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    K. Härter, C. Nubola, Grazia e giustizia (Josef Johannes Schmid)

    Francia-Recensio 2012/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Karl Härter, Cecilia Nubola (a cura di), Grazia e giustizia. Figure della clemenza fra tardo medioevo ed età contemporanea, Bologna (Società editrice il Mulino) 2011, 627 p. (Annali dell’Instituto storico italo-germanico in Trento, 81), ISBN 978-88-15-13812-5, EUR 45,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Josef Johannes Schmid, Mainz

    Opus iustitiæ pax (Is 32,17) – diese Grundlage galt von der biblischen Antike bis ins 20. Jahrhundert als Rechtsgrundsatz. Doch wie diese Gerechtigkeit erzielen? ›Reine Gerechtigkeit‹ entartet allzu oft in reine Grausamkeit – die Historie ist voll dieser Realität, auf welche schon Thomas Aquinas eindringlich hinwies: iustitia sine misericordia crudelitas est, misericordia sine iustitia mater est dissolutionis (Super Matthæum, V/2).

    Damit sind wir also bei dem großen Gesamtkomplex der Gnade, sprich (für diesen Kontext): der fürstlichen und richterlichen Milde, also des Gnadenerweises und der Amnestie, angelangt.

    Es mag auf den ersten Blick erstaunen, dass ein solch zentrales Element der europäischen Rechts-, Staats- und Monarchiegeschichte bislang noch keine Würdigung in Form einer monographischen Untersuchung gefunden hat. Diese kann und will auch der vorliegende, von Karl Härter und Cecilia Nubola redigierte und herausgegebene Band schon aufgrund der Weite des Sujets nicht liefern. Es ist allerdings anerkennens- und begrüßenswert, dass sich zahlreiche Fachkollegen/Innen in einem über 600 Textseiten umfassenden Werk diesem Thema immerhin von ihren verschiedenen Forschungsperspektiven überhaupt genähert haben, beziehungsweise dass die Erträge des gleichnamigen Colloquiums zu Bologna 2008 ihren Weg in die Druckerpresse gefunden haben.

    Der generellen Genugtuung über das Erscheinen des hier zu behandelnden Bandes steht die Einsicht in die immanenten Schwierigkeiten dieses Unterfangens gegenüber. Wie soll man ein Werk von solcher Fülle, mit insgesamt 21 (!) Textbeiträgen auch nur annährend angemessen würdigen und vermitteln?

    Wollen wir uns daher auf die Anzeige der wesentlichen Ergebnisse beschränken. Der Band liefert in seinem ersten Teil einen willkommenen Überblick über die historische Entwicklung des »Gratia«-Begriffes in nationaler (Italien, Cecilia Nebula), frühneuzeitlicher (Karl Härter), juristischer (im Bezug auf das römische Recht Giuliano Crifò) und kontinuitätshistorischer (19./20. Jahrhundert, Monica Stronati) Perspektive.

    Diesem ersten Block folgt ein zweiter, Einzelbeispielen gewidmeter Teil. Hier erstreckt sich der inhaltliche Bogen vom spätmittelalterlichen Frankreich (Claude Gauvard) und habsburgischen (Eva Ortlieb) wie sächsischen Raum (Ulrike Ludwig) über Bologna (Cesarina Casanova), das Salzkammergut (Martin Scheutz) bis zum deutschen Rechtsraum des 19. Jahrhunderts (Sylvia Kesper-Biermann). Der ebenfalls in diesen Teil eingeordnete Beitrag von Andrea Griesebner über Gnadenerweis und Amnestie in der Frühen Neuzeit wäre eventuell im ersten besser verortet worden.

    Der wichtigen theologischen Komponente der gratia widmet sich sodann der dritte Block, mit einer Gegenüberstellung der Positionen der beiden Moraltheologen Dominigo Banez OP (1528–1604) und Leonhardus Lessius [Lenaert Leys] SJ (1554–1623) (Wim Decock), einer terminologisch-konfessionellen Analyse (Vincenzo Lavenia), einer Untersuchung der französisch-gallikanischen Rituale (Nicole Lemaître) wie der westfälischen Sondergerichte (Andreas Holzem).

    Den bislang schwerpunktmäßig behandelten Bereich der Frühen Neuzeit verlässt schließlich die vierte und letzte Abteilung, mit Beiträgen zum Verhältnis Amnestie-Nation im 20. Jahrhundert (Floriana Colao), zur Behandlung deutscher Kriegsgefangener in Italien vor dem Hintergrund der Staatsräson (Filippo Focardi), derselben in Belgien 1944–1951 (Pieter Lagrou), zum Gesamtkomplex der modernen Staatsgnade (Guido Neppi Modona), sowie einer sehr pointierten Reflexion des »scandalo della grazia« im zeitgenössisch-gegenwärtigen Diskurs.

    Der Natur eines Sammelbandes ist das Wesen des Compositum eigen, Vollständigkeit sollte und kann man hier fairerweise nicht erwarten. Dennoch ist es den Herausgebern gelungen, eine sehr große Bandbreite von verschiedensten Zugängen, Ansatzpunkten und Blickwinkeln in den sehr voluminösen Band zu integrieren; das Herauspicken oder gar Empfehlen eines einzelnen Aufsatzes wäre an dieser Stelle nicht minder unfair. Alle Beiträge reflektieren ihr Sujet auf hohem Niveau und selbst, wenn der Leser nicht alle vertretenen Positionen teilt, bleibt deren Anspruch und wissenschaftlicher Wert unbestreitbar.

    Die Lektüre ist nicht immer einfach, immer jedoch lohnend. Wer der italienischen Sprache auch nur passiv mächtig ist, sollte sich dem Bande widmen – es wird ohne abschließende Reue geschehen.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Josef Johannes Schmid
    K. Härter, C. Nubola, Grazia e giustizia (Josef Johannes Schmid)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Rechtsgeschichte
    20. Jh., Neuzeit bis 1900
    4015701-5 4020310-4 4020517-4 4021377-8 4048737-4
    1500-2000
    Europa (4015701-5), Gerechtigkeit (4020310-4), Geschichte (4020517-4), Gnade (4021377-8), Recht (4048737-4)
    PDF document haerter-nubola_schmid.doc.pdf — PDF document, 99 KB
    K. Härter, C. Nubola, Grazia e giustizia (Josef Johannes Schmid)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/FN/haerter-nubola_schmid
    Veröffentlicht am: 05.12.2012 14:10
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:41
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