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    C. Martin, Mémoires de Benjamin Aubery du Maurier (Klaus Malettke)


    Francia-Recensio 2012/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Claire Martin (éd.), Mémoires de Benjamin Aubery du Maurier. Ambassadeur protestant de Louis XIII (1566–1636), Genève (Droz) 2010, 446 p. (Travaux du Grand Siècle, XXXV), ISBN 978-2-600-01413-7, EUR 96,09.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Klaus Malettke, Marburg/Lahn

    Um die Beurteilung des vorliegenden Werkes gleich vorwegzunehmen: Bei dieser Edition der wohl von 1611/12 bis 1636 verfassten »Mémoires« von Benjamin Aubery du Maurier (1566–1636), einem französischen Protestanten im Dienste der Krone Frankreichs, handelt es sich um eine vorzügliche wissenschaftliche Leistung. Diese Publikation zeichnet sich aber nicht nur durch die Akribie aus, mit der ihre Verfasserin arbeitete, sondern auch dadurch, dass sie einem Manne gewidmet ist, der als Angehöriger einer religiösen Minderheit in Frankreich, nämlich der Calvinisten, in den letzten Jahren der Herrschaft Heinrichs IV. und während der Regentschaft Marias von Medici sowie – nach der Ermordung ihres Günstlings Concini (1617) – unter dem nunmehr von der politischen Bevormundung seiner Mutter und ihres Favoriten befreiten Ludwig XIII. als französischer Botschafter in der um ihre Unabhängigkeit von Spanien kämpfenden Republik der Vereinigten Niederlande eine beachtliche Rolle auf dem Felde der französischen Außenpolitik gespielt hat.

    Benjamin Aubery wurde im August 1566 im Herrenhaus du Maurier, unweit von La Flèche im Maine gelegen, geboren. Er entstammte einer wohlhabenden protestantischen Bauernfamilie, die den sozialen Aufstieg in den Adel anstrebte. Seinem Vater, Jacques Aubery, war es im August 1551 gelungen, das Amt ( office ) eines lieutenant civil am Châtelet-Gericht in Paris zu erwerben, womit er Angehöriger der Pariser robe wurde. Auch für seinen Sohn Benjamin war eine Karriere in der robe vorgesehen, damit der soziale Aufstieg der Familie fortgesetzt werden konnte. Nach einem wechselhaften Verlauf seiner Ausbildung, die ihn nach Paris und 1584 nach Genf in die dortige protestantische Akademie und bald darauf wegen des Todes seines Vaters wieder nach Paris führte, brach er wegen der in Frankreich eskalierenden religiösen Konflikte seine Studien ab, floh nach Saint-Jean-d’Angely, wo sich der Hugenottenführer Heinrich I. von Bourbon, Fürst von Condé, von März 1586 bis September 1587 aufhielt, und schloss sich dessen Armee an. Sein Dienst in der protestantischen Armee blieb aber Episode, denn zu Pfingsten 1588 quittierte er ihn und entschloss sich, dem König von Navarra zu dienen. Begünstigt von den damaligen Umständen gelang es ihm, in den Dienst von Philippe Duplessis-Mornay, dem damals wichtigsten Berater des späteren Königs Heinrich IV. von Frankreich, zu treten. Benjamin Aubery du Maurier sollte Duplessis-Mornay über dreißig Jahre in Treue verbunden bleiben. Er war auch zeitlebens ein loyaler und entschiedener Anhänger der französischen Krone.

    Auf Anraten seines Herrn, dessen Einfluss auf Heinrich IV. in den Jahren zwischen 1589 und 1593 abnahm, wechselte Aubery am 1. Juni 1592 als Sekretär und intendant des Hauses in den Dienst des protestantischen Herzogs von Bouillon (Henri de La Tour d’Auvergne, vicomte de Turenne). Duplessis-Mornay erhoffte sich von diesem Wechsel bessere Chancen für die weitere Karriere Auberys. Diese Entscheidung sollte sich indessen als falsch erweisen, so dass es 1606 zum offenen Bruch kam. Bouillon warf Aubery – zu Unrecht – Verrat an seiner Sache vor und beschuldigte ihn 1616 sogar, finanzielle Veruntreuungen begangen zu haben.

    Immerhin hatten die Tätigkeiten bei Duplessis-Mornay und beim Herzog von Bouillon Aubery die Chance eröffnet, Heinrich IV. auf sich aufmerksam zu machen, eine Chance, die er auch zielstrebig nutzte. Es gelang ihm 1606, in den Dienst des Königs zu treten, in dem er zunächst unter der Leitung des Herzogs von Sully Funktionen in der Finanzadministration ausübte. Bereits am 22. Oktober 1590 hatte Aubery das Amt ( office ) eines secrétaire ordinaire du roi, maison et couronne de Navarre kaufen können, das 1608 in das eines notaire et secrétaire du roi, maison et couronne der France , also in das entsprechende Amt der Krone Frankreichs, transformiert wurde. Aus beiden Vorgängen resultierte die rechtlich abgesicherte Nobilitierung, denn das office eines secrétaire du roi brachte seinem Inhaber den erblichen Adel unter der Bedingung, dass dieser das Amt für die Dauer von 20 Jahren ausübte. Seit Juli 1607 war Aubery mit der Handhabung der Subsidienzahlungen betraut, die für die Unterstützung der Vereinigten Niederlande in ihrem Unabhängigkeitskampf gegen den spanischen König vorgesehen waren.

    Die Ermordung Heinrichs IV. im Jahre 1610 bedeutete einen Einschnitt für die Klientel des Königs und Sullys, zu der natürlich auch Aubery zählte. Im Laufe der Jahre war es aber diesem gelungen, sich auch die Unterstützung anderer Minister zu verschaffen, jener Minister, die nach dem Tod des Königs und nach der Entlassung Sullys unter der Regentschaft Marias von Medici in ihren Chargen und Ämtern verbleiben konnten. Nicht zuletzt dank dieser Beziehungen wurde Aubery im April 1613 mit einer diplomatischen Mission in den Vereinigten Niederlanden betraut. Zunächst war er aber nur zum secrétaire des dort noch amtierenden Botschafters ernannt worden. Erst im März 1614 wurde Aubery du Maurier die Würde eines »ordentlichen Botschafters« ( ambassadeur ordinaire ) verliehen. Diese Funktion übte er bis zum Jahre 1624 alles in allem sehr erfolgreich aus.

    In den von Claire Martin edierten »Memoiren« Auberys du Maurier (S. 270–379) schildert dieser seine Kindheit, seine Tätigkeiten in den Diensten von Duplessis-Mornay, des Herzogs von Bouillon, Heinrichs IV, der Regentin Marias von Medici und Ludwigs XIII. Besonders breiten Raum nehmen verständlicher Weise seine Ausführungen über seine Mission in den Vereinigten Niederlanden ein, worauf hier nicht näher einzugehen ist. Man gewinnt in diesen Ausführungen ein sehr detailliertes Bild von der Entwicklung der Beziehungen zwischen Frankreich und der protestantischen Republik, vom Wirken ihrer politischen Hauptakteure und von den zwischen ihnen bestehenden Spannungen sowie von den inneren Konflikten der Vereinigten Niederlande. Aubery beschließt seine »Memoiren« mit der Schilderung seines Lebens als gentilhomme protestant (1624–1636) nach Beendigung seiner diplomatischen Tätigkeit im Haag.

    Claire Martin bietet in ihrem Werk aber nicht nur eine in jeder Hinsicht gelungene Edition der »Memoiren« aus der Feder von Aubery du Maurier, nicht nur eine überzeugende Analyse und Interpretation dieser höchst informativen Quelle, sondern sie legt auch eine umfassende Geschichte der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und der Republik der Vereinigten Niederlande vor. Außerdem liefert sie einen sehr instruktiven Beitrag zur Geschichte und Entwicklung der französischen Diplomatie und der außenpolitisch relevanten Institutionen in jenen Jahrzehnten, wobei – verständlicher Weise – der Verwendung sowie der Rolle und Funktion von Protestanten besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird. Resümierend bleibt festzustellen, dass es sich bei dem vorliegenden Werk, das über ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis (S. 387–418) sowie über ein detailliertes Personen- und Ortsregister verfügt, um eine vorzügliche wissenschaftliche Leistung handelt, der ein breites Leserpublikum – also nicht nur die Aufmerksamkeit der Fachkolleginnen und -kollegen – zu wünschen ist.

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    PSJ Metadata
    Klaus Malettke
    C. Martin, Mémoires de Benjamin Aubery du Maurier (Klaus Malettke)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Frankreich und Monaco
    Politikgeschichte
    17. Jh.
    4018145-5 142433004 4003939-0 4003846-4 4012402-2 4135952-5
    1610-1630
    Frankreich (4018145-5), Aubéry du Maurier, Benjamin (142433004), Autobiografie (4003939-0), Außenpolitik (4003846-4), Diplomatie (4012402-2), Quelle (4135952-5)
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    C. Martin, Mémoires de Benjamin Aubery du Maurier (Klaus Malettke)
    In: Francia-Recensio 2012/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-2/FN/martin_malettke
    Veröffentlicht am: 20.07.2012 13:00
    Zugriff vom: 17.02.2020 11:49
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