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    A. H. Weaver, Sacred Music as Public Image for Holy Roman Emperor Ferdinand III (Josef Johannes Schmid)

    Francia-Recensio 2012/4 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Andrew H. Weaver, Sacred Music as Public Image for Holy Roman Emperor Ferdinand III. Representing the Counter-reformation Monarch at the End of the Thirty Years' War, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2012, 325 p., 24 b/w ill., 26 fig. (Catholic Christendom, 1300–1700), ISBN 978-1-4094-2119-1, GBP 60,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Josef Johannes Schmid, Mainz

    Historisches Bewusstsein kann eine durchaus zwiespältige Sache sein. So sehr die Kenntnis um Vergangenes spätestens seit Cicero zum klassischen Kanon der Bildung gehört, so groß ist auch die dadurch zwangsläufig entstehende Gefahr der Vereinheitlichung und Generalisierung. Ein Idealbeispiel für diese Erkenntnis mag der sogenannte »Dreißigjährige Krieg« bieten. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass dieser Konflikt nicht dreißig Jahre dauerte und auch weder ein deutscher noch ein Religionskrieg war (all diese Etiketten sind sogar in der seriösen Geschichtswissenschaft mitunter noch anzutreffen), hat das Bild von Dezennien allgemeiner Verwüstung und makabrem Chaos unsere Vorstellungswelten geprägt. Dass dem keineswegs so war, dass auch – und mancherorten gerade – in diesen Jahren der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts alle Arten der Kunst eine ungeheure Blüte erfuhren, ist aus unserem eingangs evozierten allgemeinen Bewusstsein weitgehend gestrichen, eventuelle Gegenbeispiele, und seien sie noch so spektakulär – erwähnt seien hier zunächst nur etwa die Musik Heinrich Schützens zu Dresden oder der Neubau des Salzburger Domes – werden lediglich als Einzelphänomene wahrgenommen.

    Diese Schieflage nachhaltig zu korrigieren, ist nur eines der bleibenden Verdienste des hier anzuzeigenden Werkes von Andrew Weaver, welches sich dem Einsatz der Musik als Mittel fürstlich-konfessioneller Repräsentation unter Ferdinand III. widmet.

    Eine weitere, vielleicht sogar noch entscheidendere Leistung des Bandes aber ist bereits dem Titel zu entnehmen und durchzieht die gesamte Studie. Diese liegt im terminologisch-methodischen Ansatz einer Sicht des Fürsten als persona publica und seine daraus resultierende imago publica & regalis . Mit diesen Kriterien trifft der Autor den Kern monarchischer Existenz des Ancien Régime, vor allem aber setzt er sich deutlich von jener leidigen »Legitimations«-Forschung, beziehungsweise -theorie ab, welche zumal unterschwellig unterstellt, die Autorität des Fürsten sei in jener Zeit ununterbrochen hinterfragt, in Zweifel gestellt und untergraben worden. Wiewohl der ideologisch-weltanschauliche Hintergrund dieser letztgenannten Interpretation unschwer ersichtlich ist, beherrscht diese doch weite Teile der aktuellen Mainstream-Historiographie. Gerade hier kommt Weaver den tatsächlichen Gegebenheiten der Zeit wesentlich näher, nicht zuletzt indem er die Wechselseitigkeit der fürstlichen Wahrnehmung auch und gerade für die Untertanen hervorhebt: »The royal image was thus not only an assertion of power controlled by the monarch but also a means by which the monarch himself was controlled; it set expectations and limits, impressed but reassured, and above all represented a model for the ruler to follow« (S. 4). Besser und knapper könnte man das dem Werk zugrundeliegende Sujet nicht beschreiben und – quasi nebenbei – auch noch das absurde Etikett des »Absolutismus« dauerhaft abstreifen.

    Der Leser mag diese für eine Besprechung vielleicht etwas ausführlichen Vorüberlegungen verzeihen. So langatmig diese erscheinen mögen, so wichtig sind sie im aufgezeigten aktuellen Widerstreit von Ideen und Interpretamina.

    Die aus dem Band sich ergebenden Einsichten und Erkenntnisse weisen selbstverständlich über diese Prolegomena hinaus. In einer bewundernswert stringenten Analyse präsentiert der Autor zunächst ein Portrait Ferdinands III. vor dem Hintergrund der Zeit sowohl als seiner persönlichen Frömmigkeit und Geisteshaltung. Auch dies ist alles andere denn selbstverständlich und verdient der Erwähnung, nicht zuletzt deshalb, da Weaver den nunmehr schon länger in der Forschung etablierten Begriff der »pietas Austriaca« gekonnt für Ferdinand personalisiert, beleuchtet und zum Parameter seiner Interpretation erhebt. Daraus wiederum resultiert die ebenfalls heute seltene Tatsache, dass der Mensch im Mittelpunkt der Betrachtung steht und nicht die Methode.

    Wer allerdings erwartet, hier würde altbackenem Heroenkult gehuldigt, wird spätestens im folgenden Kapitel eines besseren belehrt. Dort geschieht nämlich die Einordnung des habsburgischen Musiklebens in den Gesamtkontext kaiserlichen Anspruchs und fürstlicher Frömmigkeit. Beide hatten eine klare Stoß- und Zielrichtung innerhalb der ferdinandeischen Politik, dies wird deutlich anhand der Musik-Publikationspolitik des kaiserlichen Vizekapellmeisters Giovanni Felices Sances.

    Dass Musik gerade im Ancien Régime mehr war denn nur Mittel der Erbauung ist mittlerweile wohl Banalität; doch selten wurde der Nachweis der Rolle von Musik und musikalischem spectaculum so eindringlich und nachhaltig geliefert, wie im vorliegenden Werk. Vielmehr eröffnet sich vor den Augen und imaginären Ohren des Lesers die ganze Welt der barocken Inszenierung in ihrem komplexen Zusammenspiel von fürstlicher Ambition, konfessioneller Ausrichtung und individueller Frömmigkeit – ein Amalgam, welches – kennt man Zeit und Inhalte nur ein wenig – fast zwangsläufig in einer Betrachtung des marianischen Kultes enden und gipfeln muss, dem imago der Himmelskönigin als Abbild und Fürsprecherin der causa monarchica . Hier ist es die Magna Mater Austriæ , doch blieb dieses Bild keineswegs auf Habsburg beschränkt. Von der Marienweihe des Landes und der Dynastie Kurfürst Maximilians von Bayern (1616, 1637 wiederholt) bis zum »Vœu de Louis XIII« (1638) verbindet diese – durchaus politische – Frömmigkeit das Europa der Zeit über alle strategischen Differenzen hinweg.

    Wie diese wenigen ausgewählten Beispiele zeigen, bietet das Werk Weavers Einblicke und Einsichten in Zeit und Sujet, welche weit über den vermeintlich zentralen musikalischen Kontext hinausweisen. Dieser kommt keineswegs zu kurz, im Gegenteil: Der Autor erweist sich auch hier als brillanter Kenner seiner Epoche, ihrer Aufführungspraxis und ihrer musikalischen Rahmenbedingungen. Vielleicht hätte sich mancher Leser dies etwas ausführlicher gewünscht, auch ein Eingehen auf die Vorbilder Ferdinands III. und seiner Musiker, etwa auf den immer noch zu wenig beachteten, bereits unter Matthias I. beschäftigten Christoph Strauss (1575–1631) und seinen Brückenfunktion für den musikalischen römischen Monumentalstil, vom römischen Vorbild hin zur habsburgischen Ausprägung wäre dankbar gewesen.

    Doch dies sind Marginalien gegenüber den immensen Meriten des vorliegenden Bandes. Er erfüllt sowohl die Erwartungen hinsichtlich der Musik, wie auch ihres kulturell-monarchischen Umfelds weit über das übliche Maß hinaus. In der oben näher ausgeführten Verschmelzung sinnvoller und der Zeit angemessener Ansätze und Analysekriterien hat Andrew H. Weaver ein Werk geschaffen, welches durch seine Brillanz, Stringenz und Überzeugungskraft Vorbildcharakter für weitere, thematisch ähnlich gelagerte Studien beanspruchen kann.

    Dem Band sind eine weite Verbreitung über den monde clos der Musikgeschichte hinaus, sowie zahlreiche Übersetzungen zu wünschen. Jeder mit den all den im Vorstehenden aufgeführten und im Buch behandelten Sujets nur irgendwie Beschäftigte aber sollte dieses zumal einmal gelesen haben.

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    PSJ Metadata
    Josef Johannes Schmid
    A. H. Weaver, Sacred Music as Public Image for Holy Roman Emperor Ferdinand III (Josef Johannes Schmid)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Deutschland / Mitteleuropa allgemein, Österreich und Liechtenstein
    Musikgeschichte
    17. Jh.
    4011882-4 118532529 4030736-0 4137492-7
    1608-1657
    Deutschland (4011882-4), Ferdinand III., Heiliges Römisches Reich, Kaiser (118532529), Kirchenmusik (4030736-0), Repräsentation (4137492-7)
    PDF document weaver_schmid.doc.pdf — PDF document, 105 KB
    A. H. Weaver, Sacred Music as Public Image for Holy Roman Emperor Ferdinand III (Josef Johannes Schmid)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/FN/weaver_schmid
    Veröffentlicht am: 05.12.2012 14:25
    Zugriff vom: 17.01.2020 19:45
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