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    P. Rosemann / J. McEvoy / R. Grosseteste, Robert Grosseteste at Munich (Mechthild Pörnbacher)

    Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Robert Grosseteste at Munich. The »Abbreviatio« by Frater Andreas, O. F. M., of the Commentaries by Robert Grosseteste on the Pseudo-Dionysius. Edition, Translation, and Introduction by James McEvoy (†). Prepared for Publication by Philipp W. Rosemann, Paris, Leuven, Walpole, MA (Peeters Publishers) 2012, X–131 p., 5 ill. (Dallas Medieval Texts and Translations, 14), ISBN 978-90-429-2560-1, EUR 38,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Mechthild Pörnbacher, München

    Der englische Theologe Robert Grosseteste ( Grossum Caput ; vor 1170–1253) war erster Kanzler der Universität Oxford und als solcher mit der Ausbildung der Franziskaner betraut. Er beschäftigte sich u. a. mit der Theologie des Ps. Dionysius Areopagita. Während seiner Zeit als Bischof von Lincoln übersetzte er dessen Werke aus dem Griechischen, wobei er verschiedene Handschriften heranzog, um eine solide Textgrundlage zu schaffen, und kommentierte das Corpus dionysiacum .

    In einem bisher kaum beachteten spätmittelalterlichen Florilegium, der Münchener Handschrift clm 8827, ist ein Exzerpt dieses Kommentars überliefert (fol. 75r–85r, inc. Lincolniensis particula prima capitulo primo de divinis nominibus. Omnium substantie supponitur Deus [...], expl. Postea ponit multa de missa, de ministris, de materia huius [sc. eucharistiae] sacramenti; totum patet per doctores ). Seine kritische Edition mit englischer Übersetzung und Nachweis der Quellen und biblischen Anspielungen (S. 122f.) bildet den Hauptteil des posthum erschienenen Buches des irischen Theologen James McEvoy (14.10.1943–2.10.2010). Ein Stück Wissenschaftsgeschichte also, und seinerseits ist das Büchlein bereits ein Dokument der Wissenschaftsgeschichte, weil es die Beziehungen des Editors zu München zeigt, zum Grabmann-Institut der Universität, zu Werner Beierwaltes (vgl. S. 40) und zum Franziskanerkloster, dessen Konventualen es gewidmet ist. McEvoy war zudem ein ausgewiesener Robert-Kenner (vgl. auch seinen einschlägigen Artikel im Lexikon des Mittelalters VII, 1995, Sp. 905–907).

    Der Codex enthält auf 425 Blättern Auszüge vor allem aus Werken Augustins, des Pseudo-Dionysius, Bernhards von Clairvaux und der Viktoriner (vgl. S. 6–9). Der größte Teil, bis fol. 381r, ist um 1430 von der Hand eines Franziskaners, Frater Andreas, geschrieben (vgl. z. B. fol. 65r ora pro me fratre Andrea de ordine minorum ). Mehr zu seiner Person ist nicht mehr festzustellen, als dass er wahrscheinlich der süddeutschen Provinz angehört hat. Das Florilegium scheint er zu seinem persönlichen Gebrauch für Studium und Seelsorge angelegt zu haben.

    Seit dem Konzil von Konstanz (1414–1418) ist Roberts Name auf dem Festland wieder im Schwang (vgl. S. 2 u. ö.). Die Exzerpte von Frater Andreas sind ein Zeugnis der Rezeption von Roberts Kommentarwerk (vgl. S. 27ff.). Dem Kommentarexzerpt aus Robert Grosseteste gehen Auszüge aus den Kommentaren des Viktoriner-Theologen Thomas Gallus oder von Vercelli voran (fol. 66r–74v; vgl. ferner zu ihm die Einträge im Index S. 131), mit dessen Arbeiten sich Robert auch auseinandergesetzt hat.

    Von großem Interesse sind die Glossierungen von mehreren zeitgenössischen Händen, darunter Anmerkungen in einer auffällig feinen, regelmäßigen Schrift von einem Leser oder einer Leserin, den oder die McEvoy »Finehand« nennt. Dem Inhalt der Glossen ist ein eigener Abschnitt der Einleitung gewidmet. Sie lassen Rückschlüsse auf franziskanische Frömmigkeit zu, besonders eine Glosse fol. 78v zu den sieben Stufen der mystischen Theologie nach Bruder Aegidius (vgl. den überzeugenden Kommentar des Editors S. 31 ff.). Die Neigung des Glossators zu Mystik und spekulativer Theologie wirft zudem ein Licht auf die Frömmigkeit seiner Zeit.

    Zwei Besitzvermerke geben Anhaltspunkte für den Weg der Handschrift in den Münchener Franziskanerkonvent. Um 1450 war der Codex im Besitz von Nikolaus Eiffler OFM Obs., der dem Umkreis von Johannes Kapistran († 1456) zuzurechnen ist. Nikolaus gab ihn 1452 weiter sororibus in Berpach (Eintrag auf dem vorderen Innendeckel); der Herausgeber vermutet darin eine Gemeinschaft von Beginen in Beerbach bei Abenberg. Später schrieb Guardian Johannes Haydl OFM Conv. († 1475), der dem Münchener Franziskanerkonvent angehörte, seinen Namen in das Buch. Er ist im berühmten Stifterbuch des Klosters erwähnt. Nach seinem Tod wiederum ging die Handschrift in die Klosterbibliothek und nach der Säkularisation in die Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek ein. McEvoy zeichnet in diesem Zusammenhang in ihren wesentlichen Zügen die Geschichte des Münchener Franziskanerklosters und seiner Bibliothek nach, die Vorgänge der Säkularisation, die Anfänge der Bayerischen Staatsbibliothek und die Leistung Johann Andreas Schmellers, der die einzelnen Bibliotheken »wieder contrerevolutioniert« hat (Zitat aus den Tagebüchern zum 6.8.1833, vgl. S. 22 Anm. 44), und schließlich die Rettung der Bestände im Zweiten Weltkrieg durch Paul Ruf. Den Umschlag ziert ein Aquarell von Giovanni Maria Quaglio mit der Ansicht des später niedergelegten Franziskanerkonvents am heutigen Max-Joseph-Platz. Vier weitere Abbildungen illustrieren diesen Abschnitt.

    Eine Beobachtung sei zur Beschreibung der Handschrift nachgetragen. Auch wenn es unerwähnt bleibt, ist es naheliegend, dass es sich um eine Papierhandschrift handeln muss. Eine Auswertung der Wasserzeichen freilich könnten die Vermutungen zu Datierung und Herkunft der Handschrift präzisieren. Neben einem Bären kommen am häufigsten Krone und Traube vor (Gerhard Piccard, Die Kronen-Wasserzeichen. Findbuch I der Wasserzeichenkartei Piccard im Hauptstaatsarchiv Stuttgart. Stuttgart 1961, Abt. I, Nr. 322; vgl. ibid. S. 16f., und Wasserzeichen Frucht. Findbuch XIV, 1983, I Traube, Nr. 498: Basel, Mainz u. a., 1432; jetzt auch www.Piccard-online.de ).

    Auch die Pergamentfragmente von Urkunden als Einbandspiegel hätten eine ausführlichere Erwähnung und Beschreibung verdient. – Zu korrigieren wäre S. 26 oben contentivorum zu contentivum . Neben anderen kleinen Flüchtigkeiten ist in der Edition S. 80 zu Anfang von fol. 80r über ignorancie die Glosse von »Finehand« nachzutragen: cuius obiectum est purum nihil (nachzuvollziehen am Frontispiz; übersehen wurde auch die Glosse unten rechts).

    Sorgfältige Verzeichnisse der zitierten Manuskripte, der Bibelstellen und der (mittelalterlichen wie modernen) Namen erschließen viele wertvolle Informationen.

    Mögen Detailfragen offenbleiben, zeigt sich doch in allen Bereichen McEvoys Vertrautheit mit der Materie. So wird ein kleiner Ausschnitt aus einer Münchener Handschrift exemplarisch zu einem anschaulichen Kapitel spätmittelalterlicher Geistesgeschichte.

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    PSJ Metadata
    Mechthild Pörnbacher
    P. Rosemann / J. McEvoy / R. Grosseteste, Robert Grosseteste at Munich (Mechthild Pörnbacher)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Hohes Mittelalter (1050-1350)
    Bayern, Deutschland / Mitteleuropa allgemein
    Lateinische Literatur
    15. Jh., Mittelalter
    4015701-5 11869815X 4023287-6 1025794303
    1168-1253
    Europa (4015701-5), Grosseteste, Robertus (11869815X), Handschrift (4023287-6), Sammelhandschrift Bayerische Staatsbibliothek Clm 8827 (1025794303)
    PDF document mcevoy_poernbacher.doc.pdf — PDF document, 107 KB
    P. Rosemann / J. McEvoy / R. Grosseteste, Robert Grosseteste at Munich (Mechthild Pörnbacher)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/MA/mcevoy_poernbacher
    Veröffentlicht am: 12.03.2013 16:25
    Zugriff vom: 22.07.2019 05:24
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