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    N. Coulet, Rites, histoires et mythes de Provence (Klaus Oschema)

    Francia-Recensio 2012/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Noël Coulet, Rites, histoires et mythes de Provence, Aix-en-Provence (Presses universitaires d’Aix-Marseille) 2012, 248 p., ISBN 978-2-85399-811-6, EUR 24,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Klaus Oschema, Heidelberg

    Es ist so eine Sache mit der Gattung der »gesammelten Aufsätze«: Sie bieten in praktischer Form thematisch zusammenhängende Beiträge eines Autors, die über einen längeren Zeitraum entstanden und an unterschiedlichen Orten publiziert wurden. Im günstigsten Fall entfalten die Texte durch den unmittelbaren Dialog ein neues Panorama, das die Genese und Ausarbeitung eines Forschungsbereichs widerspiegelt. Stets besteht aber auch die Gefahr, Texte neu zirkulieren zu lassen, deren fruchtbarste Zeit doch in der Vergangenheit liegt. Die Lektüre eines solchen Bandes ist daher nicht nur mit der (Wieder-)Entdeckung alter und neuer Perspektiven und Materialien verbunden, sondern fordert zugleich zur Reflexion über die Gattung selbst auf. Das gilt umso mehr in einer Zeit, in der die Möglichkeit zur Erstellung »virtueller Dossiers« bestünde, die nicht notwendigerweise als gedrucktes Buch vorliegen müssen.

    Der vorliegende Band versammelt Beiträge zur provenzalischen Geschichte, die Noël Coulet, emeritierter Professor für Geschichte an der Université de Provence, zwischen 1977 und 2010 publizierte. Im ersten thematischen Schwerpunkt (»Rites«) widmen sich fünf Texte aus der Zeit zwischen 1977 und 1995 der Rolle und Entwicklung von Ritualen im städtischen Rahmen. Coulet interessierte sich früh für die Erforschung von Herrschereinzügen ( entrées solennelles ) und städtischen Prozessionen als Formen gemeinschaftlichen ritualisierten Handelns, die für die Provence allerdings aufgrund der Quellensituation nur in Umrissen zu rekonstruieren sind. Dennoch fördert ein näherer Blick faszinierende Ergebnisse zutage: Coulets Arbeiten zu Aspekten der Gruppenbildung und der Raumerfassung durch kollektives rituelles Handeln erschlossen Material aus dem Süden des heutigen Frankreich, das auch aktuellen Forschungen noch interessante Vergleichsperspektiven eröffnet – im Zentrum stehen dabei die Orte Aix-en-Provence und Marseille. Allerdings merkt man einzelnen Ausführungen ihr Alter deutlich an: Insbesondere der Einstiegstext zu den »Entrées solennelles en Provence au XIV e siècle« (S. 11–42; orig. 1977) muss notgedrungen Vieles in hypothetischer Form ausdrücken, was der aktuellen Forschung durch die intensive und systematisierte Aufarbeitung breiter Materialbestände wesentlich einsichtiger erscheint.

    Man könnte den Wiederabdruck nun als Zeugnis für frühe Zugriffe rechtfertigen, wäre da nicht der wenig überzeugende Versuch, stellenweise aktualisierend einzugreifen: Hier und da begegnen in den Anmerkungen Hinweise auf jüngere Beiträge (etwa Anm. 118: eine Studie von J. Caille aus dem Jahr 2004), die aber nicht klar als Nachträge markiert sind. Das führt dazu, dass sich der Leser auch nicht mehr sicher ist, ob denn die bemerkenswert frühe Frage nach der Rolle der Frauen in den untersuchten Ritualen (S. 17) bereits im Originaltext stand (was der Fall ist). Zudem fragt man sich, warum die Aktualisierung nicht etwas systematischer ausgefallen ist: Wozu Titel zu kleineren Detailfragen nachtragen, ohne umfassendere Studien jüngeren Datums zu nennen? Immerhin wurden seit dem ersten Erscheinen von Coulets Aufsatz nicht nur zahlreiche Tagungsakten und Sammelbände zu den entrées solennelles vorgelegt, sondern mit Gerrit J. Schenks Dissertation über »Herrschereinzüge« aus dem Jahr 2003 auch mindestens ein schwergewichtiger monographischer Beitrag. Zumindest in Form einer knappen kommentierenden Einleitung hätte man sich stärker kontextualisierende Aktualisierungsarbeit gewünscht.

    Dieser Kritik, die an Coulets Band exemplarisch entwickelt werden kann, die aber auch für zahlreiche weitere Unternehmungen ähnlichen Formats grundsätzliche Fragen aufwirft, steht allerdings zugleich eine ganze Reihe positiver Leseeindrücke gegenüber. Den roten Faden des Gesamtbandes bildet das Interesse am Verhältnis zwischen modernen Blicken auf regionale Traditionen und deren tatsächlichem historischen Hintergrund: Immer wieder fragt Coulet nach den mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Wurzeln regionaler und lokaler Bräuche, wie etwa der Fête-Dieu in Aix-en-Provence (S. 83–103), also dem Fronleichnamsfest, zu dem er detailliert die ersten Belege aus dem späten 14. Jahrhundert und die Hinweise zur raschen »théatralisation« (S. 87) der Feier im 15. Jahrhundert zusammenträgt. Erst in der frühen Neuzeit traten neue Elemente karnevalesker Ausgestaltung auf, deren Einrichtung ab dem 17. Jahrhundert im Sinne einer invention of tradition René d’Anjou zugeschrieben wurden.

    Die Figur des »bon roi René« steht auch im Zentrum eines weiteren Beitrags (S. 169–189; in der zweiten Sektion: »Histoires«), der den Ansatz der versammelten Texte geradezu exemplarisch repräsentiert: Coulet interessiert sich für die heute volkstümlich gewordenen Geschichtsbilder und Traditionen der Provence, die er einer kritischen Überprüfung unterzieht. Als zentrales Textkorpus erweist sich dabei wiederholt eine Reihe historiographischer Werke des 17. und 18. Jahrhunderts, die volkstümliche Erzählungen und historiographische Nachrichten zu einem umfassenden und lebendigen Bild der regionalen Geschichte verschmolzen und damit zum Teil bis in das 20. Jahrhundert wirksam wurden. Coulets Blick auf die Erzählung von Abt Maiolus’ Entführung durch Sarazenen in der provençalischen Historiographie (S. 123–138) oder auf die Konstruktion des Bildes von der »bonne reine Jeanne« (S. 139–155) folgt der Motiv-Entwicklung in denselben Texten. Ebenso detailliert wie überzeugend führt er die Transformationen der Motive vor – allerdings wäre es wohl mindestens ebenso interessant, auch die Frage nach deren Gründen zu thematisieren. Ansätze zu solchen weiterführenden Überlegungen klingen leider nur selten an, etwa zur »Union d’Aix« (S. 157–166), wenn Coulet zumindest knapp auf die gegenwartsorientierten Interessen bei der Ausgestaltung der historischen Erzählung verweist. Der 1382 in Aix geschlossene Bund provenzalischer Städte bot Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts (Denys Faucher oder Nicolas Claude Fabri de Peiresc) Material, um ihre Haltung zum Verhältnis zwischen Frankreich und der Provence zu spiegeln (S. 166).

    Die Beiträge des letzten Abschnitts (»Mythes«) wollen schließlich weniger Entwicklungen nachvollziehen, sondern vielmehr einzelne Texte und Motive der provenzalischen Geschichte als Erfindungen oder Fälschungen aufweisen (etwa das »Rundschreiben«, mit dem Erzbischof Rostan de Fos im 11. Jahrhundert den Bau einer neuen Kathedrale zu befördern versucht haben soll; S. 193–198). Von übergreifendem Interesse dürfte hier insbesondere die Episode um Astruc Léon sein, einen Juden aus Aix-en-Provence, mit dessen Blasphemie lange ein Pogrom des Jahres 1430 erklärt wurde und der seinerseits in den Erzählungen ein grausames Ende fand (S. 199–220). Die Darstellung dieses »événement insai[si]ssable« führt plastisch die Stärken von Coulets Zugriff vor, der vor allem auf die quellennahe Rekonstruktion der Motiventwicklungen abzielt.

    Insgesamt bietet der Band damit ein buntes Panorama zu Geschichten (mehr als zur Geschichte) der Provence im Spannungsfeld zwischen Mittelalter einerseits und neuzeitlicher Historiographie und Tradition andererseits. Leider werden die Beiträge nicht durch ein Register erschlossen und auch die Typographie ist nicht immer zuverlässig, insbesondere bei Literaturverweisen auf Titel in deutscher Sprache.

    Lizenzhinweis: Dieser Beitrag unterliegt der Creative-Commons-Lizenz Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung (CC-BY-NC-ND), darf also unter diesen Bedingungen elektronisch benutzt, übermittelt, ausgedruckt und zum Download bereitgestellt werden. Den Text der Lizenz erreichen Sie hier: http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/de

    PSJ Metadata
    Klaus Oschema
    N. Coulet, Rites, histoires et mythes de Provence (Klaus Oschema)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    ohne zeitliche Zuordnung
    Frankreich und Monaco
    Siedlungs-, Stadt- und Ortsgeschichte, Volkskunde, Brauchtum
    Mittelalter
    4047564-5 4008017-1 4035028-9 4124068-6
    Provence (4047564-5), Brauchtum (4008017-1), Legende (4035028-9), Ritus (4124068-6)
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    N. Coulet, Rites, histoires et mythes de Provence (Klaus Oschema)
    In: Francia-Recensio 2012/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2012-4/MA/coulet_oschema
    Veröffentlicht am: 05.12.2012 12:10
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:01
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