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J. Schenk, Templar Families (Christian Vogel)

Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

Jochen Schenk, Templar Families. Landowning Families and the Order of the Temple in France, c. 1120–1307, Cambridge (Cambridge University Press) 2012, XVI–339 p. (Cambridge Studies in Medieval Life and Thought. Fourth Series), ISBN 978-1-107-00447-4, GBP 60,00.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Christian Vogel, Saarbrücken


Diese in Cambridge unter der Leitung von Jonathan Riley-Smith entstandene Dissertation beschäftigt sich mit der Vernetzung des Templerordens mit Familien des niederen Adels bzw. mit den Land besitzenden Schichten in weiten Teilen des heutigen Frankreich. Dort war, betrachtet man die Herkunft der meisten Ordensmitglieder, der Ursprung und das Kernland des Ordens, der zu Beginn der 1120er Jahre in Jerusalem gegründet und bereits unter seinem ersten Ordensmeister Hugo von Payns zu rascher, europaweiter Bekanntheit gelangte. Der Orden unterhielt ein nahezu das gesamte Abendland umspannendes Netz von Kommenden, die als Nachschubbasen für den kämpfenden Teil des Templerordens im Heiligen Land fungierten. Die Kommenden waren in erster Linie landwirtschaftliche Wirtschaftseinheiten, die aus den zahlreichen Schenkungen bestanden, welche die Templer vom lokalen Adel erhielten. Außerdem wurden dort neue Mitglieder aufgenommen, die in der Regel von dort ins Heilige Land geschickt wurden. Dies setzt eine Verankerung in der Gesellschaft und eine Vernetzung mit dem lokalen Adel oder besser gesagt den dort ansässigen besitzenden Familien voraus. Diese Vernetzung im Gebiet des heutigen Frankreich zu beleuchten, hat Jochen Schenk sich zum Ziel gesetzt.

Als leitende Fragestellungen skizziert Schenk das »Wie« und das »Warum« der Generationen überdauernden Verbindung ganzer Familien und sozialer Netzwerke mit dem Templerorden bzw. dessen nachhaltiger Förderung. Die Auswahl von Burgund, der Champagne und dem Languedoc als geographischen Untersuchungsraum ermöglicht den Vergleich der unterschiedlichen Mentalitäten, die im Norden und im Süden des heutigen Frankreich auszumachen sind.

Nach Schenks Ausgangsthese haben die Templer ihre Unterstützung von solchen meist eng miteinander verwandten Familien erhalten, die stark von der religiösen Reformbewegung des Hochmittelalters beeinflusst und in der Kreuzzugsbewegung engagiert waren. Die Arbeit ist in fünf Hauptkapitel unterteilt, deren erstes der Untersuchung der verschiedenen Möglichkeiten, Laien an den Orden zu binden, gewidmet ist. Der Autor konstatiert deutliche Veränderungen um das Jahr 1200, während zuvor verschiedene Formen der Assoziierung ( donati , confratres ) nebeneinander existierten. Die Bindung von assoziierten Laien an den Orden konnte dabei so eng sein, dass diese jahrelang gemeinsam mit den Ordensbrüdern lebten, ohne je die Gelübde abgelegt zu haben, und sogar Verwaltungsfunktionen übernahmen. Im zweiten Kapitel untersucht Schenk das Zusammenspiel der sich ausweitenden religiösen Reformbewegung und der Unterstützung einzelner Familien für die Templer. Besonders im Blick stehen dabei die Zisterzienser und Bernhard von Clairvaux, der die Templer gefördert hatte. Familiäre Netzwerke, deren soziale Bedeutung und praktische Konsequenzen sind die Themen des dritten Hauptkapitels, während im vierten die Frage nach dem kollektiven Zusammenwirken dieser Netzwerke gestellt wird. Im letzten Teil beleuchtet der Autor schließlich die Bedeutung der Kreuzzüge und der Kreuzzugserfahrung und deren Auswirkungen auf die Unterstützungsbereitschaft gegenüber den Templern, jeweils im Kontext familiärer Traditionen.

Die Unterstützung für die Templer konnte, so das Resümee der Arbeit, verschiedene Formen annehmen. Auf der Suche nach den Gründen ließen sich deutliche Parallelen und Verbindungen zu den Zisterziensern ausmachen. Bedingt durch die Aktivitäten Bernhards von Clairvaux, waren die Templer den Idealen der Zisterzienser eng verbunden. Viele Familien haben sowohl die Zisterzienser als auch die Templer unterstützt; zwischen den jeweiligen Ordensmitgliedern bestanden zahlreiche familiäre Verbindungen. Die Bindungen zwischen den Templern und einzelnen Familien konnten, wie Schenk nachweist, durchaus bis zu 180 Jahre Bestand haben. Dabei waren für die Begründung der Anbindung an den neuen Orden die Bewunderung und die Identifikation mit dessen Idealen ausschlaggebend, während es im Laufe der Zeit eher darum ging, bestehende Verbindungen zu erhalten, sei es um ökonomische oder militärische Verbündete zu haben, Transportmöglichkeiten, welche die weitgespannten Organisationsstrukturen der Templer boten, zu nutzen, oder einfach um der Sicherheit willen. Dabei zeigte sich die Vielschichtigkeit der Unterstützung sowie der Bedeutung familiärer Bindungen. Schenk führt das Beispiel der Grafen von Comminges an, deren Verwandte einschließlich der Mitglieder verschwägerter Familien entweder persönlich oder durch Schenkungen mit dem Orden verbunden waren. In den weiteren Untersuchungen macht der Autor jedoch deutlich, dass die treibende Kraft innerhalb der zahlreichen betrachteten Familien nicht etwa allein die Verbindung zu den Templern war, sondern eher ein mindset , die gemeinsam verfochtene Ideologie, die aus den religiösen Reformbewegungen des Hochmittelalters und der Kreuzzugsidee gespeist wurde. Hinzu kam das familiäre Traditionsbewusstsein, das auch solchen Familienmitgliedern die Teilnahme am Kreuzzug oder den Beitritt zum Templerorden abzwang, die selbst kein Interesse daran hatten. Ebenso lässt sich beobachten, wie Templer ihre Familien zu Schenkungen bewegten.

Interessant ist auch die Beobachtung Schenks, dass die Templer während der Albigenserkriege keinerlei Affinität zum Katharismus oder zu den Katharern zeigten. Im Gegenteil, Familien, die der Häresie zuneigten, verschwanden aus den Templerquellen, sei es weil die Templer den Kontakt abbrachen, oder weil die Familien sich von den Templern trennten, die mit den Kreuzfahrern aus dem Norden kollaborierten.

Die Quellengrundlage, derer sich Schenk bediente, besteht zum überwiegenden Teil aus Urkunden, edierten wie unedierten. Auch im Rahmen einer solchen Arbeit wird wieder einmal deutlich, welche Bedeutung die Collection d’Albon, die handschriftliche Sammlung von Templerurkunden, die der Marquis d’Albon vor gut hundert Jahren anlegte, weiterhin für die Erforschung der Templer und ihrer Umgebung besitzt. Zudem wird der Wert der Urkunden als Quellen für wirtschaftsgeschichtliche Fragestellungen und die Erforschung von Netzwerken deutlich. Die Arbeit schöpft aus diesem umfangreichen Urkundenmaterial – neben den archivalisch überlieferten Quellen enthält das Quellenverzeichnis überwiegend Urkundeneditionen – und ist mit einer Vielzahl an konkreten Beispielen zu jeder Aussage angereichert. Den Überblick nicht zu verlieren, helfen die Genealogien zu den wichtigsten Familien im Anhang des Buches, der durch einen Index (zugleich Sach-, Personen- und Ortsindex) beschlossen wird. Mit diesem gelungenen Werk wird die soziale und ökonomische Verwurzelung des Ordens in der Gesellschaft als Bedingung für sein Funktionieren detailliert und umfassend aufgearbeitet.

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PSJ Metadata
Christian Vogel
J. Schenk, Templar Families (Christian Vogel)
CC-BY-NC-ND 3.0
Hohes Mittelalter (1050-1350)
Frankreich und Monaco
Kirchen- und Religionsgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
Mittelalter
4018145-5 4016397-0 4042976-3 4134088-7
1120-1307
Frankreich (4018145-5), Familie (4016397-0), Oberschicht (4042976-3), Templerorden (4134088-7)
PDF document schenk_vogel.doc.pdf — PDF document, 99 KB
J. Schenk, Templar Families (Christian Vogel)
In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/MA/schenk_vogel
Veröffentlicht am: 12.03.2013 16:20
Zugriff vom: 25.02.2020 07:50
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