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C. Gruat, Hitler in Paris (Corinna von List)

Francia-Recensio 2012/3 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Cédric Gruat, Hitler in Paris. Juni 1940. Aus dem Französischen übersetzt von Martin Becker, Robert Eberhardt, Elena Feyl u. a., Berlin, Schmalkalden (Wolff Verlag R. Eberhardt) 2011, 182 S. ISBN 978-3-941461-07-9, EUR 14,90.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Corinna von List, Berlin

Ausgehend von den allseits bekannten Fotos und Wochenschaubildern des Hitler-Besuchs im Juni 1940 hat sich der Autor vorgenommen, dieses Ereignis mit »unaufhörlich prüfendem Blick« zu untersuchen. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob Hitler Paris als siegreicher Feldherr besuchte oder ob er dies nur als »unprätentiöser Tourist« tat, der von der Architektur der Stadt begeistert war. Diese Frage wird nicht zum ersten Mal diskutiert und bisher konnte noch niemand Licht in das Dunkel der Mythen und widersprüchlichen Fakten bringen. Auch Cédric Gruat gelingt dies nicht. Statt in der Einleitung auf Quellenlage und Forschungsstand einzugehen, beginnt er mit einer Anekdotensammlung, die amüsant zu lesen wäre, würde er dabei nicht en passant seriöse Forschungseinrichtungen der Unfähigkeit bezichtigen.

Abgesehen vom Bild- und Filmmaterial der deutschen Propagandamaschinerie stützt sich das Buch fast ausschließlich auf Ego-Dokumente vorwiegend deutscher und französischer Provenienz, deren ausgewählte Passagen aneinandergereiht werden. Zwar finden sich verschiedentlich Kommentierungen des Autors, insgesamt fehlt ihm jedoch die kritische Distanz zu den zitierten Memoiren und Tagebüchern. Es reicht nicht aus, in wenigen Sätzen in der Einleitung darauf hinzuweisen, dass Ego-Dokumente eine problematische Quellengattung sind. Auch kann der Leser nicht nachvollziehen, warum sich Gruat schwerpunktmäßig auf die Memoiren von Albert Speer und Arno Breker stützt und damit auf apologetische Darstellungen von Hitlers engster Entourage. Für die französische Seite wird auf die Memoiren Roger Langerons – im Juni 1940 Pariser Polizeipräfekt – und Ferdinand Dupuys – Beamter eines Pariser Polizeikommissariats – zurückgegriffen, wobei letztere noch am zuverlässigsten sein dürften.

Im ersten Kapitel schildert Gruat die Situation in Paris angesichts des deutschen Vormarschs und der Massenflucht aus der Stadt. Dies ist eine der ganz wenigen Stellen, an denen der Autor auf Archivquellen zurückgreift. Allerdings wäre es für den Leser sehr viel interessanter gewesen zu erfahren, warum die renseignements généraux zwar in der Lage waren, bis auf die letzte Ziffer die Zahl der in Paris verbliebenen Einwohner anzugeben, nämlich 983 718, es jedoch keine Unterlagen aus deren Feder gibt, die über das genaue Datum des Hitler-Besuchs oder dessen Begleitumstände Auskunft geben könnten. Was die Darstellung der deutschen Besatzer betrifft, lässt Gruat kaum ein Klischee aus: Widerhall deutscher Militärstiefel auf dem Pariser Straßenpflaster, tägliche Aufmärsche mit Trommeln und Blasmusik und natürlich erliegen die deutschen Soldaten dem »Charme der Pariserinnen«. Wenig überzeugend sind auch die zahlreichen diachronen Vergleiche zwischen dem Besuch Hitlers in Paris, der Besetzung der Stadt durch die Preußen 1871 und alliierte Truppen 1815 nach der Niederlage Napoleons in Waterloo.

Eine erste Darstellung des Hitler-Besuchs findet der Leser im zweiten Kapitel, wobei die Frage nach dem Datum – 23. oder 26. Juni 1940 – im Vordergrund steht. Insgesamt verteilt sich die Untersuchung des Hitlerbesuchs auf weitere drei Kapitel, wobei der Autor den Versuch unternimmt, diesen unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten: »Die Haltung des Künstlers«, »Der historische Moment«, »Der Mythos Paris«. Diese Kapitelüberschriften lassen jedoch nicht immer Rückschlüsse auf den Inhalt zu und der Leser sieht sich mit ständigen Orts-, Zeit- und Themenwechseln konfrontiert. Dadurch kann er dem Besuch Hitlers in Paris weder chronologisch folgen, noch sich einen kohärenten Überblick über die Gründe verschaffen, die Hitler veranlasst haben, auf eine Truppenparade zu verzichten und statt dessen Paris nur eine touristische Stippvisite im Morgengrauen abzustatten. Störend sind auch die zahlreichen und meist überflüssigen Wiederholungen: So erscheint die von Hitler im Wald von Compiègne als kalkulierte Geste der Demütigung Frankreichs inszenierte Unterzeichnung des Waffenstillstandsvertrages gleich in mehreren Kapiteln.

Im Kapitel zu Hitlers Haltung als Künstler untersucht Gruat die in den Memoiren Speers, Brekers und Sacha Guitrys geschilderten »typischen« Pariser Charaktere. Zutreffend mag seine Feststellung sein, wonach ein verkitschtes und von Vorurteilen beherrschtes Paris-Bild kolportiert wird. Methodisch wird dieses jedoch konterkariert, wenn er dies »ohne den Wahrheitsgehalt der Erzählungen infrage zu stellen« vornimmt. Im anschließenden Kapitel »Der Historische Moment« folgt eine vergleichende Bildanalyse zwischen dem Besuch Hitlers am Grab Napoleons im Invalidendom und der des französischen Kaisers am Grab Friedrichs des Großen in der Potsdamer Garnisonskirche im Jahre 1806. Unter der Überschrift »Mythos Paris« findet der Leser die ebenfalls durchaus lesenswerte Untersuchung der zahlreichen bildlichen Darstellungen vom Besuch Hitlers am Trocadéro.

Im vorletzten Kapitel beschreibt Gruat den triumphalen Einzug Hitlers in Berlin nach seinem Sieg über den »Erbfeind«, den der Autor inhaltlich mit den architektonischen Großprojekten der Welthauptstadt Germania und der Zerstörung der Statue des französischen Marschalls Mangin in Paris verknüpft. Danach erfolgt abermals eine Darstellung zum Besichtigungsprogramm Hitlers im Invalidendom. Dass die Statue Mangins nach der Befreiung Frankreichs wiedererrichtet wurde, erfährt der Leser erst ein Kapitel später. Solche Themen- und Zeitsprünge sind typisch für das gesamte Buch.

Da Gruat ganz überwiegend auf Quellen des deutschen Propagandaapparates und der Paladine Hitlers zurückgreift, ist es nicht verwunderlich, wenn er im Schlusswort Hitler zwar einen Diktator nennt, ihn aber im anschließenden Nebensatz als »bescheidene[n] Tourist[en]« bezeichnet, »dem es danach dürstet, seinen ( sic ) Neugier zu befriedigen und die Stadt der Lichter als Kultur- und Kunstliebhaber zu entdecken«. Spätestens jetzt zeigt sich, wie fahrlässig hier methodisch vorgegangen wurde, denn offensichtlich war die leichte Verfügbarkeit der benutzten Dokumente das Maß aller Dinge. Jedoch hat Gruat die damit bei der Recherche gewonnene Zeit nicht einmal in die kritische Prüfung der von ihm ausgewählten Zitate investiert. So wird in den Memoiren von Serge Lifar, Choreograph der Pariser Oper und nach eigener Darstellung zugegen, als Hitler das Palais Garnier besichtigt, ein General von Grott genannt, dessen Existenz jedoch höchst zweifelhaft ist.

Die deutsche Ausgabe lässt deutlich das französische Original durchscheinen. Die Übersetzer tappen immer wieder in die Falle der Rückübersetzung, wenn sie »capitaine« statt mit »Hauptmann« mit »Kapitän« übersetzen oder Hitler als »Anführer Deutschlands« bezeichnen, was ebenfalls kein Lesevergnügen bereitet.

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PSJ Metadata
Corinna von List
C. Gruat, Hitler in Paris (Corinna von List)
CC-BY-NC-ND 3.0
Zeitgeschichte (1918-1945)
Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Frankreich und Monaco
Militär- und Kriegsgeschichte
1900 - 1949
4044660-8 118551655 4020517-4
1940
Paris (4044660-8), Hitler, Adolf (118551655), Geschichte (4020517-4)
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C. Gruat, Hitler in Paris (Corinna von List)
In: Francia-Recensio 2012/3 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-3/ZG/gruat_list
Veröffentlicht am: 13.09.2012 10:15
Zugriff vom: 17.02.2020 19:30
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