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    K. Herbers / P. Rückert, Pilgerheilige und ihre Memoria (Volker Caumanns)

    Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Klaus Herbers, Peter Rückert (Hg.), Pilgerheilige und ihre Memoria, Tübingen (narr Verlag) 2011, 277 S. (Jakobus-Studien, 19), ISBN 978-3-8233-6684-3, EUR 42,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Volker Caumanns, Berlin

    Dieser Band enttäuscht. Das liegt nicht an der Qualität der einzelnen Beiträge, sondern an der mangelnden Kongruenz zwischen Ankündigungen und Inhalten. So dachte der Rezensent dem Bandtitel gemäß zu erfahren, was das Besondere an Pilgerheiligen ist, im Unterschied zu normalen Heiligen, und welche besonderen Formen der Memoria sich mit diesen besonderen Heiligen verbinden. Bereits der Blick in das Inhaltsverzeichnis jedoch weckte die Vermutung, das im Bandtitel gegebene Thema sei von manchen Beiträgern recht frei aufgenommen worden. Die Lektüre bestätigte dann, dass die Begriffe Pilgerheilige und Memoria, entgegen der Ankündigung in der Einleitung, nicht problematisiert werden. Und auch die spezifischen Erscheinungsformen der mit den in dem Band behandelten Heiligen verbundenen Memorialkultur werden zwar vereinzelt erkennbar, aber kaum »konkreter« (S. 9) angesprochen.

    Während der Begriff Memoria immerhin hier und da als Synonym für Heiligenverehrung begegnet (exemplarisch im Beitrag von Peter Rückert, wo nach dem Zwischentitel »Odilia und ihre Memoria jenseits des Elsass im späten Mittelalter« sogleich einleitend nach »Ausprägungen« und »Gestaltung« »dieser vielschichtigen Verehrung« gefragt wird [ S. 25 ] ), verschwindet der Begriff Pilgerheilige direkt nach der Einleitung, um erst gegen Ende des Bandes in Klaus Herbers’ Beitrag als blasser Verweis auf das Oberthema noch einmal kurz aufzuscheinen (S. 238). Die vermeintlichen sprachlichen Unachtsamkeiten der Einleitung, die »folgenden Beiträge sollten (!) unterschiedliche Formen von Memoria thematisieren« (S. 8) und »wollen (!) verschiedene Gesichtspunkte der mit den Pilgerheiligen verbundenen ›Memorialkultur‹ zeigen« (S. 9), sind wohl keine. So dürfte sich auch erklären, weshalb die Herausgeber das vermeintliche Thema des Bandes und dessen zentrale Begriffe nur knapp und oberflächlich umreißen: Die einzelnen Aufsätze geben kaum Stoff, um über »Pilgerheilige und ihre Memoria« tiefergehende Bemerkungen zu machen.

    Die Beiträge des Bandes bewegen sich – anscheinend mehr dem Tagungsort Obernai und den Interessen der versammelten Beiträger geschuldet, als von den Initiatoren der Tagung und Herausgebern des Bandes beabsichtigt – in dem Themenfeld Heilige und Wallfahrt am Oberrhein. Den Anfang machen zwei Aufsätze zur heiligen Odilia, deren Grabstätte im Kloster auf dem nach ihr benannten Berg in unmittelbarer Nähe des Tagungsortes liegt. Zunächst behandelt Peter Rückert die Verbreitung der Odilienverehrung im Hoch- und Spätmittelalter, die, wie auch anhand zweier Karten ersichtlich wird, vor allem in Süd- und Mitteldeutschland beachtlich war. Am Ende bleibt die Frage, inwiefern die Odilienverehrung, deren Kern offenbar der Glaube an Odilias spezielle Wirkkraft bei der Heilung von Augenleiden war, etwas mit dem Andenken an die Heilige, mit Memoria, zu tun hatte oder eben schlicht dem Bedarf nach einer wirkmächtigen Fürsprecherin entsprach, die im Fall von Augenleiden eben Odilia hieß. Spannend wäre hier gewesen, mehr über die »laikalen Schichten« zu erfahren, die im Spätmittelalter die größten Förderer der Odilienverehrung waren (S. 30). Wer waren diese Leute, und was hat sie bewogen, Kultorte für diese Heilige zu stiften?

    Der Titel des zweiten Beitrags des Bandes von Wolfgang Schmid weckt die Erwartung, einen solchen laikalen Förderer des Odilienkultes kennenlernen zu können. Doch über die Odilienverehrung Karls IV. und die Verehrung der von dem Kaiser selbst beschafften Odilienreliquien im Prager Veitsdom scheint nur wenig in Erfahrung zu bringen zu sein. Jedenfalls verlagert Schmid seine Betrachtung nach einem Überblick über die Reliquienerwerbungen Karls IV. auf die Analyse der bildlichen Darstellungen des Prager Bischofs Johann Očko von Vlasim. Eine dieser Darstellungen, in Johanns Grabkapelle im Veitsdom, zeigt den Bischof als Zeugen des für Odilia zentralen Geschehnisses, die Erlangung der Sehkraft während ihrer Taufe. Schmid interessiert sich mehr für die Frage, inwiefern in den Darstellungen Johann Očkos Staats- oder Privatfrömmigkeit zum Ausdruck kommt, als für Odilienverehrung. Ob und inwiefern der heiligen Odilia durch Karl IV. und Bischof Johann eine besondere Verehrung zuteil wurde und diese einen Odilienkult in Prag und Böhmen begründete, bleibt offen. Das Fazit des Beitrags, in dem behauptet wird, man habe genau darüber soeben manches erfahren, ist denn auch mit lauter marginalen Fragezeichen versehen.

    In lokaler Nähe zum Grabesort Odilias wird die Kaiserin Richgard als Heilige verehrt. Über die Entwicklung ihres Kultes in dem von ihr gestifteten Kloster Andlau berichtet Racha Kirakosian. Beispiele für kleinere, oft kurzlebige Wallfahrtsorte, die aber in der Volksfrömmigkeit große Bedeutung besaßen, nicht zuletzt aufgrund der kurzen Wege zu ihnen, geben Bernhard Metz anhand elsässischer Burgkapellen und Elisabeth Clementz anhand der Nahwallfahrten in elsässische Orte der Diözese Basel. Andreas Röpcke befasst sich mit einem Mirakelbuch aus dem 15. Jahrhundert und gewährt Einblick in die Wunderberichte norddeutscher Pilger, die die Grablege des heiligen Theobald in Thann besuchten, und dokumentiert so die Popularität der Thann-Wallfahrt in Norddeutschland. Abweichend vom Titel seines Beitrags (»Der heilige Pirmin und seine Memoria in der Pfalz«), vergleicht Franz Maier die Entwicklung des Klosters Hornbach und des ursprünglich dort angesiedelten, später nach Innsbruck transferierten Pirminkultes mit jener des von Hornbach abhängigen Stiftes Zell und des dort angesiedelten Philippkultes. Wie ein Pilger idealerweise sein soll, hat der Theologe Geiler von Kaysersberg in seinem Traktat »Der bilger mit seinen eygenschafften« beschrieben. Die Genese von Geilers Auffassung über das Pilgern auf Grundlage der Schriften Johannes Gersons sowie die achtzehn von Geiler zusammengetragenen Eigenschaften des Pilgers stellt Volker Honemann vor, illustriert mit Holzschnitten aus den Drucken des Traktats. Thematisch und geographisch aus dem Rahmen fallen die beiden vorletzten Beiträge: ein »Panorama« über San Domingo de la Calzada und die Rioja (Robert Plötz) sowie eine Betrachtung der Politik Alfons’ VI. und seiner mit dieser verwobenen Förderung des Pilgerwesens (Klaus Herbers).

    Den Schluss des Bandes bildet ein »Hintergrundbeitrag«, der über Sehenswürdigkeiten entlang des von der elsässischen Jakobusgesellschaft ausgewiesenen Jakobswegs informiert – neben zahlreichen Kirchen werden hier auch die »vielen berühmten Grand-Cru-Lagen« (S. 252) gewürdigt. Irritiert blätterte der Rezensent zurück zur Einleitung, um sich zu vergewissern, dass dort tatsächlich steht, dieser Beitrag greife »aktuelle Diskussionen um die regionalen ›Pilgerwege‹« (S. 7) auf und schließe »den thematischen Bogen mit der aktuellen ›Memoria‹ des Pilgerheiligen Jakobus« (S. 9). Hier schließt sich der Bogen dieser Rezension.

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    PSJ Metadata
    Volker Caumanns
    K. Herbers / P. Rückert, Pilgerheilige und ihre Memoria (Volker Caumanns)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa
    Kirchen- und Religionsgeschichte
    Mittelalter
    4015701-5 4024055-1 4240774-6 4064460-1
    600-1500
    Europa (4015701-5), Heiliger (4024055-1), Memoria (4240774-6), Wallfahrt (4064460-1)
    PDF document herbers_caumanns.doc.pdf — PDF document, 96 KB
    K. Herbers / P. Rückert, Pilgerheilige und ihre Memoria (Volker Caumanns)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/MA/herbers_caumanns
    Veröffentlicht am: 12.03.2013 14:35
    Zugriff vom: 22.07.2019 05:30
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