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R. Mullally, The Carole (Valeska Koal)

Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Robert Mullally, The Carole. A Study of a Medieval Dance, Aldershot, Hampshire (Ashgate Publishing) 2011, XVI–148 p., ISBN 978-1-409-41248-9 , GBP 50,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Valeska Koal, Berlin

Die von Robert Mullally vorgelegte Studie nähert sich den äußerst vielfältigen Zeugnissen zur mittelalterlichen Tanzkultur aus philologischer Perspektive. Mullally konzentriert sich dabei auf den sprachlichen Terminus carole , der seit dem 12. Jahrhundert in zahlreichen französischsprachigen Quellen als Bezeichnung für eine Tanzform erscheint und von ihm anhand der literarischen, ikonographischen und musikalischen Überlieferung näher bestimmt wird.

Mullally stellt gleich zu Beginn der Untersuchung seine Grundthesen auf und präzisiert dann einzelne Aspekte zusammenfassend am Ende jedes Kapitels: Die carole kann als eine der meisterwähnten wie auch praktizierten Tänze des Mittelalters gelten und unterscheidet sich deutlich von anderen Tanzformen der Zeit. Es handelt sich um einen Gruppentanz, der von einer beliebigen Anzahl von Personen beiderlei Geschlechts ausgeführt werden konnte. Die carole bezeichnet daher entgegen der Auffassung einiger Forscher keine frühen Formen von Paartänzen, die generell für das Mittelalter nicht zweifelsfrei zu belegen sind. Wie man zunächst aufgrund der simplen Choreographie vermuten könnte, auf die Mullally in einem gesonderten Kapitel eingeht, ist die carole kein genuin bäuerlicher Tanz, sondern wurde in allen sozialen Schichten bis hinein in die höfische Sphäre praktiziert. Der Terminus carole als Referenz auf einen Tanz taucht nach 1400 in der französischen Schriftsprache nicht mehr auf.

Mullally diskutiert zunächst unter vorwiegender Berücksichtigung der englischen und französischen Forschungsliteratur die unterschiedlichen Thesen zur etymologischen Herleitung des Wortes carole und führt dazu zahlreiche Quellenbelege auf. Auffallend erscheint die Ableitung der carole aus den lateinischen Wörtern chorus und chorea , etwa im »Dictionarius« des Johannes von Garlandia aus dem frühen 13. Jahrhundert (choream, Gallice charole, ab hoc nomine chorus). Zu den ältesten Belegen gehört Geoffrey de Monmouths »Historia Regum Britannie« (1135–1138), die den Kultort Stonehenge in Anlehnung an eine alte bretonische Tradition als chorea gigantum , als Tanz der Riesen, beschreibt (in der französischen Fassung von Wace: Bretun les suelent en bretanz Apeler carole as gaianz ). In der latinisierten Form chorus bzw. als Diminutiv chorolla begegnet der Tanz in der Legende der Tänzer von Kölbigk aus dem 11. Jahrhundert, die von weihnachtlichen Tanzexzessen in einem kleinen sächsischen Dorf berichtet ( Conserimus manus et chorollam confusionis in atrio ordinamus ). Als Beispiel für die umfangreiche biblische Tradition führt Mullally den Oxford Psalter der Bodlein Library aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts an mit einer anglo-normannischen Übersetzung der lateinischen Vulgata (Psalm 149, Vers 3: Lódent le num de lui en caróle ). Trotz dieser offensichtlichen Gleichsetzung in zahlreichen mittelalterlichen Schriftquellen kommt Mullally zu dem Schluss, dass die lateinischen Synonyme chorus und chorea nicht als sprachliches Etymon für die französische carole gelten können. Plausibler erscheint ihm vielmehr die These Laurentius Diefenbachs, der in seinem »Glossarium Latino-Germanicum« von 1857 eine Herleitung aus dem griechischen Etymon XOPAYΛHΣ > choraules, d. h. »der den Tanz mit der Flöte begleitet«, für wahrscheinlich hält, aus dem sich das lateinische choraula und daraus die französische carole ableite.

Die Tatsache, dass keine schriftlich fixierten Choreographien von Tänzen vor dem 15. Jahrhundert existieren, könnte zunächst zu dem Schluss verleiten, dass die charakteristischen Merkmale des Tanzes nicht eindeutig zu bestimmen sind. Mullally kommt dagegen auf der Basis der schriftlichen wie ikonographischen Überlieferung zu dem Schluss, dass es sich um einen Rundtanz handelt, bei dem sich die Tanzenden an den Händen gefasst mit einfachen Seitwärtsschritten nach links bewegen. Diese Wendung nach links wird in spätmittelalterlichen Predigttexten häufig als Symbol des Teufels und der Sünde gedeutet, was auf die implizit negative Konnotation von gemischtgeschlechtlichen Tänzen bzw. des Tanzes im Allgemeinen hinweist, so z. B. bei Jacques de Vitry: Chorea enim circulus est, cuius centrum est diabolus; et omnes vergunt in sinistram, quia omnes tendunt ad mortem eternam (S. 49). Mullally grenzt die carole auch von den Tanzformen bal , danse und tresche ab, die in den Quellen als Bezeichnung für theatralische Tanztypen, frühe Formen von Paartänzen und Kettenreigen verwendet werden.

Da die carole wie alle Tänze des Mittelalters vor allem vokal begleitet wurde, untersucht Mullally im Folgenden die zugrunde liegenden lyrischen und musikalischen Formen. Charakteristische Tanzliedtypen, die von einfachen Triplets und Stanzen bis hin zu den komplexeren Formen des Rondeau oder Virelai reichen, finden sich z. B. im »La Vallière Codex« oder im »Codex Montpellier« (Bibl. Interuniv. de Médecine, ms. H 196), der neben polyphonen Motetten eine Reihe von monophonen Tanzmelodien tradiert. Dabei kommt Mulllally auch auf die zahlreichen Notations- und Überlieferungsprobleme zu sprechen, denn insbesondere die frühen Quellen des 13. Jahrhunderts, darunter »Le Roman de la Rose ou de Guilllaume de Dole« oder »Le Roman de la Violette«, enthalten zwar Tanzlyrik, aber nicht die dazu gehörige Musik. Als Beispiel für die Einbettung der Musik in den dichterischen Kontext kann Mullally lediglich eine Handschrift des französischen Romans »Le Restor du Paon« ausmachen, in dem das vollständige Notat des Tanzliedes Ensi va – in der für das Rondeau typischen Form ABaAabAB – in direktem Bezug zum Text steht (S. 81 und Abb. 3). Hinzu kommt, dass die überlieferten Tanzlieder sowohl für die carole als auch für die tresche die Grundlage bilden, denn in keiner Quelle werden die musikalischen Notate explizit als carole betitelt. Selbst die Ikonographie ist hier nicht immer eindeutig. Mehrere Anhänge mit musikalischen Beispielen, Handschriftenbelegen zur Ikonographie und Liedtexten sowie eine umfangreiche Bibliographie ergänzen Mullallys Ausführungen.

Mullallys philologische Studie präsentiert eine Fülle von Belegen, die in ihrer umfassenden sprachlichen Kontextualisierung und Deutung einen wichtigen Beitrag zur mittelalterlichen Tanzgeschichte liefern. Darüber hinaus gelingt es Mullally, die engen Bezüge zwischen Tanz/Bewegung, Musik und Dichtung aufzuzeigen, die für die vokal geprägte Kultur des Mittelalters so charakteristisch sind. Allerdings nimmt Mullally keine sozio-historische Einordnung des Phänomens »Tanz« vor. Bezugnehmend auf die Entwicklung der carole werden z. B. die Aufführungsorte und -anlässe sowie die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die im Laufe des Mittelalters signifikanten Wandlungen unterliegen, nicht näher beleuchtet. Auch wird nicht eingehender herausgearbeitet, warum die carole gegen Ende des Mittelalters in den Quellen nicht mehr auftaucht, was vor allem mit der neuen franko-burgundischen Tanzkultur des 15. Jahrhunderts und der zunehmenden Dominanz der Paartänze in Form der bassedanse im höfisch-adeligen Umfeld zusammenhängt. Reigenformen sind unter anderer Bezeichnung zwar weiter nachweisbar, z. B. in den französischen branles , die bis weit in das 17. Jahrhundert nicht nur im ländlichen und städtischen Milieu, sondern auch am französischen Königshof praktiziert wurden. Sie verlieren aber ihren prägenden Einfluss in der höfischen Gesellschaft, die von einer zunehmenden Individualisierung und Differenzierung im Bewegungsverhalten gekennzeichnet ist.

Konzentriert sich Mullally in seiner Studie vorwiegend auf die romanischen Sprachzeugnisse, so hätte doch eine dezidierte Untersuchung von lateinischen Quellen des Spätmittelalters eine Ausdifferenzierung und Zuspitzung der Thesen ermöglicht. Die Tanzkultur des Mittelalters erweist sich danach als im Kern universal und sprachübergreifend, was sich an einer Fülle von Übersetzungen, Transkriptionen und Bearbeitungen literarischer wie religiöser Stoffe niederschlägt. Hier ist vor allem an die umfangreiche Predigtliteratur des Spätmittelalters zu denken, die das sündhafte Tanzen immer wieder zum Thema macht. In einer flandrischen Predigt des späten 14. Jahrhunderts (Codex Vat. Borghese 44) mit zahlreichen Textzeugen im mitteleuropäischen Raum werden z. B. die im Lateinischen, Französischen und Mittelhochdeutschen gebräuchlichen Termini chorea , carole und dans einander gegenüber gestellt und etymologisch aus der Heiligen Schrift hergeleitet. Aber auch die spätmittelalterlichen Rechtsquellen liefern eine Fülle von Belegen zur carole , die vor allem die zunehmende schichtspezifische Einschränkung von Gruppentänzen im öffentlichen Raum bezeugen. Hier ergibt sich ergänzend ein reichhaltiges Untersuchungsfeld.

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PSJ Metadata
Valeska Koal
R. Mullally, The Carole (Valeska Koal)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350)
Frankreich und Monaco, Großbritannien
Sozial- und Kulturgeschichte
Mittelalter
4014770-8 4018145-5 7757305-5 4020588-5 4177560-0 4059028-8
1100-1400
England (4014770-8), Frankreich (4018145-5), Carole Tanz (7757305-5), Gesellschaft (4020588-5), Reigen (4177560-0), Tanz (4059028-8)
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R. Mullally, The Carole (Valeska Koal)
In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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Veröffentlicht am: 12.03.2013 14:25
Zugriff vom: 22.07.2019 05:23
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