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    J.-L. Lemaitre, Les statuts de Jean de Vissec pour le chapitre de Maguelone (1331) (Franz Neiske)

    Francia-Recensio 2012/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Les statuts de Jean de Vissec pour le chapitre de Maguelone (1331), publ. par Jean-Loup Lemaitre avec la collaboration de Daniel le Blévec, Paris (Éditions Champion) 2009, broché, LX–252 p., 8 ill. (Bibliothèque de l’École des hautes études. Sciences historiques et philologiques, 346), ISBN 978-2-7453-1906-7, EUR 75,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Franz Neiske, Münster

    Jean de Vissec, Bischof von Maguelone (südl. Montpellier), erlie ß im Jahr 1331 neue Statuten für die Regularkanoniker der Bischofskirche St-Pierre-et-St-Paul de Maguelone. Jean-Loup Lemaitre ediert den bisher nur aus zwei älteren Editionen bekannten und kaum beachteten Text nach den drei erhaltenen Kopialüberlieferungen des 14. Jahrhunderts aus den Archives départementales de l'Hérault in Montpellier (G 1813, G 1124, G 1127), die mit Handschriftenbeschreibung und Stemma in der Einleitung vorgestellt werden.

    In der Praefatio wird als Grund für die Abfassung der Statuten das wirtschaftliche Wohlergehen der Bischofskirche und ihrer Kanoniker genannt. Ausdrücklich wird hervorgehoben, dass die Verwaltungsregeln von 63 namentlich aufgeführten Teilnehmern eines Generalkapitels der Diözese verabschiedet wurden. Die Vorschriften betreffen ausschließlich Ämter und Amtsinhaber, decken dabei aber einen großen Bereich der Regeln für das tägliche Leben der Kanonikergemeinschaft ab. Sie geben so ausführlich Einblick in Lebensformen des 14. Jahrhunderts, wie sie selten in anderen Quellen zu finden sind. In insgesamt 666 Kapiteln, deren Überschriften bereits in den Handschriften sorgsam auf mehr als 20 Seiten zusammengestellt sind, werden die Bestimmungen aufgeführt, in vielen Fällen mit beachtenswerten Details.

    Dem prepositus ist eine umfassende Beschreibung der Wirtschafts- und Finanzverwaltung zugeordnet. Aber Einkunfts- und Ausgaberegister finden sich auch etwa beim Amt des coquinarius (S. 92–94), des vestiarius (S. 97, 101–103), des infirmarius (S. 114–116), des elemosinarius (S. 124–127) oder des sacrista (S. 147–148). Den bereits genannten Ämtern wird ein operarius zur ständigen Unterstützung der Funktionsträger hinzugefügt, dem außerdem weitere niedrige Handarbeiten oblagen (S. 129–132). Die Vorschriften beziehen sich nicht nur auf die Interna der Kanonikergemeinschaft, sondern geben auch breiten Raum zu den Außenbeziehungen, die zum Alltag der einzelnen Amtsinhaber gehören mussten. Dazu zählen deren Reisen ins Umland ebenso wie die Versorgung von Gästen und Pilgern. Im Vordergrund stehen aber die Regeln für die interne Verwaltung von Besitz und Pfarreien, die Aufgabenverteilung innerhalb der Gemeinschaft und die Hinweise auf Aktionen, die zu bestimmten Tagen des Jahres vorgesehen waren. Die Zusammensetzung der Speisen bei den convivia der Kanoniker enthält interessante Einzelheiten zur Esskultur des 14. Jahrhunderts in Südfrankreich (S. 67–70). Das gilt ebenso für die Statuten zum Amt des coquinarius (S. 82–96), in denen Einzelheiten über den Speiseplan zu den liturgischen Festtagen vorgeschrieben werden. Ernährungshinweise finden sich darüberhinaus in den Bestimmungen für die Krankenstation. Dem infirmarius werden zahlreiche Therapieanwendungen nahegelegt, die weit über das verbreitete Mittel des Aderlasses hinausgehen (S. 109–116). Mit dem für die spätmittelalterliche Statutengesetzgebung üblichen Hang zur Präzisierung aller denkbaren Situationen wird in diesem Abschnitt sogar der Verbrauch an Kerzen zur nächtlichen Beleuchtung der Krankenzimmer geregelt (S. 115).

    Ausführlich werden Form und Umfang der karitativen Leistungen an Feiertagen bestimmt. Zudem sind Angaben zur Memoria einzelner Personen den verschiedenen Ämtern zugeordnet (S. 64–67, 70f., 95f., 130, 144). Neben den genannten Ämtern des weltlichen Lebensalltags fallen die Bestimmungen für den sacrista recht kurz aus (S. 133–148). Hier stehen die Vorschriften für die Liturgie im Vordergrund, wie etwa die Ausstattung der Altäre mit Schmuck und Kerzen. Eine Besonderheit ist der Lage der Kathedralkirche direkt an der Küste des Mittelmeers auf einer (damals noch isolierten) Insel geschuldet: Ein pontanerius , der in einem Haus neben der Brücke wohnen durfte, war für den guten Zustand des Bauwerkes verantwortlich und konnte für Instandhaltung oder Neukonstruktion auf besondere Einkünfte zurückgreifen (S. 149–151).

    Zu der präzisen Beschreibung der alltäglichen Aufgaben tritt die rechtliche Absicherung vieler Vorschriften. Bezeichnend ist etwa das Statut 119 (S. 64) für den prepositus, in dem festgelegt wird, dass jeder neue Amtsinhaber vor seiner ersten Amtshandlung im Kathedralkapitel mit einem feierlichen Schwur auf die vier Evangelien zur Befolgung der Statuten verpflichtet wird. Zusätzlich ediert Jean-Loup Lemaitre das Testament des Bischofs aus dem Jahre 1334 aus dem Archivio segreto vaticano (ASV Cam. Ap., Collect., 136, f. 57v–62r) und ergänzt die Statutentexte durch die Edition zweier Kalendare des 14. Jahrhunderts aus Maguelone (BNF, ms. lat. 852, BNF, ms. lat. 14447). Die in vielen Fällen mögliche Verknüpfung der Festtage im Kalendarium mit entsprechenden Erwähnungen in den Statuten wird leider nicht immer hergestellt, ist aber über die Indices möglich.

    Register der Orts- und Personennamen, der hagiographischen und liturgischen Begriffe sowie ein allgemeines Sachregister erleichtern die Benutzung der Statutentexte. Ein Glossar zu den Besonderheiten der okzitanischen Sprachen schließt den schmalen Band ab. Das dient hervorgehoben zu werden, da viele der etwa 150 teils äußerst seltenen Begriffe sonst nicht über herkömmliche Wörterbücher erreichbar sind.

    Die Edition dieses Textes bietet einzigartige Möglichkeiten für viele weitere Untersuchungen zur Lokalgeschichte Maguelones, aber auch zur Alltagsgeschichte des 14. Jahrhunderts. Der Herausgeber hat bereits in mehreren, in der Bibliographie aufgeführten Einzeluntersuchungen zur Interpretation des Textes beigetragen. Diese Liste ist jetzt zu ergänzen um: Jean-Loup Lemaitre, Les mots occitans dans les statuts de Jean de Vissec pour le chapitre de Maguelone (1331–1333), in: L'occitan une langue du travail et de la vie quotidienne du XII e au XXI e siècle. Les traductions et les termes techniques en langue d'oc. Actes du colloque, Limoges les 23 et 24 mai 2008, organisé par le Centre Trobar et l'EA 4116; publiés par Jean-Loup Lemaitre et Françoise Vielliard, Ussel 2009, S. 43–58.

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    PSJ Metadata
    Franz Neiske
    J.-L. Lemaitre, Les statuts de Jean de Vissec pour le chapitre de Maguelone (1331) (Franz Neiske)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Frankreich und Monaco
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
    14. Jh.
    4275993-6 4135952-5
    1331
    Diözese Maguelonne (4275993-6), Quelle (4135952-5)
    PDF document lemaitre_neiske.doc.pdf — PDF document, 101 KB
    J.-L. Lemaitre, Les statuts de Jean de Vissec pour le chapitre de Maguelone (1331) (Franz Neiske)
    In: Francia-Recensio 2012/2 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-2/MA/lemaitre_neiske
    Veröffentlicht am: 20.07.2012 12:20
    Zugriff vom: 25.02.2020 07:35
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