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D. Caldwell, L. Caldwell, Rome (Florian Hartmann)

Francia-Recensio 2012/3 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Dorigen Caldwell Lesley Caldwell (ed.), Rome. Continuing Encounters between Past and Present, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2011, XX–262 p., ISBN 978-1-4094-1762-0, GBP 65,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Florian Hartmann, Bonn

In Rom ist die eigene Geschichte omnipräsent. Dass diese Geschichte auch dort, wo sie nicht sichtbar ist, die gegenwärtige Wahrnehmung der Stadt und alle Eingriffe in ihre Topographie prägt, ist hinlänglich bekannt. Hier, so der englische Gelehrte Horace Walpole im 18. Jahrhundert, »our memory sees more than our eyes«. Die urbanen Transformationen vor dem Hintergrund der römischen Vergangenheit sind bereits Gegenstand zahlreicher Untersuchungen meist sehr spezifischen zeitlichen oder methodischen Zuschnitts gewesen. Der von Dorigen und Lesley Caldwell betreute Band verfolgt das weiter gesteckte Ziel, zu analysieren, wie die römische Geschichte die Art und Weise bestimmt (hat), in der Rom seit dem frühen Mittelalter bis heute erbaut, überbaut, präsentiert und imaginiert wurde. Die Autoren tragen dieser Leitfrage in im Einzelnen sehr spezifischen, thematisch aber sehr weit gefächerten Fallbeispielen in unterschiedlichem Maß Rechnung.

Die Einleitung von Dorigen Caldwell räumt diese Heterogenität des Bandes ein und versucht, die Uneinheitlichkeit des methodischen Zugriffs, die eigenwillige zeitliche Verteilung der Beiträge und die eklektische Auswahl der Themen als Beleg für die »complexity of the relationship between Rome and its past lives« ins Positive zu wenden. Caroline J. Goodson beginnt mit einer sehr kurzen Zusammenfassung ihrer hervorragenden, 2010 publizierten Studie über Papst Paschalis I. Sie betont dabei das noch im Mittelalter präsente Bewusstsein von den ursprünglichen Funktionen der antik-römischen Plätze und Monumente, die neu besiedelt und genutzt wurden und deswegen die Kontinuität zwischen Antike und frühem Mittelalter dokumentieren. Jessica Maier analysiert die Symbolisierung und Präsentierung römischer Vergangenheit in den Stadtplänen des 16. Jahrhunderts. Ihr Fokus liegt auf den Mitteln, mit denen die Vergangenheit für den Betrachter visualisiert und reanimiert wird, um einen spezifischen Dialog zwischen Gegenwart und Antike zu evozieren. Emma Stirrup widmet sich dem Altar der hl. Cecilia in Trastevere und stellt seine Gestaltung nach der Wiederentdeckung der Reliquien im Jahr 1599 in den Kontext der gegenreformatorischen Bemühungen in Rom, die ungebrochene Kontinuität christlicher Tradition seit den apostolischen Anfängen zu demonstrieren und zu untermauern. Sorgfältig rekonstruiert sie die Umstände, die seit der Auffindung von Cecilias Reliquien die Errichtung des Altars und die Anfertigung der Statue durch Stefano Maderno begleitet haben. Mario Bevilacqua stellt die intellektuelle Debatte und die theoretischen Reflektionen vor, die die architektonischen und baulichen Veränderungen Roms in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts begleitet haben und deren Ergebnisse und Konzepte für die Modernisierung der Stadt auch über Rom hinaus einflussreich gewesen sind. Terry Kirk zeichnet die städtebaulichen Veränderungen nach, die in den Jahren nach 1870 in Reaktion darauf, dass Rom die Hauptstadt des frisch geeinten Italien geworden war, für erforderlich gehalten wurden.

Aristotle Kallis beschreibt im direkten chronologischen Anschluss an den Beitrag Kirks am Beispiel der Via della Conciliazione die Eingriffe der Faschisten in die Architektur Roms. Er versteht diese tiefsten Einschnitte, die die römische Topographie überhaupt je erlebt hat, als Markenzeichen der faschistischen Herrschaft über Rom, als »conquest of place and of time, of physical space and of memory, of institutions and symbolism«. Jacopo Benci zeichnet in chronologischer Reihung die Rombilder Pier Paolo Pasolinis nach unter Einbeziehung seiner Briefe, Gedichte, Kurzgeschichten und vor allem seiner Filme. Der Bezug auf die römische Vergangenheit gerät hier allerdings in den Hintergrund. Neu an seinem Zugriff ist die teilweise Vernachlässigung der römischen »lower-class areas and inhabitants«, die an sich Pasolinis Filme bestimmen, und die Fokussierung auf die römische »middle-class« und deren Siedlungen außerhalb der Mauern. Lesley Caldwell betrachtet die Inszenierung der Piazza Vittorio Emanuele II in vier italienischen Filmen aus den Jahren 1948, 1992, 1998 und 2003, um zu zeigen, dass die Präsenz und die Einbeziehung antiker Bauelemente und Spolien, die den Platz prägten und die in den Filmen in besonderer Weise inszeniert wurden, diese Piazza im Speziellen und Rom im Besonderen von allen übrigen Städten unterschieden. Daniele Manacorda definiert die Eingriffe des 19. und 20. Jahrhunderts als die einschneidendsten für die Topographie der Stadt und schließt seinen Beitrag mit dem ausführlichen, sehr subjektiven politischen Appell, die römische Antike baulich und analytisch nicht von der modernen Stadt zu isolieren, sondern zu integrieren.

Eine Bibliographie und ein Verzeichnis von Orten, Namen und Sachen beschließen diesen reich bebilderten Band, der – bei interessanten Themen und Ergebnissen im Einzelnen – die eklektische und zufällige Auswahl der Beiträge leider nicht verhehlen kann und einen roten Faden nicht erkennen lässt.

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PSJ Metadata
Florian Hartmann
D. Caldwell, L. Caldwell, Rome (Florian Hartmann)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918), Spätes Mittelalter (1350-1500), Zeitgeschichte (1918-1945)
Italien, Römisches Reich
Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte
1 - 5. Jh. n. Chr., 999 - 1 v. Chr.
4050471-2 4318315-3 4026482-8 4032231-2 4056730-8
100 v. Chr.-2000
Rom (4050471-2), Archäologische Stätte (4318315-3), Identität (4026482-8), Konstruktion (4032231-2), Stadtentwicklung (4056730-8)
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D. Caldwell, L. Caldwell, Rome (Florian Hartmann)
In: Francia-Recensio 2012/3 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-3/MA/caldwell_hartmann
Veröffentlicht am: 12.09.2012 16:00
Zugriff vom: 17.09.2019 16:54
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