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    C. Lebeau / W. Schmale, Images en capitale: Vienne, fin XVIIe–début XIXe siècles/A capital City and its Images: Vienna in an 18th-Century Perspective/Bilder der Stadt: Wien – das lange 18. Jahrhundert (Gerda Lettner)

    Francia-Recensio 2013/1 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Christine Lebeau, Wolfgang Schmale (dir.), Images en capitale: Vienne, fin XVII e –début XIX e siècles/A Capital City and Its Images: Vienna in an 18 th -Century Perspective/Bilder der Stadt: Wien – das lange 18. Jahrhundert, Annuaire de la Société autrichienne d’étude du dix-huitième siècle/Jahrbuch der Österreichischen Gesellschaft zur Erforschung des Achtzehnten Jahrhunderts/Yearbook of the Austrian Society for Eighteenth-Century Studies, Bochum (Verlag Dr. Dieter Winkler) 2011, 344 p./S. (Das achtzehnte Jahrhundert und Österreich, 25), ISBN 978-3-89911-163-7, EUR 43,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Gerda Lettner, Wien

    Wie sich die öffentliche Meinung im 18. Jahrhundert in Bildern ausdrückte, ist der Hauptgegenstand dieses als Themenheft gestalteten Jahrbuchs. Das kann man nur begrüßen. Christine Lebeau, die französische Mitherausgeberin, zeichnet für den ersten Teil der Publikation verantwortlich, der den Obertitel »Images en capitale (Vienne, fin XVII e –début XIX e siècles)« trägt und annähernd zwei Drittel des Gesamtumfangs einnimmt. Wie sie einleitend darlegt, ist dieser den »nouvelles images de la capitale« im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert gewidmet. Sie stellt die Frage in den Mittelpunkt, ob man die auf Wien bezogene Bild- und Buchproduktion verorten und in ihr eine lokale Spezifikation erkennen könne und verweist darauf, dass diese unter Einbeziehung der Ebene des freien Marktes für Broschüren, Stiche und Musikalien zu beantworten sei: In den 1760er Jahren hätten sich die Einrichtungen, in denen Bilder der Hauptstadt Wien produziert worden wären, vervielfacht. Sie verweist in diesem Zusammenhang insbesondere auf den Beitrag von Johannes Frimmel, der zeige, wie die Entwicklung der Produktion und des Handels mit Büchern, Kupferstichen und Partituren, die durch den merkantilistischen Staat ermutigt worden sei, seinen Ausgangspunkt mit der Gründung des Hauses Artaria genommen habe (S. 17).

    Frimmels Aufsatz »Zum Wiener Kunst- und Musikalienhandel 1770–1850« beginnt mit dem Hinweis auf die Anstrengungen des Leiters der kaiserlichen Gemäldegalerie Joseph Rosa, der die vom Jesuitenorden bestellten und von Rubens angefertigten Gemälde in den österreichischen Niederlanden anlässlich der Auflösung dieses Ordens erwerben wollte. Im Anschluss daran wird auf eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung eines freien Kunstmarkts in Wien, nämlich auf die Gründung einer Kupferstecher-Akademie durch Maria Theresia hingewiesen. 1770 erhielten jene Kunst- und Kupferstich-Händler, die das Haus Artaria gründeten, ein Privileg. 1787 wurde schließlich das, was das Haus Artaria und andere Wiener Kupferstich-Händler verkaufen durften, näher bestimmt. Das ist tatsächlich ein klares Indiz für den Aufschwung des Kunsthandels unter Maria Theresia und Joseph II. Erwähnt wird noch dessen Stagnation während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und sein erneuter Aufschwung in der liberalen Ära.

    Dem Aufschwung des Kunsthandels unter Joseph II. entspricht der Aufschwung des Buchhandels: In keiner anderen deutschen Stadt findet sich eine vergleichbar stürmische Entwicklung staatsbürgerlichen Bewusstseins auf der Ebene der Produktion von billiger Massenliteratur wie in Wien. Ausführungen über Wien als Kapitale der Broschürenliteratur werden im Jahrbuch aber bedauerlicherweise auf Wien als Kapitale in Joseph Richters Bildergalerien 1 eingeschränkt, was wenig ergiebig ist. Die Untersuchung von Johann Christian Brands Bildserie: »Der Kaufruf von Wien« (sic: S. 72) führt zum Vergleich der Motive dieser Serie mit jenen der »Cris de Paris« 2 . Der Autor des Beitrags, David do Paco, unterstreicht mit der Figur des griechischen Händlers aus dem Osmanischen Reich, die im Titel seines Beitrags auftaucht und deren Bild am Ende des Artikels reproduziert wird, den kosmopolitischen Charakter der Kapitale Wien. Für den Vergleichsfall Paris aber fehlen die entsprechenden Bilder.

    Die Behandlung des übergreifenden Themas »A Capital City and Its Images: Vienna in an 18 th – Century Perspective« ist bis hierhin also eher fragmentarisch erfolgt. Im folgenden größeren Teil dieses Jahrbuch-Abschnitts wird Lebeaus Ankündigung: »un premier volet [S. 21–188] est consacré aux nouvelles images de la capitale« kaum mehr eingelöst. Vielmehr rücken die Provinzen und Völker der Habsburgermonarchie in den Fokus der Beiträge. Sie behandeln Landschaftsbeschreibungen von der Gegend der Drau aus dem Blickpunkt des Militärs 3 , die »Visualisierung erdwissenschaftlichen Wissens« 4 , die Produktion von Urarialkarten jener Mappierungsdirektion, die im Banat arbeitete 5 usw. Die »Ethnographie der österreichischen Monarchie« 6 wird auf S. 155 mit der bekannten Karte Karl von Czoernigs illustriert, die sich nach Werner Telesko in einer »halboffiziellen neoabsolutistischen Propagandaschrift« 7 findet. Allerdings sind wir hier nicht mehr im »langen« 18 Jahrhundert, auf das im Titel des Jahrbuchs verwiesen wird. Dieses lange 18. Jahrhundert, das in den Beiträgen nicht weiter thematisiert wird, ging wohl spätestens mit der Revolution von 1848 zu Ende.

    Das lange 18. Jahrhundert verdiente zudem, besonders im Hinblick auf den auf der Grundlage der politischen Literatur erforschten Funktionswandel der öffentlichen Meinung nach dem Papstbesuch von 1782, gründlich beleuchtet zu werden. Warum in den Beiträgen nicht an die systematische Aufarbeitung der öffentlichen Meinung des josephinischen Jahrzehnts durch Ernst Wangermann 8 angeknüpft worden ist, ist nicht nachzuvollziehen. Zur Diskussion der Frage, wie sich dieser Funktionswandel in den Bildern der Kapitale Wien ausgedrückt hat, würde Johannes Frimmels Beitrag nämlich die Grundlage liefern. So aber wurde auf vielen Druckseiten die Chance nicht genutzt, diesen Zusammenhang auch auf der Ebene der Ikonographie sichtbar zu machen.

    Den zweiten, von Wolfgang Schmale betreuten und 100 Druckseiten einnehmenden Teil des Jahrbuchs bildet eine Diplomarbeit von Rafael Prehsler mit dem Titel »Macht und Raum. Die Entstehung der Pariser Königsachse von Ludwig XIV. bis Napoleon I.«. Der Verfasser zeichnet die städtebauliche Gestaltung des Raumes zwischen dem Louvre und dem Arc de Triomphe vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert unter den Gesichtspunkten der herrscherlichen Machtrepräsentation nach. Leider ist dem Beitrag kein erläuterndes Bildmaterial beigegeben.

    Manche der Beiträge liefern gewiss wichtige Anregungen, die der weiteren Diskussion des Generalthemas dienlich sein können. Zu dieser einzuladen ist das Verdienst des vorliegenden Bandes.

    1 Romana Filzmoser, Stadtraum-Bühnenraum – Wien als Kapitale in Joseph Richters Bildergalerien.

    2 David do Paco, Le marchand grec existe-t-il? Remarques sur les représentations collectives et les identités des métiers viennois dans le Kaufruf de Johann Christian Brand de 1775.

    3 Daniel Baric, Louis-Francois Lejeune et la topographie de l’Autriche: entre savoir-faire de l’officier du génie et perception du peintre.

    4 Marianne Klemun, Reisen, Aufzeichnen, Beschreiben. Visualisierung erdwissenschaftlichen Wissens und »Mineralogische Reisen« innerhalb habsburgischer Territorien.

    5 Benjamin Landais, Savoir et production des ingénieurs-cartographes locaux en Hongrie méridionale: des enjeux centraux dans l’évolution de la société paysanne 1767–1805.

    6 Morgane Labbé, Die »Ethnographische Karte der Oesterreichischen Monarchie«: ein Abbild der Monarchie.

    7 Werner Telesko, Kulturraum Österreich, Wien 2008, S. 414f.

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    PSJ Metadata
    Gerda Lettner
    C. Lebeau / W. Schmale, Images en capitale: Vienne, fin XVIIe–début XIXe siècles/A capital City and its Images: Vienna in an 18th-Century Perspective/Bilder der Stadt: Wien – das lange 18. Jahrhundert (Gerda Lettner)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa, Österreich und Liechtenstein
    Sozial- und Kulturgeschichte
    18. Jh.
    4066009-6 4020517-4
    1700-1800
    Wien (4066009-6), Geschichte (4020517-4)
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    C. Lebeau / W. Schmale, Images en capitale: Vienne, fin XVIIe–début XIXe siècles/A capital City and its Images: Vienna in an 18th-Century Perspective/Bilder der Stadt: Wien – das lange 18. Jahrhundert (Gerda Lettner)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/FN/lebeau-schmale_lettner
    Veröffentlicht am: 18.03.2013 16:10
    Zugriff vom: 27.01.2020 01:48
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