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J. I. Israel, Democratic Enlightenment (Helmut Reinalter)

Francia-Recensio 2012/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Jonathan I. Israel, Democratic Enlightenment. Philosophy, Revolution und Human Rights 1750–1790, Oxford (Oxford University Press) 2011, XVI–1066 p., ISBN 978-0-19-954820-0, GBP 30,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Helmut Reinalter, Innsbruck

Die Ideengeschichte als spezifische historische Betrachtungsweise komplexer Zusammenhänge und Abläufe, die die Bewegungskräfte der Geschichte vorwiegend in den ideellen Kräften erkennt, die hinter den Ereignissen wirken, ist in letzter Zeit wieder aktuell geworden. Das vorliegende Werk von Jonathan I. Israel ist ein gutes Beispiel für diesen modernen Ansatz der Geschichtsbetrachtung. Mit ihm schließt der Autor seine monumentale, mehrere tausend Seiten umfassende Trilogie über die Ideenwelt der Aufklärung. In diesem letzten Band seiner Trilogie fasst der Autor nochmals seine Forschungsergebnisse ausführlich zusammen. Er unterscheidet allerdings etwas plakativ zwischen »radikaler» und »gemäßigter« Aufklärung, was für seine Hauptthesen von Bedeutung ist. Die radikale Aufklärung – von Spinoza über Bayle bis zu den Enzyklopädisten und den »philosophes« – war für ihn nicht nur die wichtigste Ursache für die Französische Revolution, sondern auch der Anfang der modernen Demokratie. Hier übersieht der Autor die Tatsache, dass neben den Ideen und der politischen Kultur auch wirtschaftliche, politische und soziale Gründe für den Ausbruch der Revolution mitentscheidend waren. Zudem legte der revolutionäre Umbruch in Frankreich 1789 nicht nur die Grundlagen für die liberale und demokratische Bewegung im 19. Jahrhundert, sondern war auch die Wurzel für den später folgenden totalitären Entwicklungsstrang. Die Tradition der radikalen Aufklärung wird von Israel als besonders wichtig eingestuft, weil sie atheistisch und materialistisch zugleich dachte. Der Rest der Aufklärer wird von ihm etwas ungenau der gemäßigten (»moderaten«) Aufklärung oder der sogenannten Gegenaufklärung zugeordnet. Die Aufklärung war aber in zahlreiche Richtungen zersplittert und wies sehr differente Ideen (trotz einiger Gemeinsamkeiten) auf, sodass man eigentlich von »Aufklärungen« im Plural sprechen müsste. In diesem Zusammenhang ist der Begriff »demokratische Aufklärung« sehr problematisch, ja z. T. sogar ein Widerspruch. Dass Joseph II. und der Josephinismus unter dem Aspekt der Demokratie gesehen werden, ist mehr als fragwürdig. Der österreichische Aufklärungskaiser war im Grunde ein absoluter Herrscher und sein politisches System – trotz Reformen – ohne Ansatz zur Demokratie. Dies gilt auch für andere Beispiele, die der Verfasser anführt.

Israels politisches Bekenntnis zur Demokratie und demokratischen Gleichheit ist zwar nachzuvollziehen, aber wissenschaftlich durchaus fragwürdig, weil er historisch zu starken Vereinfachungen neigt, die verschiedene Fragen provozieren: Kann man für die Epoche der Aufklärung überhaupt schon von moderner Demokratie sprechen? Kann die Aufklärung ohne Berücksichtigung der Religion überhaupt angemessen beurteilt werden? War Spinoza wirklich Atheist? Kann man von einem Einfluss auf die Amerikanische Revolution durch Schriften französischer Aufklärer sprechen? Ist dies überzeugend belegbar? Die vom Verfasser vorgenommene Trennung zwischen radikaler Aufklärung und Religion ist ideengeschichtlich nicht haltbar. Steckt dahinter vielleicht ein antiklerikales Motiv, nämlich die Sorge (Angst) vor der Macht religiöser Institutionen, für die es allerdings gute Gründe geben mag? Ist das Konzept der radikalen Aufklärung wirklich schlüssig und wissenschaftlich überzeugend? Da die Ideengeschichte dieser Zeit voller Widersprüche, Ambivalenzen und unterschiedlicher intellektueller Ansätze ist, müsste auch die »radikale Aufklärung, die es faktisch gab, in allen ihren Ausprägungen und Differenzen betrachtet und kritisch beurteilt werden. Vor allem fehlt in dieser Monographie trotz vieler wertvoller und wichtiger Kapitel u. a. die Richtung der »reflexiven« Aufklärung im Sinne einer Selbstkritik der Vernunft. Die Literatur zu den einzelnen Kapiteln und in der Bibliographie ist z. T. unvollständig, vor allem fehlen Hinweise auf neuere Forschungen.

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PSJ Metadata
Helmut Reinalter
J. I. Israel, Democratic Enlightenment (Helmut Reinalter)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Weltgeschichte
Ideen- und Geistesgeschichte
18. Jh.
4003524-4 4011413-2 4076226-9
1750-1790
Aufklärung (4003524-4), Demokratie (4011413-2), Politische Philosophie (4076226-9)
PDF document israel_reinalter.doc.pdf — PDF document, 80 KB
J. I. Israel, Democratic Enlightenment (Helmut Reinalter)
In: Francia-Recensio 2012/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-3/FN/israel_reinalter
Veröffentlicht am: 12.09.2012 17:10
Zugriff vom: 27.01.2020 00:44
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