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    M. Perrenoud, Banquiers et diplomates suisses (1938–1946) (Hans-Ulrich Jost)

    Francia-Recensio 2012/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

    Marc Perrenoud, Banquiers et diplomates suisses (1938–1946), Lausanne (Éditions Antipodes) 2011, 543 p., ISBN 978-2-88901-030-1, EUR 37,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Hans-Ulrich Jost, Lausanne

    Der schweizerische Finanzplatz, von dem heute viel die Rede ist, hat eine lange, aber leider nur schlecht aufgearbeitete Geschichte. Schon in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg erreichten die Auslandsguthaben der Schweiz eine Summe, die zwei- bis dreimal höher als das Bruttosozialprodukt war. Gleichzeitig kamen, um den Fiskalabgaben zu entgehen, vermehrt ausländische Guthaben in die Schweiz. Zum Schutze und zur Beförderung dieser internationalen Finanzverflechtungen entwickelte sich ab dem Ersten Weltkrieg eine enge, gelegentlich auch konfliktbeladene Zusammenarbeit zwischen Regierung und Banken. Perrenouds Genfer Dissertation greift diese Problematik auf und gibt eine profunde und materialreiche, auf die Zeit des Zweiten Weltkrieg fokussierte Analyse. Der Autor, Mitarbeiter der Diplomatischen Dokumente der Schweiz und von 1997 bis 2001 Mitglied der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg (UEK, auch Bergier-Kommission genannt), ist einer der besten Kenner dieser Materie.

    Wie wichtig der Finanzplatz für die Außenbeziehungen während des Zweiten Weltkriegs war, mögen zwei kurze Zitate illustrieren. Die Schweiz sei, meinte 1942 der italienische Außenminister, »l’unico nostro banchiere« (S. 329), und die deutsche Botschaft in Bern bezeichnete im selben Jahr die Schweiz als »Gold- und Devisenwechselstube des Reiches« (S. 365). Um die Bedeutung dieser Rolle auch quantitativ zu erfassen, gibt Perrenoud – nach einem einführenden Kapitel zu Forschungslage – eine nach Ländern organisierte Übersicht der schweizerischen Finanzbeziehungen. Er zeigt dabei auch auf, wie sich die nicht immer harmonische Zusammenarbeit zwischen den Banken, der Schweizerischen Bankiersvereinigung (gegründet 1912), den Bundesbehörden und dem Politischen Departement (zuständig für die Außenpolitik) entwickelte.

    Die finanziellen Dienstleistungen der Schweiz wurden in dieser Konstellation eine wichtige Waffe, die in der Krise der 1930er-Jahre und während des Zweiten Weltkriegs mit Erfolg eingesetzt wurde. Anhand der Verhandlungen zum Kompensationsabkommen mit dem Dritten Reich (Kap. 4) zeigt Perrenoud auf, wie die Politik den Banken Rückhalt verschaffte. Dass die Schweiz damals ihre Finanz- und Handelsinteressen einigermaßen zu bewahren vermochte, lag allerdings nicht zuletzt auch daran, dass sie sich der deutschen Expansionspolitik kritiklos anpasste. Der Anschluss Österreichs wurde im Milieu des Finanzsektors begrüßt und die Protektorate Mähren und Böhmen ohne viel Aufhebens in die deutsch-schweizerischen Abkommen integriert. Schon 1938 stellte der deutsche Unterhändler Johannes Hemmen – im Kriege dann der wichtigste Verhandlungspartner – fest, die Schweiz bilde »das finanzielle Reservoir Europas« (S. 199). Die Beziehungen zu Frankreich (Kap. 5) hingegen waren geprägt durch die leidige Frage der Steuerhinterziehung der vermögenden Franzosen, die beträchtliche Summen in Schweizer Banken platziert hatten. Gleichzeitig vergab die Schweiz umfangreiche Kredite nach Frankreich. Doch die Beziehungen blieben wegen der Steuerhinterziehung und Bestechungsaffären angespannt. Auch das Doppelbesteuerungsabkommen von 1938 vermochte die Lage nicht zu entschärfen.

    Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges schuf die Regierung die notwendigen Rahmenbedingungen, die der Wirtschaft und den Banken erlaubten, sich in die Kriegswirtschaft des Auslandes einzuklinken. Da nach dem Fall Frankreichs eine rasche Anpassung an die Forderungen des Dritten Reiches erforderlich war, übernahm die Politik vorerst die Führung. Es gelang ihr, am 9. August 1940 einen Handelsvertrag mit Deutschland zu unterzeichnen, wobei zugleich ein Clearingkredit gewährt wurde, der am Ende des Krieges 1,1 Milliarden Franken (ein Zehntel des schweizerischen Bruttosozialproduktes) betrug. Hinzu kam dann noch der Goldhandel, der dem Dritten Reich erlaubte, Raubgold gegen frei konvertierbare Devisen auszutauschen (77% des von der Reichsbank verschobenen Goldes übernahm die schweizerische Nationalbank). Perrenoud stellt nun diese zentralen Momente in den Rahmen der gesamten Außenpolitik, wobei er detailliert aufzeigt, wie sich die komplexe und gelegentlich wirre Zusammenarbeit von Bundesrat, Nationalbank und Finanzplatz entwickelte (Kap. 7). Obwohl insbesondere die wirtschaftlichen und finanziellen Beziehungen zum Dritten Reich und zu Italien in den Publikationen der UEK schon ausführlich behandelt worden sind, finden sich in den Analysen von Perrenoud zahlreiche Details, die die subtile Strategie der Schweizer Protagonisten vorzüglich erhellen.

    In den folgenden Kapiteln 8 und 9 geht der Autor auch auf die Beziehungen zu den Alliierten ein. Nachdem man sich anfänglich in der Schweiz wenig um die Anliegen der Engländer und Amerikaner gekümmert hatte, musste man sich dann ab 1943 zusehends dem immer intensiver werdenden Druck dieser Seite beugen. Auch in diesem Bereich spielten die finanziellen Beziehungen eine zentrale Rolle. Die vorliegende Studie zeigt eindringlich, wie sich die schweizerische Außenpolitik den neuen machtpolitischen Konstellationen – wenn gelegentlich auch nur mit zögerlichen Schritten – anzupassen vermochte. Dabei gelang es dem Finanzplatz, sich eine für die Entwicklung der Nachkriegszeit vorteilhafte Position aufzubauen. So sah sich die Schweiz insgesamt, wie ein Zirkular des Politischen Departements aus dem Jahre 1946 festhielt (S. 172), gut für die Zukunft gerüstet. »Die Schweiz«, wird hier betont, »befindet sich glücklicherweise in einer privilegierten Position: Sie ist von Zerstörungen verschont geblieben und der Produktionsapparat ist intakt; ihr Bankensystem ist gut entwickelt, und der Kapitalmarkt verfügt über ein beträchtliches Potential; die öffentlichen Finanzen sind intakt, und die Währung hat eine gesunde und solide Basis«.

    Wie schon eingangs erwähnt ist die hier angesprochene Thematik auch ausführlich in den Publikationen der UEK, sowie in weiteren, in den letzten Jahren veröffentlichten Studien zu finden. Dennoch bringt Perrenouds Darstellung neue, nicht unwesentliche Aspekte. Sie zeigt mit vielen Details das komplexe politische und diplomatische Spiel, in dem sich der Finanzplatz zu behaupten hatte. Man sieht aber auch, dass diese erfolgreiche Politik mit bedenklichen moralischen und politischen Hypotheken belastet war. Diese kenntlich gemacht zu haben, ist zweifellos auch ein Verdienst von Marc Perrenouds Studie.

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    PSJ Metadata
    Hans-Ulrich Jost
    M. Perrenoud, Banquiers et diplomates suisses (1938–1946) (Hans-Ulrich Jost)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Zeitgeschichte (1918-1945)
    Schweiz
    Politikgeschichte, Wirtschaftsgeschichte
    1940 - 1949
    4053881-3 4003846-4 4127795-8
    1938-1946
    Schweiz (4053881-3), Außenpolitik (4003846-4), Finanzpolitik (4127795-8)
    PDF document perrenoud_jost.doc.pdf — PDF document, 84 KB
    M. Perrenoud, Banquiers et diplomates suisses (1938–1946) (Hans-Ulrich Jost)
    In: Francia-Recensio 2012/2 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-2/ZG/perrenoud_jost
    Veröffentlicht am: 25.07.2012 09:00
    Zugriff vom: 28.09.2020 09:37
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