ist.

    Solche Kenntnis spiegelt auch sein Verzeichnis der (ausschließlich gedruckten) Quellen und Literatur, unter die natürlich vor allem französischsprachige, aber auch etliche englische, niederländische und deutsche Titel fallen – für die wichtigste Quelle, die Memoiren des Philippe de Commynes, scheint ihm der »Aufklärer« Karl Bittmann noch von gewisser Autorität (vgl. S. 238). Doch fehlt auch einiges Wichtige, so etwa die Studien von Werner Paravicini zu Ludwig XI. (»Schlichtheit und Pracht«), Brimeu, Hagenbach und zu Kleve und Geldern 1473, das Buch von Claudius Sieber-Lehmann über die Burgunderkriege am Oberrhein und gegen die Eidgenossenschaft oder die Monographie von Spencer über Thomas Basin und dessen Geschichte Karls VII. und Ludwigs XI.; merkwürdigerweise blieben auch einige französische Arbeiten jüngeren Datums unberücksichtigt, wie z. B. – wegen ihres deutschen Druckorts? – die von Jean-François Lassalmonie zu den viel diskutierten Gründen für Ludwigs Verzicht auf Pracht und Repräsentation (in: Hofwirtschaft. Ein ökonomischer Blick auf Hof und Residenz in Spätmittelalter und früher Neuzeit, hg. v. Gerhard Fouquet u. a., Ostfildern 2008, S. 123–140). Wohl nicht mehr einarbeiten ließen sich die Beiträge eines 2007 in Lille veranstalteten Kolloquiums, dessen Akten erst 2010 unter dem Titel »Louis XI, une figure controversée« erschienen und Beiträge vorwiegend zum Nachleben und Bild des Königs in Historiographie und Literatur, aber auch in Film und Comics bieten. (Oder unterblieb die Rezeption, weil dieser, sich von der »légende noire« bis zum »personnage de fiction« erstreckende Bereich hier nicht thematisiert wurde?)

    Wenn ich im Folgenden, um Defizite auch in einzelnen Punkten darzulegen, mich exemplarisch auf drei das Reich betreffende Ereignisse beschränke, die Ludwig XI. als distanziert-aufmerksamer Beobachter und teilweise diskreter Intervenient verfolgte und die mit zu seinem – ob ihm nun zu Recht oder Unrecht anhaftenden – Epitheton der »universelle araigne«beitragen, so mag das einseitig, indes aus deutscher Rezensentensicht nachvollziehbar erscheinen: 1) Für das Trierer Treffen 1473 (S. 312f.; alle Angaben zu Trier/Trèves im Register sind unzutreffend) zwischen Karl dem Kühnen und Friedrich III. sei mit Blick auf das vom Verfasser betonte Phänomen burgundischer Prachtentfaltung zur Vertiefung und (im Wortsinn) Illustration auf das vierte Kapitel des vorzüglichen Ausstellungskatalogs »Karl der Kühne (1433–1477). Kunst, Krieg und Hofkultur«, (Bern – Brügge 2008/09) hingewiesen und mit Blick auf die hinsichtlich ihres Verlaufs und der Gründe ihres Scheiterns m. E. völlig unzureichend skizzierten Verhandlungen selbst auf die ob ihrer politischen Tönung zwar problematische, in ihrer historischen Aussagekraft aber immer noch gültige Studie von Hermann Heimpel (Karl der Kühne und Deutschland, in: Elsass-Lothringisches Jahrbuch 21 [1943], S. 1–54), auch auf das Buch von Petra Ehm (Burgund und das Reich, München 2002) sowie speziell für Ludwigs XI. Rolle auf eigene Ausführungen einmal im Aufsatzband zu besagter Ausstellung (S. 153–169, bes. S. 160ff.) sowie in: Die Macht des Königs, hg. v. Bernhard Jussen, München 2005, S. 255–274, S. 395ff. – 2) Der Neusser Krieg (S. 311, S. 321ff.) entzündete sich nicht an einer Rebellion des Kölner Domkapitels und der Städte im Erzstift 1470; Spannungen zwischen Ruprecht von der Pfalz und den Kanonikern sowie einem Teil der Landstände bauten sich vielmehr auf nach der Besetzung des dem Kapitel verschriebenen Zons durch den Erzbischof 1471 sowie 1472 nach dessen Versuch, sich der Stadt Neuss durch Verrat zu bemächtigen, worauf die Genannten am 23.III.1473 Treue und Gehorsam aufkündigten. Gegen den mit Ruprecht verbündeten Burgunder fanden sie in Dekan Hermann von Hessen ihren Anführer, dessen Landgrafenhaus damals noch keine Zweige Kassel und Marburg kannte, die erst aus der Erbteilung 1567/68 hervorgingen (S. 311). Für des großen Herzogs Festbeißen ins kleine Neuss und sein letztliches Scheitern gibt es wohl ebenso wie für Ludwigs aktiven Attentismus (aus deutscher Sicht: »ist doch gantz keyn truwe noch glaub an dem konig von Frankrich«) ein ganzes Bündel von Motiven, das ich im Rückgriff auf einschlägige Studien resümiert habe in: »Von welschem Zwang und welschen Ketten des Reiches Westmark zu erretten«. Burgund und der Neusser Krieg 1474/75 …, Düsseldorf 2003). – 3) Karls des Kühnen Konflikte am Oberrhein und mit der Eidgenossenschaft, wo Ludwig in besonderem Maß im Hintergrund involviert war (S. 313f.), hätten bei Kenntnis der Arbeiten von Hermann Heimpel, Werner Paravicini und Claudius Sieber-Lehmann sicher an Profil und Tiefenschärfe gewonnen und vielleicht auch davor bewahrt, Konstanz in die Schweiz zu verlegen (S. 313, vgl. S. 475).

    Das Reich kommt bei A. Sablon du Corail generell schlecht weg. Im Zusammenhang mit »Louis XI, l’Europe et les princes« (S. 105–126) wird es nicht einmal erwähnt, handelt es sich für ihn doch um ein in Auflösung und Anarchie versinkendes Gebilde, dessen machtloses Oberhaupt seit 1356 (!) von bestechlichen Kurfürsten gewählt wurde (S. 35); Nationalgefühl regte sich überhaupt erst während der Burgunderkriege an Ober- und Niederrhein (S. 322) (und was hat es auf sich mit der Reaktion im Reich auf die Türkengefahr im Schatten von 1453, ja schon mit der Schärfung des Bewusstseins eigener Identität gegenüber dem Anderen auf den im Reich stattfindenden Generalkonzilien von Konstanz und Basel?). Am Ende des Buchs findet sich dann eine bezeichnende Feststellung, die nicht gerade Gespür für das Reich als Ordnung sui generis verrät, sondern dem – sicher in Frankreich wirkkräftigeren – Ideal der zentralistisch organisierten Nation verpflichtet ist und darüber hinaus den Autor nicht unbedingt strukturgeschichtlich orientiert zeigt: »Il [le royaume de France] aurait pu se morceler ou se dissoudre, comme le Saint-Empire, mais le hasard et les hommes ont fait que les rois de France ont réussi là où les empereurs romains germaniques ont échoué« (S. 452) – »le hasard et les hommes«, so einfach ist das.

    Und welch ein Leporello sonstiger Fehler, schiefer oder unterbleibender Erklärungen ließe sich noch entfalten: Das reicht vom realiter bretonischen Adelsgeschlecht Avaugour (S. 13) bis zu den Hintergründen für den 1444 (!) Ludwig von Papst Eugen IV. verliehenen Titel eines Bannerherrn der römischen Kirche (S. 53), der im Kontext von Avignon und Basler Konzil zu sehen ist, das der Verfasser auch im Zusammenhang mit der mailändischen Sukzession 1447 (S. 57f.) ebenso wenig wie dessen Papst Felix V. erwähnt. Und es reicht von Karl dem Kühnen als angeblich Philipp dem Guten gehorsamem Sohn (der berühmte Brüsseler Zusammenstoß beider 1457 wird »weichgespült«, S. 78f.) bis zur – wohl in Unkenntnis einer eigentlich guten Literaturlage nicht recht begründeten – Idee der croisade bourguignonne (S. 66 u. ö.); immerhin glaubte der Dauphin ja, seine Flucht zu Philipp dem Guten 1456 gegenüber dem Vater mit seinem Wunsch erklären zu können, sich mit dem Herzog auf Kreuzzug zu begeben.

    Trotz alldem, das Buch hat auch seine Qualitäten, und diese konzentrieren sich m. E. vornehmlich auf das Kapitel »L’homme Louis« (S. 421–442), in dem der Verfasser das Persönlichkeitsprofil des Königs mit bemerkenswerter Sensibilität herausarbeitet – daran ist fürwahr nicht alles grundstürzend neu, doch ist es in sich stimmig, gerade weil nicht alles auf einen stimmigen Nenner gebracht wird. »Machiavel couronné« hat ihn (nicht nur) Emmanuel Le Roy Ladurie genannt (Parmi les historiens, Bd. 1, Paris 1974, S. 201), und die abstoßenden Züge des grausam-effizienten, von der »passion du pouvoir« (hier S. 425) getriebenen Machtmenschen, der selbst in seiner Frömmigkeit berechnend erscheint bis hin zum Ende, da es ihm mehr um den Erhalt des eigenen Lebens als sein Seelenheil ging, sie lassen sich nicht leugnen.

    Und dennoch war er, wie A. Sablon du Corail betont, nach den Maßstäben seiner Zeit und Welt (ohne die geht’s eben doch nicht) in Vielem »normal«; politisch bewegte er sich nach den Brüchen des Anfangs bekanntlich ganz auf den Bahnen des Vaters. Der unermüdliche Arbeiter, »Schreibtischstratege«, Netzwerker und Kontrolleur (»Un filet invisible couvrait tout le royaume«, S. 347), hatte, auch von Glück, Zufall und den Charakterschwächen seines Hauptgegners begünstigt, vor allem aber von einer starken und durch ihn verstärkten Administration getragen (etwas »histoire de longue durée« muss doch wohl sein), letztlich Erfolg. Dann wieder der Außenseiter, als der er sich in Kleidung und Lebensführung teilweise stilisierte und der er teilweise tatsächlich war – man muss kein Freudianer sein, um darin den Ausfluss früher Erfahrungen von Entfremdung und Fremdsein zu sehen. Ängstlich, misstrauisch und unruhig hatten sie ihn gemacht, und wiederholte gravierende Fehlentscheidungen als Dauphin werden solche Charakterzüge noch verstärkt haben; dann aber war er wieder ehrgeiziger, hohe Einsätze wagender Spieler – nicht zu Unrecht trägt das Buch seinen Untertitel. Nach Jahrzehnten des Wartens endlich König geworden, wollte er, wie sein Notar und Sekretär Nicole Gilles bemerkte, eigentlich nur eines: »En somme, c’était un roi qui ne voulait que régner« (nach Jacques Heers, Louis XI, Paris 2 2003, S. 354). Und dieses Geschäft betrieb er kundig und trefflich, mit allen Konsequenzen für sich selbst und seinen Ruf in der Mit- und Nachwelt, vor allem aber für sein Königreich – doch das sollte ja nicht Thema des Buchs sein.

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    PSJ Metadata
    Heribert Müller
    A. Sablon du Corail, Louis XI ou le joueur inquiet (Heribert Müller)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    15. Jh.
    4018145-5 118574930 4006804-3
    1423-1483
    Frankreich (4018145-5), Louis XI., France, Roi (118574930), Biografie (4006804-3)
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    A. Sablon du Corail, Louis XI ou le joueur inquiet (Heribert Müller)
    In: Francia-Recensio 2012/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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    Veröffentlicht am: 18.04.2012 14:45
    Zugriff vom: 17.02.2020 19:30
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