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E. S. Piccolomini, Dialogus (Gisela Naegle)

Francia-Recensio 2012/2 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Eneas Silvius Piccolomini, Dialogus, hg. von Duane R. Henderson, Hannover (Verlag Hahnsche Buchhandlung) 2011, XCVIII–240 S. (Monumenta Germaniae Historica. Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters, 27), ISBN 978-3-7752-1027-0, EUR 42,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gisela Naegle, Gießen/Paris


Die von Duane R. Henderson vorgelegte Edition des »Dialogus« ist das Ergebnis einer 2008 in München eingereichten Dissertation. In den letzten Jahren fand das Werk des Eneas Silvius Piccolomini (1405–1464), des späteren Papstes Pius II., ein stetig wachsendes Interesse, das außer einer Reihe von Tagungsbänden zur 600. Wiederkehr seines Geburtstages auch Editionen mehrerer Werke, wie der »Historia Austrialis« von Martin Wagendorfer, Julia Knödler und Jürgen Sarnowsky, des »Pentalogus« durch Christoph Schingnitz [siehe Francia-Recensio, 2010-3, Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)] und der Briefe hervorgebracht hat. Der »Dialogus« weist sowohl Parallelen als auch Unterschiede zu diesen Texten auf, die sich teilweise aus seinen Entstehungsbedingungen erklären lassen. Er spiegelt in mehrfacher Hinsicht eine Übergangsphase im Schaffen Piccolominis und in dessen Lebensweg wieder.

Zur Zeit der Abfassung des »Dialogus«, die der Herausgeber auf die Zeit zwischen Weihnachten 1453 und spätestens Frühjahr 1455 datiert (S. XXI), hatte Eneas Silvius bereits den Entschluss gefasst, seinen über 20-jährigen Aufenthalt nördlich der Alpen zu beenden und nach Italien zurückzukehren. Die Durchführung dieses Planes wurde durch das Eintreffen der Nachricht vom Fall Konstantinopels verzögert, sodass er seine Abreise bis 1455 verschob und als Beauftragter Kaiser Friedrichs III. und als päpstlicher Legat Nikolaus’ V. 1454/1455 an Reichstagen in Regensburg, Frankfurt am Main und Wiener Neustadt teilnahm, die über die Aufstellung eines Heeres gegen die Türken berieten. Das Ziel eines neuen Kreuzzugs stellte auch eines der zentralen Anliegen seines Pontifikats dar. Der »Dialogus« ist das letzte große »dichterische« Werk Piccolominis. Er weist Berührungspunkte mit seinen »Türkenreden« auf und schließt die nördlich der Alpen verbrachte Schaffensperiode ab. In der Forschung wurde die Schrift unterschiedlich benannt, unter anderem auch als »Dialogus de donatione Constantini«. Die meisten Titel nehmen eine Gattungsbezeichnung wie »Dialogus«, »Somnium« oder »Tractatus« auf. Keine der Bezeichnungen geht auf den Autor selbst zurück, und es existiert kein Autograph. Henderson hat sich für den Titel »Dialogus« entschieden, »da er als rein formale Bezeichnung auf eine Deutung und nähere Bestimmung verzichtet« (S. XXX) und um Verwechslungen mit der als »Libellus dialogorum de generalis concilii auctoritate« bekannten Schrift Piccolominis zu vermeiden. In der Tat erscheint angesichts des äußerst heterogenen Inhalts eine eindeutige Zuordnung problematisch. Das unvollendete Werk bricht mitten im Satz ab, es wurde aber dennoch von Eneas Silvius selbst in Umlauf gesetzt und – sogar zweimal – dem spanischen Kardinal und langjährigen Korrespondenzpartner Piccolominis, Juan de Carvajal († 1469), gewidmet. Eine Empfangsbestätigung oder Stellungnahme des Kardinals ist nicht bekannt.

Die handschriftliche Überlieferung ist relativ breit. Es haben sich sechzehn Handschriften und ein Frühdruck von 1475 erhalten. Eine weitere Handschrift (γ) aus der Zeit kurz nach dem Tode Pius’ II., die zum Ausgangspunkt der Verbreitung in der zweiten Rezeptionsphase wurde, ist nicht mehr erhalten. (S. LIX, Stemma, S. LVIII). Die Grundlage der wissenschaftlichen Beschäftigung stellten bisher die Editionen von Giovanni Domenico Mansi (Text auf der Basis einer Teilabschrift, Lucca, Biblioteca Capitolare, cod. 582, ed. Lucca, 1759) und Giuseppe Cugnoni (auf der Grundlage der Handschriften Bibliotheca Apostolica Vaticana [BAV], Chigi J VI 209 und Chigi J VI 210, ed. Rom, 1883, Nachdruck 1968) dar. Hinzu kommt eine Übersetzung ins Italienische durch Alessandro Scafi (Dialogo su un sogno di Enea Silvio Piccolomini, Turin, 2004). Henderson stützt seine Ausgabe auf die gemeinsame Überlieferung der Handschriften Bologna, Biblioteca Universitaria, cod. 1200 (B) und BAV Chigi J VI 210 (V 1 ). Er unternahm bewusst keinen Versuch, die ursprüngliche Orthographie des Autors zu rekonstruieren, sondern wählte Tendenzen der Leithandschriften als Grundlage, die er verallgemeinerte. Bei voneinander abweichenden Namensformen wurde eine der überlieferten Schreibweisen als Norm festgelegt und die Varianten überall vereinheitlicht.

Trotz der breiten Überlieferung weist die Rezeptionsgeschichte des »Dialogus« einige Besonderheiten auf. Alle Abschriften tradieren die von Piccolomini angeblich in seiner Bibliothek in Rom wiedergefundene Version. Die Rezeption blieb zunächst auf den engeren Umkreis des Papstes beschränkt, der selbst für die Erstellung einer prächtigen Handschrift sorgte, die in Besitz seines Neffen Francesco Todeschini-Piccolomini gelangte. Im Vergleich zu anderen seiner Texte fällt der »Dialogus« trotz inhaltlicher und formaler Berührungspunkte in mehrfacher Hinsicht aus dem Rahmen. Er bricht nicht nur mitten im Satz ab, sondern wirkt auch inhaltlich eher unfertig und deutlich weniger durchkomponiert. Lange Zeit wurde er infolge des spezifischen Interesses der Leser als Schrift zur Kritik an der Konstantinischen Schenkung rezipiert. Als das politische Interesse daran mit der Aufgabe des Echtheitsanspruches im 16. Jahrhundert nachließ, geriet er zunehmend in Vergessenheit. Inhaltlich weist er zahlreiche Bezüge zur »Historia Austrialis« auf, deren erste Redaktion unmittelbar vorher entstand und die der Autor 1454-1455 überarbeitete. Daneben finden sich vor allem Gemeinsamkeiten mit den Briefen, den »Commentarii« und dem »Pentalogus« (Stellenregister, S. 207–-209). Wie im »Pentalogus« und dem »Libellus dialogorum« griff Eneas Silvius auf die Dialogform zurück. Im Unterschied zum »Pentalogus« ist diesmal allerdings nicht »Aeneas« die wichtigste Person, sondern der heilige Bernhardin von Siena († 1444), der als »Autorität« Fragen beantwortet und entscheidet. Daneben gibt es allerdings auch Passagen, in denen der Autor mehrere fiktiv-reale Humanisten-Figuren miteinander diskutieren lässt (so beschreibt der Gesprächsteilnehmer Pietro da Noceto als Dialog im Dialog ein Gespräch der Humanisten Flavio Biondo, Lorenzo Valla und Maffeo Vegio). Innerhalb des Gesamttextes gibt es zwar eine »Rahmenhandlung«, auf die wiederholt Bezug genommen wird, aber dennoch kein durchgehendes zentrales Thema: Die fiktiv-realen Figuren »Aeneas« (Piccolomini), sein Freund, der päpstliche Geheimsekretär Pietro da Noceto, und der heilige Bernhardin von Siena, dem Piccolomini noch persönlich begegnet war, begeben sich durch das Jenseits auf eine Reise ins irdische Paradies, wo ein concilium über die Bedrohung der Christen durch die Türken abgehalten werden soll. Diese Erzählung dient als (sehr lockere) Klammer für eine Reihe theoretischer Erörterungen, die sich unter anderem auf folgende Fragen beziehen: Eroberung Konstantinopels und Türkenabwehr; Konstantinische Schenkung; die Beziehungen zwischen Papst und Kaiser; Geschichte von Kaisern und Päpsten; das Verhältnis von göttlicher Vorsehung, fatum und menschlicher Willensfreiheit; die moralische Bewertung der Jagd; die verderblichen Folgen der avaritia (besonders für Herrscher); die Diskussion über die geographische Lage des irdischen Paradieses etc.

Neben der Edition des Textes bietet die von Henderson erstellte Ausgabe eine ausführliche, gut geschriebene Einleitung mit wichtigen Informationen zu Autor und Werk, Forschungsstand, Gattungsproblematik, Quellen, möglichen Vorbildern, Überlieferung, Rezeptionsgeschichte und Einrichtung der Edition. Ergänzend kommen ein Quellen- und Literaturverzeichnis sowie ein Register von Stellen, Namen und Wörtern hinzu. Dabei ist besonders das Stellenregister hervorzuheben, da es die Erschließung von Bezügen auf die übrigen Schriften Piccolominis und Werke anderer Autoren ermöglicht. Allerdings wurden die in den Anmerkungen erwähnten Namen nicht in das Register aufgenommen, sodass es leider nicht möglich ist, im lateinischen Text nicht ausdrücklich erwähnte, nur in den Anmerkungen genannte Autoren und die dort angeführten, oft sehr nützlichen biographischen Kurzhinweise über das Register zu erschließen. Der Text ist mit einem dichten, sorgfältig erarbeiteten und – angesichts der Überfülle an erwähnten Namen und Fakten – sehr wichtigen Kommentar im Anmerkungsapparat versehen, der auch auf Parallelstellen und mögliche Vorlagen bei anderen Autoren (wie Poggio Bracciolini, »De avaritia«; Lorenzo Valla) verweist und damit dem Leser Hintergrundinformationen anbietet, die sonst nur sehr mühsam recherchierbar wären. Zusätzlich enthalten die Anmerkungen auch Verweise auf die Sekundärliteratur, wobei hier – was angesichts des Themas überaus angebracht ist – auch neuere italienischsprachige Forschungen mitberücksichtigt wurden.

Alles in allem handelt es sich um einen sehr erfreulichen und wichtigen Beitrag zur Erforschung des Werkes Eneas Silvius Piccolominis.

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PSJ Metadata
Gisela Naegle
E. S. Piccolomini, Dialogus (Gisela Naegle)
CC-BY-NC-ND 3.0
Spätes Mittelalter (1350-1500)
Italien
Ideen- und Geistesgeschichte
15. Jh.
4027833-5 118594702 4875811-5
1405-1464
Italien (4027833-5), Pius II., Papst (118594702), Dialogus de somnio quodam (4875811-5)
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E. S. Piccolomini, Dialogus (Gisela Naegle)
In: Francia-Recensio 2012/2 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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Veröffentlicht am: 20.07.2012 12:20
Zugriff vom: 06.07.2020 08:18
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