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F. Foronda, Avant le contrat social (Gisela Naegle)

Francia-Recensio 2012/4 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

François Foronda (dir.), Avant le contrat social. Le contrat politique dans l’Occident médiéval XIII e –XV e siècle. Colloque international de Madrid (2008), Paris (Publications de la Sorbonne) 2011, 726 p., ISBN 978-2-85944-664-2, EUR 45,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Gisela Naegle, Gießen/Paris

Der von François Foronda herausgegebene Band stellt den Abschluss einer dreiteiligen Reihe von Aufsatzsammlungen zum politischen Vertrag dar, die aus einer mehrjährigen französisch-spanischen Kooperation hervorgegangen ist. Nachdem sich die ersten beiden Publikationen auf die Iberische Halbinsel und Kastilien bezogen, wurde der Untersuchungsrahmen nun auf Frankreich, Italien, England und das spätmittelalterliche Reich ausgedehnt. Das Buch präsentiert die Ergebnisse einer vom Herausgeber, Jean-Philippe Genet und José Manuel Nieto Soria 2008 in Madrid organisierten internationalen Tagung. Auf die Einleitung und achtundzwanzig in Französisch, Spanisch, Englisch und Italienisch verfassten Aufsätze folgen conclusions von Jean-Philippe Genet und José Manuel Nieto Soria. Am Ende stehen Zusammenfassungen von Vorträgen, die nicht in Aufsatzform zum Druck vorgelegt wurden. Die einzelnen Beiträge sind nach geographischen Regionen geordnet, wobei die betreffenden Sektionen jeweils von einem wissenschaftlichen Koordinator geleitet wurden.

François Foronda stellt zunächst kurz die Gesamtthematik vor. Es folgen die jeweils von ihrem Koordinator präsentierten Sektionen. Die erste wurde von Patrick Boucheron geleitet. Sie widmet sich der Apenninhalbinsel und enthält Aufsätze von Mario Ascheri (11.–13. Jh.), Armand Jamme (Kirchenstaat, Ende 12.–Anfang 16. Jh.), Andrea Zorzi (Florenz, 14./15. Jh.), Pierry Savy (Lombardei, 15. Jh.), und Massimo della Misericordia (Mailand, 15. Jh.). Im nächsten Themenbereich geht es mit Aufsätzen von Jean-Marie Moeglin und Mathieu Olivier (Deutscher Orden, Preußen) um das mittelalterliche Reich. Anschließend richtet sich der Blick mit Beiträgen, die von Claude Gauvard koordiniert wurden, auf Frankreich. Die einzelnen Aufsätze stammen von Alain Boureau (Theologie/Scholastik), Bénédicte Sère (Freundschaft in Bündnisverträgen, 15. Jh.), Corinne Leveleux-Teixeira (kollektive Eide, Anfang 15. Jh.), Anne Santamaria-Lemonde (Savoyen, Statut von 1349) und Jan Dumolyn/Jelle Haemers (Flandern, politischer Vertrag bei Willem Zoete, 1488).

England wird in Aufsätzen von John Watts, Caroline Burt, Christopher Fletcher (königliche Amtsträger in England und Frankreich), Christian D. Liddy (englische Städte) und Aude Mairey (politischer Vertrag bei Sir John Fortescue) behandelt. Der letzte, von María Asenjo González vorgestellte Themenbereich zur Iberischen Halbinsel knüpft direkt an die beiden ersten Bände der Reihe an und stellt Untersuchungen von Eduard Juncosa Bonet (zu Francesc Eiximenis, † 1409), Alexandra Beauchamp (Katalonien zur Regierungszeit König Peters des Zeremoniösen [ el Ceremonioso ] von Aragón, 14. Jh.), Juan Carrasco Pérez (Navarra, 13./Mitte 14. Jh.), Luís Miguel Duarte (Portugal, Cortes von Coimbra, 1385), Carlos Garriga Acosta (Verhältnis königlicher und seigneurialer Rechtsprechung in Kastilien), Jorge Díaz Ibañez (Städte und Bischofswahlen, Kastilien, 15. Jh.), Ana Isabel Carrasco Manchado (vertragliche Grundlagen der Trastámara-Monarchie in Kastilien) und Ángel Galán Sánchez (Finanzverwaltung im Königreich Granada nach der Reconquista) vor. Anschließend folgen die conclusions .

Das Buch bietet ein reichhaltiges Panorama teilweise sehr unterschiedlicher Zugriffsweisen auf das Thema des politischen Vertrags. In der Einleitung werden Verbindungslinien zum maßgeblich von Jean-Philippe Genet geprägten CNRS-Großprojekt der »Genèse de l’État moderne« erläutert und auf den im Titel des Buches gegebenen Verweis auf Rousseaus Konzept des »contrat social« Bezug genommen. Die Bilanz ergibt, dass es in einigen Teilen Europas bereits lange vor Rousseau eine stark entwickelte und sehr lebendige Tradition politischer Verträge unterschiedlichster Typen gab, die sich teilweise erheblich von den theoretischen Vorstellungen späterer Jahrhunderte unterscheiden. Aus der Perspektive der deutschen Geschichte betrachtet, erweisen sich dabei vor allem die ersten beiden Bände der Trilogie bzw. die Beiträge zu den unterschiedlichen Königreichen der Iberischen Halbinsel und zu Italien als besonders interessant. Hier bieten sich zahlreiche Ansatzpunkte für Vergleichsmöglichkeiten, da, ebenso wie das mittelalterliche Deutschland, diese Regionen ebenfalls über eine aktive Kultur von Bünden, Verträgen und diversen Formen von Allianzen verfügten ( so können z. B. Städte- und Adelsbünde und Hermandades in Spanien und Landfriedensbünde, Wahlkapitulationen und Herrschaftsverträge im spätmittelalterlichen Reich gegenübergestellt werden). Unter diesem Gesichtspunkt sei im Hinblick auf die Reichsgeschichte auf den sehr interessanten Beitrag von Jean-Marie Moeglin verwiesen, der fundiert Ausprägungen unterschiedlicher Vertragstypen und Verhandlungen präsentiert. Für Italien sei vor allem der ausgezeichnete Aufsatz von Armand Jamme zum Kirchenstaat und dem Beispiel Ascoli genannt.

In ihrer Einleitung zu der Sektion, die Frankreich gewidmet ist, gibt Claude Gauvard einen Abriss der französischen Historiographie, deren Fragestellungen sich in diesem Themenbereich bislang deutlich von denen der deutschen Forschung unterschieden. In Frankreich kam es im Unterschied zu den eben erwähnten spanischen Königreichen sowie zu Deutschland und Italien auch nicht zur Bildung von Städtebünden. Die von Jan Dumolyn und Jelle Haemers für Flandern beschriebenen Verhältnisse sind den Zuständen im mittelalterlichen Reich wesentlich ähnlicher. Sie sind, da es sich um Konflikte mit dem späteren Kaiser Maximilian I. handelt, auch für die Geschichte des mittelalterlichen Reiches aufschlussreich. Die Artikel von Bénédicte Sère und Corinne Leveleux-Teixeira greifen mit der Untersuchung der Terminologie und Definition gegenseitiger Freundschaft/Liebe/Unterstützung in Verträgen und mit der Sprache und Funktion von kollektiven Eiden ein Thema auf, das bereits in den beiden ersten Bänden sehr gewinnbringend bearbeitet wurde.

Innerhalb der England-Thematik bieten die Beiträge von Christian D. Liddy zu Städten und von Aude Mairey zu Gründungsmythen, darunter dem Troja-Mythos und seiner Umsetzung bei John Fortescue, bereichernde Anregungen. Die einführende Synthese zur »cultura pactual hispánica« von María Asenjo González vermittelt einen sehr guten und klar strukturierten Einstieg in die der Iberischen Halbinsel gewidmeten Texte. Hier ist vor allem der ausgezeichnete und von zahlreichen Quellenzitaten untermauerte Aufsatz von Eduard Juncosa Bonet zu Verträgen bei Francesc Eiximenis bzw. in Aragón hervorzuheben; der Beitrag beschäftigt sich unter anderem mit dem Konzept des »pactismo«, dem Widerstands- und Absetzungsrecht gegenüber Tyrannen und der Rolle der Städte und ist einer der interessantesten Beiträge des Buches. Ähnliches gilt für das von Juan Carrasco Pérez vorgestellte Thema der Erbfolgekrisen in Navarra sowie zur Rolle der Städte und für die Darstellung der Cortes von Coimbra (1385) von Luís Miguel Duarte. Gegen Ende des Bandes greift Ana Isabel Carrasco Manchado noch einmal sehr grundsätzliche und wichtige Fragen des Verhältnisses von Verträgen/Vertragstheorien und Absolutismus auf. Sie gelangt zu der These, es habe sich nicht um einen unüberwindbaren Gegensatz gehandelt, da auch in Zeiten als absolutistisch charakterisierter Regierungsformen Vertragselemente weiterhin lebendig und politisch aktiv geblieben seien. Die Autorin lehnt daher eine starre und statische Gegenüberstellung von kastilischem Absolutismus und »régimen pactista« in Navarra, Aragón, Katalonien und Valencia ab (S. 616). Die Vorstellung vom König als »mercenario« im Dienst des Königreiches (S. 629) und das Auftauchen des Konzeptes des »contrato callado« (stillschweigenden Vertrages) sind ebenfalls von Interesse. Am Ende ziehen mit Jean-Philippe Genet und José Manuel Nieto Soria zwei der Initiatoren des Gesamtprojektes Bilanz, wobei Nieto Soria noch einmal ausdrücklich die unterschiedlichen Analyseebenen und die Vereinbarkeit von politischen Verträgen mit den unterschiedlichsten Regierungsformen betont.

Alles in allem stellt der Band den sehr gut gelungenen Abschluss eines hochinteressanten Forschungsprojektes zu einem wichtigen Thema dar. Dabei sei noch einmal ausdrücklich auf die beiden ersten äußerst lesenswerten und inhaltlich sehr kohärenten Bände der Trilogie hingewiesen. In allen drei Teilen werden zahlreiche Ansatzpunkte für künftige vergleichende Forschungen eröffnet, die eine Vertiefung verdienen.



Weitere Rezensionen von Gisela Naegle:

F. Foronda, A.I. Carrasco Manchado, Du contrat d'alliance au contrat politique


F. Foronda, A.I. Carrasco Manchado, El contrato político en la Corona de Castilla

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Gisela Naegle
F. Foronda, Avant le contrat social (Gisela Naegle)
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Mittelalter
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F. Foronda, Avant le contrat social (Gisela Naegle)
In: Francia-Recensio 2012/4 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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Veröffentlicht am: 05.12.2012 12:10
Zugriff vom: 20.02.2019 21:19
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