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    S. Efthymiadis, The Ashgate Research Companion to Byzantine Hagiography (Peter Schreiner)

    Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Stephanos Efthymiadis (ed.), The Ashgate Research Companion to Byzantine Hagiography. Volume I: Periods and Places, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2011, XIX–440 p., 4 ill., ISBN 978-0-7546-5033-1, GBP 85,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Peter Schreiner, München

    » A collective book on byzantine hagiography hardly needs justification. « Diesen Satz kann auch der Rezensent vorbehaltlos unterstreichen. Stefanos Efthymiadis, der sich selbst durch viele Arbeiten und Texteditionen im Bereich der byzantinischen Hagiographie einen guten Namen gemacht hat, scharte für diesen Band sechzehn Spezialisten um sich, die sich der vierzehn Kapitel annahmen. Soweit die Beiträge unter die Rubrik »Byzantine Hagiography« fallen, sind sie, beginnend mit dem »Vater« der byzantinischen Hagiographie, Athanasios dem Großen, und seiner »Vita Antonii«, chronologisch geordnet: 4.–7. Jh., 8.–10 Jh. (Symeon Metaphrastes), 11./12. Jh. und schließlich »Spätes Byzanz«. Der zweite Teil des Bandes ist der Hagiographie in der byzantinischen Peripherie (Palästina, Unteritalien) und im Christlichen Orient (syrische, georgische, koptische, arabische Hagiographie, aber auch slawische Hagiographie und ins Griechische übersetzte lateinische hagiographische Werke) gewidmet.

    Alle Kapitel sind, wie es für ein handbuchartiges Werk zu erwarten ist, von bibliographischen Angaben begleitet, getrennt nach Editionen/Übersetzungen und der einschlägigen Sekundärliteratur. Die Einführung und auch der Einbandumschlag weisen allgemein auf den Inhalt des zweiten Bands hin: »Questions of genres and the social and other contexts of Byzantine hagiography«. Auf dem inneren Umschlagdeckel und nur dort (!) sind dann die fünfzehn Kapitel des zweiten Bandes spezieller festgehalten. Gerade deshalb muss eine Rezension und Beurteilung des ersten Bandes sehr vorläufig ausfallen, da vielleicht manches vom Rezensenten angemahnte Desiderat doch thematisch dem zweiten Band vorbehalten ist. Eine wirkliche Rezension ist erst nach dessen Erscheinen angebracht und gerechtfertigt.

    Die Einleitung von Stefan Efthymiadis bringt einen (zu) raschen wissenschaftsgeschichtlichen Überblick von der Epoche der Bollandisten an, wobei die Bedeutung der »Bibliotheca Hagiographica Graeca« (BHG) und überhaupt die Begründung einer »kritischen« hagiographischen Forschung um die Wende vom 19. zum 20. Jh. sowie Person und Werk von Albert Ehrhard mehr Hervorhebung verdient hätten. Die Behauptung, dass Karl Krumbacher die Beschäftigung mit der Hagiographie für einen Studierenden der byzantinischen Literatur als nicht nötig angesehen habe (»was not seen as a necessary implement«), da er dieses Kapitel anderen Händen (denen von Albert Ehrhard) anvertraute, ist grundfalsch, sagt doch Krumbacher schon im Vorwort zur ersten Auflage: »Nur eine Gattung, die eine selbständige Abtheilung gebieterisch verlangt hätte, ist vorläufig in fremden Gemächern untergebracht worden, die Theologie und die mit ihr verbundene Hagiographie. Daran ist nicht Abneigung schuld, sondern Mangel an Zeit und Vorarbeiten.« Das sagt doch eigentlich alles – über Krumbacher und seine Kritiker! Was auch immer der zweite Band im Einzelnen ergänzend bringen mag, so hätte man in der Einleitung doch einige Worte über den Begriff des Heiligen in seinen verschiedenen Abstufungen erwartet: dass »Heilig« (besonders im Osten) über lange Zeit und sogar bis heute in der Volksverehrung seinen Ursprung hat und so recht eigentlich nie im kanonischen Recht verwurzelt war - trotz erster Versuche bei Gregorios Palamas im 14. Jh., ein Faktum, das an den entsprechenden Stellen zu Palamas (siehe Index) nicht auftaucht. Es wäre auch nach Kriterien zu suchen gewesen – vom Märtyrerbegriff abgesehen – was denn die vielen hundert Heiligen zu solchen macht. Der alleinige Grund kann kaum gewesen sein, dass sie in der BHG aufgeführt sind.

    Entsprechend dem Titel des Bandes, sind die hagiographischen Opera nicht nur in zeitliche Perioden gegliedert, sondern innerhalb dieser erfolgen auch landschaftliche Zuweisungen, die aber auch wieder von monographischen Einschüben über einzelne Autoren unterbrochen werden (z. B. S. 72 Leontios von Neapolis, an den sich dann ein eigener Punkt über Hagiographie auf Zypern anschließt, wohin er aber selbst gehört). Im Kapitel über die Hagiographie der Dark Ages bis ins 10. Jh. (sicher auch als Ganzes zu indifferent gegliedert) hätte viel stärker auf die „fiktive Hagiographie“ von erfundenen Märtyrern des Ikonoklasmus hingewiesen werden sollen. An dieser Stelle fehlen in der Bibliographie auch grundlegende Arbeiten von Paul Speck, die man nicht beiseite lassen kann, weil ihre Lektüre etwas mühsam ist.

    Doch dabei berührt man ein zentrales Problem dieses ganzen ersten Bandes, vor allem aber seines ersten Teils. Er quillt über von der Nennung der Titel einzelner Viten, mit Verweis auf die BHG-Nummer, manchmal mit einem wertenden Hinweis: »another source similary friendly to Photios«, S. 117, oder (ibid.) »preserved in a single manuscript«, was wichtig für die Einschätzung ist. Ich frage: Wozu ist Hagiographie in dieser Form aufbereitet? Kaum etwas (von der Bibliographie abgesehen) geht über Becks Handbuch (dort wenigstens literarisch oder theologiegeschichtlich gegliedert) oder Albert Ehrhard hinaus.

    Im zweiten Teil überrascht es zunächst, Palästina und Unteritalien (geographisch sicher Randzonen und politisch teilweise gar nicht zum Reich gehörend) als »Hagiographie der byzantinischen Peripherie« eingeordnet zu finden. Man denke aber, wie gerade die unteritalienische Homiletik und Hagiographie im Austausch mit dem Reich stand! Es handelt sich um genuin byzantinische Literatur ohne Wenn und Aber. Die slawische hagiographische Literatur kann nicht auf die arabische folgen. Sie steht, wie bekannt, in engem Zusammenhang mit der byzantinischen Literatur und mit dieser natürlich auch die aus dem Lateinischen übersetzte.

    Die Beiträge dieses zweiten Teils sind vom Aufbau her recht unterschiedlich gestaltet, wo doch gerade ein Handbuch auf gleich bleibenden inneren Normen beruhen soll. So ist etwa der Abschnitt über die armenische Hagiographie ohne Einzelgliederung als zusammenhängender Block mit erheblicher didaktischer Lieblosigkeit geschrieben. Es wird beispielsweise nirgends gesagt, dass Thomsons »Bibliography« (S. 322 erwähnt) einen hervorragenden Einstieg in die Thematik bietet. Andere Kapitel bieten wenigstens tools an. Die Abschnitte über die slawische Hagiographie und die lateinische Übersetzungsliteratur wirken, vermutlich wegen nötiger Kürzungen, wie ausgedünnt. Dieser letzte Abschnitt zu den Übersetzungen gleicht vollends einer Liste mit verbindenden Worten. Der Autor stellt die zu Recht als »fundamental« erachtete Frage (S. 389), wer die Texte gelesen hat, wann und wo sie gelesen wurden, findet aber wohl keinen Platz für eine Beantwortung. Die vor nicht zu langer Zeit von Rigotti edierte griechische »Vita Benedicti« hat die handschriftliche Überlieferung gründlich behandelt. Sie böte als Einzelfall einen guten Ausgangspunkt, solche Fragen zu untersuchen.

    Gern würde der Benutzer auch etwas über Lücken und Desiderate erfahren, die in der Forschung noch aufgegriffen werden können oder müssen: Dazu findet sich keine Wort. Dieser erste Band bleibt fast ganz im Deskriptiven, er behandelt die Hagiographie nur als formales Genus, dem so, wie es hier dargestellt ist, wenig Begeisterung für eine Beschäftigung abzugewinnen ist. Es scheint, dass der zweite Band hier manche Klärung bringen wird, weswegen mir eine Trennung der beiden Bände in dieser Form fatal erscheint. Wo liegt die historische Verwendbarkeit der Hagiographie und auch die Gefahren für Interpretationen aus unserer Sicht? Es fehlt ein Methodenkapitel, und es bleibt zu hoffen, dass der zweite Band zu dieser grundsätzlichen Frage Stellung nimmt.

    Leider hat der erste Band den Rezensenten eher enttäuscht, und das hier Gebotene kann nicht so recht überzeugen, wirklich nötig zu sein und eine Lücke zu schließen. Man gewinnt den Eindruck, dass ein schon 2003 begonnenes Projekt nun endlich mit einem Band an die Öffentlichkeit treten musste. Warten wir also auf den zweiten Band, damit sich der einleitende Satz, dass ein solches Werk nicht gerechtfertigt werden muss, auch tatsächlich erfüllt.

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    PSJ Metadata
    Peter Schreiner
    S. Efthymiadis, The Ashgate Research Companion to Byzantine Hagiography (Peter Schreiner)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
    (u"(u'',)",)
    PDF document efthymiadis_schreiner.doc.pdf — PDF document, 102 KB
    S. Efthymiadis, The Ashgate Research Companion to Byzantine Hagiography (Peter Schreiner)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/MA/efthymiadis_schreiner
    Veröffentlicht am: 12.03.2013 14:35
    Zugriff vom: 22.07.2019 05:24
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