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    N. Petiteau, J.-M. Olivier, S. Caucanas, Les Européens dans les guerres napoléoniennes (Bernd Jeschonnek)

    Francia-Recensio 2012/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Natalie Petiteau, Jean-Marc Olivier, Sylvie Caucanas (dir.), Les Européens dans les guerres napoléoniennes, Toulouse (Éditions Privat) 2012, 287 p., ISBN 978-2-7089-0537-5, EUR 23,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Bernd Jeschonnek, Eisenach

    Der Sammelband geht auf das international ausgerichtete Kolloquium zurück, das die association »Les Audois«, die Archive des Departements Aude sowie die Universität Toulouse-Le Mirail im Juni 2010 in Carcassonne organisiert hatten.

    Die Beiträge fügen sich in jene Auszweigung der Historiografie ein, die die Geschichte Napoleons I. nicht auf dessen Feldzüge und Schlachten einengt, sondern darauf ausgerichtet ist, diese von der Forschung ausgetretenen Pfade, dieses »Gefängnis« zu verlassen und ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt zu füllen. Die Aufsätze zielen darauf ab, aus einer anthropologisch determinierten Sicht d’en bas – »von unten« – in die Jahre des Premier Empire »hineinzublicken«. Sie ordnen sich in einen Diskurs ein, der seit annähernd einem Jahrzehnt geführt wird.

    Zum Teil auf Berichte von Augenzeugen gestützt, suchen Stéphane Calvet, Alain Forrest, Dorothée Malfoy-Noel, Antoine Desdoit, Jean-Marc Olivier und Cédric Istasse insbesondere herauszufinden, welche Erfahrungen die Männer machten, die zum Militärdienst eingezogen worden waren. Die Autoren stellen heraus, wie sehr die Soldaten überwiegend darunter litten, aus ihrem sozialen Umfeld, ihren Gewohnheiten herausgerissen zu werden, welchen starken psychischen Belastungen sie ausgesetzt waren, wenn sie in einen Krieg zogen, der sie auf unbestimmte Zeit weitab von Frankreich führte, der Tod oder Verwundung bedeuten konnte, wenn sie zum ersten Mal an einer Schlacht teilnahmen und die Gräuel des Krieges auf sie einwirkten. Die Autoren heben gleichermaßen hervor, wie hoch die Zahl derjenigen gewesen war, die zum Schein eine Ehe eingingen ( mariages blancs ), die sich Finger abschnitten, Zähne zogen oder sich Wunden an Armen und Beinen zufügten, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen, wie sehr die Grausamkeit des Krieges die Soldaten traumatisierte. Sie verweisen aber auch auf jene Soldaten, die – von patriotischer Gesinnung geleitet – voller Begeisterung in den Krieg zogen, um Abenteuer zu erleben oder dem gleichförmigen Alltag auf dem Lande zu entkommen.

    Anhand des Feldzuges in Kalabrien, den Napoleon von 1806 auf 1807 mit dem Ziel führte, die Bourbonen aus dem Königreich Neapel zu vertreiben, und der Schlacht bei Borodino, wägen Nicolas Cadet und Walter Bruyère-Ostells ab, ob in den Kriegen, die im Verlauf der Revolution und des Kaiserreichs geführt worden sind, die Brutalität ein höheres Ausmaß erreichte als in den militärischen Konflikten, die der Revolution von 1789 vorausgegangen waren. Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, haben die Autoren nicht nur nachgeforscht, wie lange die Kampfhandlungen gedauert haben, welche Streitkräfte eingesetzt worden waren, wie hoch die Anzahl der Toten gewesen ist und welcher Art die Verletzungen waren. Sie bezogen in ihre Analyse auch die Feuerkraft der Artillerie ein, die im Verlauf der Napoleonischen Kriege erheblich an Intensität gewann, die Anzahl der Toten und Verletzten in einem starken Maße in die Höhe trieb und traumatisierende Wunden schlug. Beide Autoren sind sich darin einig, von einer Zunahme der Brutalisierung, von einer neuen Dimension der Gewalt zu sprechen.

    Aurélien Lignereux wendet sich der Frage zu, auf welche Weise die Bevölkerung während des Grand Empire – als das Herrschaftsgebiet Napoleons 130 Departements umfasste – auf das Gesetz Jourdan-Delbrel reagierte, das die Aushebung zum Militärdienst (Konskription) regelte. Die Einführung der Konskription trieb Lignereux zufolge- vor allem in den italienischen Departements – nicht nur zahlreiche Wehrpflichtige an, sich dem Einberufungsbefehl zu entziehen, sondern löste auch – namentlich in den belgischen Departements, im Massif central sowie im Südwesten und Norden Frankreichs – heftige Unruhen aus.

    Claudie Paye geht in ihrem Beitrag in die in Westfalen weit verbreiteten deutsch-französischen und deutsch-russischen Wörterbücher ( truchements ) ein, die von der Bevölkerung benutzt wurden, um sich mit französischen, später russischen Soldaten, Offizieren oder Verwaltungsbeamten zu verständigen. Diese truchements , die der Autorin zufolge eine bisher unterschätzte Quelle darstellen, waren nicht nur darauf ausgerichtet, linguistische Hürden zu überwinden sowie über Sitten und Essgewohnheiten von Franzosen und Russen aufzuklären, sondern auch – wie Paye meint – von politischer Relevanz. Wer sich 1813 ein deutsch-russisches Wörterbuch kaufte, wollte zum Ausdruck bringen, wie sehr er die Niederlage Napoleons in Russland begrüßte, wie sehr er an die baldige Ankunft der Russen glaubte und gewillt war, sich an die politischen Veränderungen anzupassen. Paye geht soweit, in diesen Wörterbüchern ein Symbol für eine Protestbewegung zu sehen, die sich gegen die Hegemonie Napoleons in Westfalen richtete.

    Gleich anderen Historikern widerspricht Marie-Pierre Rey in ihrer microhistoire des Feldzuges von 1812 der immer noch weit verbreiteten Ansicht, wonach es allein der harte Winter gewesen sei, der den Untergang des napoleonischen Heeres herbeigeführt habe. Sie stellt heraus, wie schlecht die Grande Armée – im Gegensatz zu den russischen Streitkräften – für einen solchen Feldzug ausgerüstet worden war, wie knapp die Lebensmittelvorräte bemessen worden waren, weil sich Napoleon sicher gewesen war, Zar Alexander I. bis zum Herbst des Jahres 1812 zu besiegen und ihm einen Frieden aufzwingen zu können. Und die Autorin weist darauf hin, wie sehr es starke Regenfälle und schlammige Straßen erschwert haben, die in das Landesinnere vorrückenden Truppen mit Nahrungsmitteln zu versorgen, wie sehr es an Kleidung und Schuhwerk fehlte, lange bevor Anfang November mit heftigen Schneefällen der Winter hereinbrach und Anfang Dezember die Temperaturen unter minus 30 Grad Celsius sanken.

    Anhand von 20 Lebensgeschichten, die von Soldaten und Offizieren der napoleonischen Armee verfasst worden waren, hat Natalie Petiteau untersucht, auf welche Weise sich diese Zeitzeugen ihrer Kriegserlebnisse erinnerten. Die Autorin zeigt auf, wie sie den Krieg verklärten, als ob die Tage der Schlacht Festtage für sie gewesen seien, wie sie ihre Taten und ihren Mut überhöhten. Sie weist ebenfalls nach, in welch starken Maße diese Autoren von Napoleon fasziniert und von dessen »übernatürlichen« Fähigkeiten überzeugt waren. Wie Petiteau belegt, haben die Autoren der herangezogenen Lebensberichte den Krieg jedoch nicht nur gerühmt. Sie haben auch von dessen Gräueln, vom Tod auf dem Schlachtfeld und von den Verletzten erzählt, die – oft vergebens – um Hilfe gerufen hatten.

    Wiewohl sich die Autoren des Tagungsbandes hier und da in Einzelheiten verlieren und der oftmals schmalen Quellenbasis wegen dazu neigen, Schlüsse zu ziehen, denen nur wenig Substanz zugrunde liegt, ist es ihnen – aufs Ganze gesehen – gelungen, jene Forschungsrichtung voranzubringen, die das ehrgeizige Ziel verfolgt, einem authentischen Gesamtbild des Ersten Kaiserreichs näher zu kommen, das die Sozialgeschichte ebenso in Betracht zieht wie die Geschichte der Feldzüge und Schlachten.

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    PSJ Metadata
    Bernd Jeschonnek
    N. Petiteau, J.-M. Olivier, S. Caucanas, Les Européens dans les guerres napoléoniennes (Bernd Jeschonnek)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Neuzeit / Neuere Geschichte (1789-1918)
    Europa
    Militär- und Kriegsgeschichte
    19. Jh.
    4018145-5 4143024-4 4134080-2 4041216-7 4055409-0
    1803-1815
    Frankreich (4018145-5), Armee (4143024-4), Europäer (4134080-2), Napoleonische Kriege (4041216-7), Soldat (4055409-0)
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    N. Petiteau, J.-M. Olivier, S. Caucanas, Les Européens dans les guerres napoléoniennes (Bernd Jeschonnek)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/FN/petiteau_jeschonnek
    Veröffentlicht am: 05.12.2012 14:15
    Zugriff vom: 27.01.2020 00:38
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