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M. de Oliveira, Les routes de l'argent (Helmut Stubbe da Luz)

Francia-Recensio 2012/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

Matthieu de Oliveira, Les routes de l’argent. Réseaux et flux financiers de Paris à Hambourg (1789–1815), Paris (Comité pour l’histoire économique et financière de la France) 2011, 543 p. (Histoire économique et financière de la France), ISBN 978-2-11-097518-8, EUR 40,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Helmut Stubbe da Luz, Hamburg-Ohlstedt

Frankreichs Staat, Frankreichs Händler und Frankreichs Banken haben sich in den zwei Jahrzehnten nach der Französischen Revolution unter anderem nach Norden imperialistisch ausgeweitet, auf »belgische«, holländische und deutsche Territorien. Diese Länder wurden nacheinander unterschiedlichen Graden und Ausprägungen von Besatzungsherrschaft unterworfen, gipfelnd in einer Annexions-Okkupation, die darauf abzielte, die neugeschaffenen Departements über kurz oder lang zu den vorbehaltlos »integrierenden Bestandteilen« des Empire zählen zu können. In diesem französisch-»belgisch«-holländisch-deutschen Raum, als dessen geopolitische und finanzökonomische Eckpunkte Paris und Hamburg, als dessen intermediäre Zentren Matthieu de Oliveira Lille, Brüssel und Amsterdam benennt, haben reihenweise höchst auffällige, ja sensationell-weltbewegende politische und militärische Geschehnisse stattgefunden. Dahinter, »tieferliegend« gewissermaßen, haben sich auch die Geldströme in Richtung, Intensität und Umfang verändert – im Bereich der Realwirtschaft des Handels, auf dem monetären Sektor, schließlich auf dem Gebiet der Staatsfinanzen – wie verwoben und unterscheidbar diese drei Sorten von Geldströmen auch immer betrachtet werden mögen. Teils sind politische und militärische Vorstöße vom Pariser Staat unternommen worden, um diese Geldströme zu beeinflussen, teils haben private Unternehmer darauf reagiert, auf legalen und schwarzen Märkten, teils haben sich Politik und Militär bei ihren Entscheidungen an den das Handels-, Finanz- und Staatskapital betreffenden Gegebenheiten orientiert.

Es besteht die Möglichkeit, jene weniger auffälligen Geschehnisse und Entwicklungen dadurch mit den Gesichtern wichtiger Akteure zu versehen (nicht: auf solche Einzelakteure zu reduzieren), dass einige Händler, Bankiers und Finanzpolitiker in ihrem Tätigkeitsfeld dargestellt werden. Oliveira ist ursprünglich von den Geschäftsbeziehungen ausgegangen, die in Lille und Dunkerque ansässige Großkaufleute bis in alle Ecken Europas hin unterhielten. Der Verfasser neigt entsprechend und gewiss mit einiger Berechtigung dazu, dem nordfranzösischen Zentrum Lille einen besonderen Grad von Bedeutung als Drehscheibe vielfältiger Transaktionen und Geldströme zuzuschreiben. Andere Orte, andere Akteure sind dann zusätzlich in sein Blickfeld geraten, militärische und zivile Finanzverwalter in den neufranzösischen Departements, Mitglieder von Ausnahmegerichten, die sich mit Verstößen gegen den Normenkatalog der Kontinentalsperre zu befassen hatten, ferner Armeelieferanten, »belgische«, holländische und »hanseatische« Unternehmer.

Das Vorhaben, auf diesem Gebiet zu forschen, erfordert Spezialkenntnisse auf dem Gebiet der Volkswirtschaftslehre und eine besondere Ausdauer in der Quellensuche und -analyse. Die einschlägigen Dokumente pflegen meist weder konzentriert unter dem Rubrum der Geldwirtschaft zu entstehen noch später unter diesem Rubrum konserviert zu werden. So sind zunächst einmal – eher additiv aneinandergereiht als durch eine durchgängig erkennbare Fragestellung miteinander verbunden – eine Reihe von Szenarien entstanden, an unterschiedlichen Orten, in unterschiedlichen Milieus: Französische douaniers und Finanzverwalter, »belgische« Armeelieferanten, holländische Schmuggler, Hamburger Bankverwalter.

Der Leser gewinnt den Eindruck, dass in den »belgischen«, holländischen und deutschen Departements schrittweise ein zusammenhängender Wirtschafts- und Finanzraum entstand, dem einige Entwicklungschancen zugesprochen werden müssen. Die Einträglichkeit der okkupierten Territorien für Paris nahm in Richtung Peripherie ab. »Belgien« erwies sich am einträglichsten, Holland war unter anderem von einer immensen Staatsschuld belastet, die hanseatischen Departements zunächst vor allem als Aufmarschgebiet für den Russlandfeldzug gedacht. Die Kontinentalsperre war nur bedingt in der Lage, Waren- und Geldströme im Sinne Napoleons umzulenken.

Inwiefern die Studie neue Erkenntnisse für die einzelnen Regionen bietet, kann nur hinsichtlich jedes Landes im Einzelnen von jeweiligen Experten beurteilt werden. Für die hanseatischen Departements, namentlich für die Stadt Hamburg, deren Name in den Titel des Buches aufgenommen worden ist, ist manch interessantes Detail aufzufinden, manch bislang unbeachtet gebliebene Quelle ausgewertet worden, aber insgesamt kaum Neues herausgekommen. Nicht immer wohl auch kann der Verfasser einer überregional angelegten Studie mit den regionalen und lokalen Gegebenheiten in voll befriedigendem Umfang vertraut sein. Die Konfiskation der Bestände der Hamburger Bank im Herbst 1813, kurz vor der Einschließung und Belagerung Hamburgs durch alliierte Truppen, hat sich auf die Entwicklung der überregionalen Geldströme erst nach dem Ende von Belagerung und Napoleonischen Kriegen auswirken können.

Oliveira hat eine beeindruckende Menge von Bausteinen gefertigt und zusammengestellt und damit weiterer Forschung wichtige Anregungen gegeben. »Geldwege« ( routes de l’argent ) sind markiert, bedeutsame Gruppen von Akteuren skizziert worden. Aber welche großen Entwicklungen auf jenen Geldwegen stattgefunden haben, kommt noch nicht recht zum Ausdruck, auch nicht in Oliverais »Conclusion«. Der Umstand, dass der französische Staat auf der einen Seite vom Reichtum der okkupierten und annektierten »belgischen«, holländischen und »hanseatischen« Territorien profitieren wollte, aber mit seiner Kontinentalsperre jenem Reichtum, sofern er auf dem Überseehandel beruhte, die Grundlage entzog, ist ja nicht neu, ebenso wenig die, dass agrarisch und industriell geprägte Regionen unter der Herrschaft des Empire vergleichsweise besser dastanden.

In einem Zuge werden solche Studien ohnehin nur selten gelesen, dienen eher als Nachschlagewerk für weitere, die eingeschlagene Linie fortführende oder auch für benachbarte Studien. Unter diesem Aspekt wäre zusätzlich zum Namens- und Firmenregister ein Register der Orte noch von Nutzen gewesen, vielleicht sogar ein Sachregister.

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PSJ Metadata
Helmut Stubbe da Luz
M. de Oliveira, Les routes de l'argent (Helmut Stubbe da Luz)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
Europa
Wirtschaftsgeschichte
18. Jh., 19. Jh.
4075488-1 4023222-0 4068297-3
1789-1815
Nordwesteuropa (4075488-1), Handel (4023222-0), Wirtschaftsbeziehungen (4068297-3)
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M. de Oliveira, Les routes de l'argent (Helmut Stubbe da Luz)
In: Francia-Recensio 2012/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/FN/oliveira_stubbe-da-luz
Veröffentlicht am: 05.12.2012 14:15
Zugriff vom: 05.07.2020 16:22
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