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    F. Close, Uniformiser la foi pour unifier l’Empire (Eugenio Riversi)

    Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Florence Close, Uniformiser la foi pour unifier l’Empire. Contribution à l’histoire de la pensée politico-théologique de Charlemagne, Bruxelles (Académie royale de Belgique) 2011, 367 p. (Mémoires de la Classe des lettres), ISBN 978-2-8031-0287-7, EUR 25,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Eugenio Riversi, Bonn

    Im Mittelpunkt dieser Studie, die ein Teil einer an der Universität Lüttich 2007 eingereichten thèse de doctorat ist, steht die Kernfrage nach der Rolle des theologischen und ekklesiologischen Wissens im Aufbau der kaiserlichen Herrschaft Karl des Großes. Die Autorin kennt die lange Tradition dieses historischen Problems, das schon aus vielen unterschiedlichen Fachperspektiven untersucht worden ist. Auf jeden Fall ist es ihr spezifisches Ziel, noch besser und tiefer diese grundlegende Wechselwirkung der politischen und der religiösen Dimension zu bewerten. Um dieses Ziel zu erreichen, analysiert sie sorgfältig die über einige theologische Debatten (Adoptianismus, Bilderkult, filioque ) verfassten Texte und die einschlägigen Entstehungszusammenhänge, die darüber hinaus durch eine genaue Lektüre der historiographischen Quellen beleuchtet werden.

    Dieses methodische Verfahren wird in eine dreiteilige Struktur der Studie eingebettet. Der erste und der zweite Teil beschäftigen sich mit dem Anfang (767–794) bzw. der Intensivierung (797–799) der theologischen Debatten im fränkischen Raum. Der letzte Teil konzentriert sich auf die Relevanz des Dreifaltigkeitskults. Einer Einleitung, in der die Autorin die spätantiken Voraussetzungen der christologischen Debatten skizziert, folgt die ausführliche Kontextualisierung des Treffens von Gentilly (767) sowie der Konzile von Regensburg (792) und Frankfurt (794). Die Analyse der Zeugnisse über das Treffen von Gentilly offenbart bereits die Komplexität der politischen Beziehungen der Franken mit dem Papst und dem byzantinischen Reich, die zunehmend theologische und ekklesiologische Fragen einschlossen. Das Treffen war vielleicht die erste Gelegenheit, bei der die fränkischen Geistlichen mit einem diffizilen theologischen Problem, d. h. dem Bilderkult, konfrontiert waren, aber es war noch kein Konzil, wie es das spätere offizielle Gedächtnis suggerierte. Im Rahmen des Konzils von Regensburg (792) setzten sich der König und die fränkischen Geistlichen nicht nur mit der Rezeption der Akten des Konzils Nicäa II (787), sondern auch mit der adoptianischen Lehre auseinander. Diese neue Christologie war in Spanien entstanden und hatte sich auch durch den Bischof Felix von Urgel in den südwestlichen Regionen der karolingischen Herrschaftsgebiete verbreitet.

    Dieser Fall erlaubt der Autorin, die Akteure eines anderen komplexen Spannungsfeldes zu präsentieren: die auf ihre Eigenständigkeit bedachte Metropolitankirche von Toledo, das Königsreich Asturien, Karl den Großen und die fränkische Kirche sowie das über die Christenheit seinen Primat durchsetzende Papsttum. Die Abfassung der »Libri Carolini« muss in diesem dialektischen Kontext gedeutet werden, in dem der karolingische Hof die eigene Fähigkeit einer selbständigen theologischen Wissensproduktion demonstrierte. Das bewies vor allem die Debatte über den Adoptianismus am Vorabend des Konzils von Frankfurt und die neue auf der Tradition beruhende Definition der Universalität der Konzilsbeschlüsse, die sich gegen die herkömmliche Autorität der Pentarchie der Patriarchaten richtete.

    In der zweiten Phase des Streits gegen den Adoptianismus wurden die entscheidenden Beiträge von Alkuin detailliert untersucht, wie der »Liber contra haeresim Felicis« und die »Contra Felicem libri VII«. Die Ideen des angelsächsischen Gelehrten gliederten sich in ein umfassendes Projekt eines christlichen Reichs ( Imperium christianum ) ein, das in einer soteriologischen und eschatologischen Perspektive von einem einheitlichen Glauben zementiert werden sollte. Der Fokus dieses Projekts, dessen Grundlagen in der theologischen Summa »De fide sanctae et individuae Trinitatis« dargelegt wurden, war der Dreifaltigkeitskult, dessen Förderung und Verbreitung im Volk vor allem durch neue Fassungen des Symbols eine uniformierte und legitimierende christliche Identität konstruieren sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, akzentuierte Alkuin die Bedeutung des Predigtamtes, das eine relevante Aufgabe – wenn nicht die wichtigste – des Klerus und auch des als rex praedicator dargestellten Herrschers wurde.

    Die Studie zeigt sehr konkret das Heranreifen des theologischen Wissens als einer konstitutiven Komponente des politischen Projekts von Karl dem Großen. In der Auseinandersetzung mit konkurrierenden Mächten war die Stellungnahme in diesem Bereich entscheidend, um die fränkische politische Herrschaft durchzusetzen. Die verdienstvolle Analyse dieses Phänomens lässt noch Raum für weitergehende Interpretation, und zwar auf zwei Ebenen: Auf der einen Seite könnte die Autorin in der Deutung der Machtverhältnisse – z. B. zwischen der fränkischen Spitze und dem Papst – noch weiter in die Tiefe gehen; auf der anderen scheint es möglich, die Alterität dieser Form von politischer Hegemonie noch begrifflich genauer zu erfassen, wie z. B. im Fall der nicht selten suggerierten Analogie zwischen Herrscher und Gott. Diese Monita sollen aber das positive Gesamtbild dieser sorgfältigen Studie nicht beeinträchtigen. Zwei Anhänge über einige der analysierten Texte (Vergleiche unterschiedlicher Symbole; neue Chronologie der Briefe Alkuins über den adoptianischen Streit) und ein Register, das Orte, Namen, Texte und Bibelzitate umfasst, beschließen den Band.

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    Eugenio Riversi
    F. Close, Uniformiser la foi pour unifier l’Empire (Eugenio Riversi)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    (u"(u'',)",)
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    F. Close, Uniformiser la foi pour unifier l’Empire (Eugenio Riversi)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/MA/close_riversi
    Veröffentlicht am: 12.03.2013 16:20
    Zugriff vom: 17.01.2020 19:41
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