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    R. Halleux, G. Xhayet, Ernest de Bavière (1554–1612) et son temps (Alois Schmid)

    Francia-Recensio 2012/3 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Geneviève Xhayet, Robert Halleux (dir.), Ernest de Bavière (1554–1612) et son temps. L’automne flamboyant de la Renaissance entre Meuse et Rhin, Turnhout (Brepols) 2011, 340 p. (De Diversis Artibus, 88), ISBN 978-2-503-54345-1, EUR 70,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Alois Schmid, München

    Eines der tragenden Strukturelemente der Frühen Neuzeit ist die Verklammerung der sich im Rahmen der Ausbildung des Absolutismus verfestigenden Einzelstaaten durch die Dynastien. Unter mehreren Mitteln, die in diesem Zusammenhang zur Anwendung kamen, war die hochadelige Kirchenpolitik eines der wirksamsten. Die großen Familien versuchten, nachgeborene Söhne auf wichtige Kirchenposten zu bringen. Neben deren standesgemäßer Versorgung sollte so der Rang des eigenen Familienverbandes erhöht werden. Innerhalb des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation betätigte sich auf diesem Gebiet besonders erfolgreich das bayerische Haus Wittelsbach. Eine sehr intensive Reichskirchenpolitik war eines seiner wichtigsten Aktionsfelder. Sie hatte ihren Schwerpunkt außerhalb der Stammlande, wo sie auf die beiden Diözesen Freising und Regensburg konzentriert war, vor allem im Nordwesten des Reiches. Hier war der Blick auch auf das sehr ferne Grenzbistum Lüttich gerichtet, das wegen seiner Nachbarschaft zu den Niederlanden, Frankreich und England von besonderer politischer Bedeutung war. Es stellte den frühesten Ansatzpunktpunkt der wittelsbachischen Reichskirchenpolitik dar, indem hier mit Johann von Bayern (1373–1425) schon im späteren 14. Jahrhundert erstmals ein Mitglied der Dynastie auf einen Bischofsstuhl gebracht werden konnte. Er erhielt zwischen 1581 und 1763 noch drei Nachfolger aus dem gleichen Haus. In der Forschungsliteratur finden diese Dynasten auf auswärtigen Positionen noch lange nicht die verdiente Beachtung. Die Landesgeschichte nimmt vorzugsweise die in den eigenen Territorien tätigen Dynasten in den Blick und bringt den an andere Höfe entsandten Mitgliedern nur eine deutlich geminderte Aufmerksamkeit entgegen. In den beschickten Territorien erfahren die von auswärts geholten Personen oftmals als »Fremdlinge« ebenfalls eine nur beschränkte Berücksichtigung.

    Umso höher ist der Wert der anzuzeigenden Publikation anzusetzen. Sie schenkt dem wittelsbachischen Inhaber des Fürstbistums Lüttich Ernst von Bayern (1581–1612) eine ungewöhnlich breite Beachtung. Dieser jüngste Sohn Herzog Albrechts V. von Bayern (1550–1579) und der Habsburgerin Anna saß außer in Freising (1566), Hildesheim (1573), Köln (1583) und Münster (1585) seit 1581 auch auf dem Stuhl des Fürstbischofs von Lüttich. Im gleichen Jahr wurde er Vorstand der Doppelabtei Stablo-Malmedy. Damit gehört Ernst zu den markantesten Vertretern der wittelsbachischen Reichskirchenpolitik. Trotz vielfältiger Hinweise in der Literatur zu den einzelnen Tätigkeitsorten wurden sein Leben und seine Tätigkeit noch nicht in einer zusammenfassenden und in der erforderlichen Breite ansetzenden Monographie zur Darstellung gebracht. Die große Biographie steht nach wie vor aus und ist ein ausgesprochenes Desiderat.

    Diese wird mit der anzuzeigenden Publikation in hilfreicher Weise mit vorbereitet, indem sie dazu einen weiterführenden Baustein erbringt. Dieser ist im Zusammenhang mit einer Ausstellung über diesen bedeutenden Kirchenfürsten erarbeitet worden, die aus Anlass des 500. Todesjahres im Sommer 2011 in Lüttich gezeigt wurde und auch überörtlich viel Beachtung fand. Der Veranstaltungsort war gut gewählt, da der Fürstbischof in dieser Stadt mit einer reichen Sachüberlieferung besondere Akzente gesetzt hat. Der Sammelband ist als wissenschaftliches Begleitbuch zur Ausstellung gedacht; eine Beschreibung der Ausstellungsobjekte enthält er deswegen nicht. Er bietet insgesamt 13 Beiträge, deren verbindendes Thema das Wirken des Kirchenfürsten in Lüttich ist. Der Kirchenfürst wird ausschließlich aus dem Blickwinkel dieses Grenzbistums vorgestellt. Damit wird gewiss nur ein Segment seines auf den gesamten nordwestdeutschen Raum ausgreifenden Wirkens erfasst. Doch verdient dieses eine derart eigene Beachtung, da Fürstbischof Ernst hier einen besonderen Schwerpunkt setzte. Da seine Aktivitäten in den zugehörigen Kontext gestellt werden, entsteht durchaus das angestrebte Gemälde der Kulturgeschichte des Raumes zwischen Maas und Niederrhein im Zeitalter des Späthumanismus.

    Das Wirken des bedeutenden geistlichen Reichsfürsten in dieser Bischofsstadt wird durch den Blick in lohnende Einzelsektoren in bemerkenswerter Breite ausgeleuchtet. Nach der Einführung in die Gesamtthematik mit mehr grundsätzlichen Erörterungen über das Verhältnis von Staat und Kirche im 16. Jahrhundert in Teil 1 stellt Teil 2 den Prinzen vor, der sich im Banne der Wissenschaftsbegeisterung seiner Zeit sehr für deren praktische Nutzanwendung einsetzte: »le prince practicien«. Den einschlägigen Aspekten wird am Beispiel der Mathematik, der Alchemie, Medizin und Technik nachgegangen. Ernst interessierte sich besonders für die neuen Disziplinen der Optik und Astronomie. Dabei war ihm die Verwertung der Ergebnisse der Naturwissenschaften im Bergbau, in der Eisenverarbeitung oder in der gerade für diese Stadt wichtigen Wassernutzung ein großes Anliegen. Teil 3 richtet den Blick dann in ähnlicher Weise auf den Bereich der Künste: Architektur, Malerei, Skulptur, Glaskunst, Musik. Ein besonderes Interesse galt der Metallgravur. Vor allem in diesen Bereichen wurde der Fürstbischof als hilfreicher Protektor und mäzenatischer Förderer tätig. Auch als Sammler trat er hervor – freilich mit bemerkenswerter Selbstbeschränkung. Als Bauherr hat er sich nicht profiliert. In der höfischen Repräsentation hielt er den Aufwand insgesamt in Grenzen.

    Die Untersuchungen lenken den Blick also gezielt in die Kulturgeschichte und tragen damit dem besonderen Interessen des humanistischen Zeitalters Rechnung. Sie erweisen Ernst als geistlichen Fürsten, der sehr im Banne der bestimmenden Zeitströmungen stand, an denen er breiten Anteil nahm. Damit stellte er sich voll in die Traditionen des kulturbewussten Hauses Wittelsbach. Hinter diesen vorherrschenden kulturellen Interessen blieben die religiösen und die administrativen Aktivitäten zurück. Dem trägt das Buch durch seine Schwerpunktsetzung angemessene Rechnung. Ernst von Bayern erscheint als Kirchenfürst, den man am ehesten dem Typus des Renaissancebischofs zuordnen kann. Die Reformimpulse des zukunftweisenden Konzils von Trient kamen bei ihm erst wenig zum Tragen. Entgegen dem konziliaren Akkumulationsverbot vereinigte er noch immer eine ungewöhnlich lange Reihe von Ämtern in seinen Händen. Dennoch sind Ansätze – etwa bezüglich der Errichtung eines Priesterseminars – bereits vorhanden. Mit größerer Wirksamkeit griffen die Erneuerungsimpulse erst bei den Diözesanvorständen der folgenden Generation.

    Die Beiträge sind von den entscheidenden Fachleuten vor Ort verfasst und aus deren langer Beschäftigung mit den jeweiligen Sachgebieten auf der Grundlage der örtlichen Quellen erwachsen: Sie werden durchgehend von großer Detailkenntnis getragen, die in einem hilfreichen Anmerkungsapparat niedergelegt ist und künftige Arbeiten zum Thema sehr befördern wird. Die Erörterungen werden in rundum gefälliger Form mit vorzüglichen Illustrationen versehen dargeboten.

    Insgesamt ist ein auf hohem wissenschaftlichem Niveau stehendes, formal vorzüglich gestaltetes Hochwertbuch gelungen. Es stellt einen bezeichnenden Vertreter des Reichsepiskopates des 16. Jahrhunderts vor. An ihm werden viele zeittypische Eigenheiten und damit Stärken wie Schwächen der Kirchenleitung dieser Umbruchszeit deutlich gemacht. Der Band wird die Forschungen zu dieser bedeutenden Gestalt des kirchlichen wie weltlichen Lebens des Konfessionellen Zeitalters auf Dauer befruchten und deswegen über den unmittelbaren Entstehungsanlass hinaus Gültigkeit behalten.

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    Alois Schmid
    R. Halleux, G. Xhayet, Ernest de Bavière (1554–1612) et son temps (Alois Schmid)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    PDF document xhayet-halleux_schmid.doc.pdf — PDF document, 90 KB
    R. Halleux, G. Xhayet, Ernest de Bavière (1554–1612) et son temps (Alois Schmid)
    In: Francia-Recensio 2012/3 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-3/FN/xhayet-halleux_schmid
    Veröffentlicht am: 12.09.2012 17:01
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:36
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