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    K. Witthinrich, ... si negotio ecclesiae videtur expedire (Jochen Johrendt)

    Francia-Recensio 2013/1 Mittelalter – Moyen Âge (500–1500)

    Kai Witthinrich, … si negotio ecclesiae videtur expedire. Die Päpste des Mittelalters zwischen Eherecht und Heiratspolitik. Eine typologische Untersuchung, Husum (Matthiesen Verlag) 2011, 556 S., 1 CD-ROM, Anhang: Ausgewählte Herrscher- und Adelsfamilien, Papsturkunden zu Ehesachen in Regestenform (1198–1378) (Historische Studien, 500), ISBN 978-3-7868-100-6, EUR 69,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Jochen Johrendt, Wuppertal

    Die Hagener Dissertation beginnt mit der Spätantike und endet mit Gregor XI. (1370–1378) – eine gewaltige Zeitspanne für eine Dissertation, zumal auch noch ein Ausblick bis zum Tridentinum angefügt ist. Die Arbeit will nichts Geringeres, als »einen Gesamtüberblick über die Entwicklung der päpstlichen Einflussnahme auf Eherecht und Ehepolitik geben« (S. 11f.). Dabei soll es sowohl um die Entwicklung des kirchlichen Eherechts und den päpstlichen Einfluss darauf gehen als auch um das tatsächliche Eingreifen der Päpste in Eheangelegenheiten, ebenso um die Frage der Akzeptanz, Durchsetzungskraft und der Auswirkungen des konkreten päpstlichen Handelns auf lange Sicht. Bei einem so beschriebenen Unternehmen denkt man zunächst eher an das Alterswerk eines Forschers, der sich bereits seit Jahrzehnten mit der Thematik beschäftigt hat, als an eine Dissertation. Die Komplexität ist, nicht zuletzt angesichts der zu behandelnden über tausend Jahre, hoch – und so bekennt der Autor auch freimütig, dass ihm »zweifelsohne aktuelle Schriften und neuere Forschungsergebnisse entgangen« (S. 12) seien. Die Quellenbasis, auf die sich der Autor dabei stützt, sind für die Zeit vor 1198 vorrangig im Rahmen der Monumenta Germaniae Historica edierte Quellen sowie die Drucke bei Migne; für die Zeit ab 1198 stützt er sich auf die päpstlichen Register.

    Zunächst zeichnet Witthinrich die Entwicklung von Papst Clemens I. und dem römischen Eherecht über Konzilien, Augustinus und Leo den Großen unter dem Kapitel »Das Erbe der Spätantike« nach (S. 17–30). Bis in die Karolingerzeit hinein werden hauptsächlich Verlautbarungen der Päpste zu Ehehindernissen – in Einzelfällen auch Ratschläge, was dann unter die Rubrik Heiratspolitik fällt – gesammelt und chronologisch aneinandergereiht. Einen Höhepunkt erreichen die päpstlichen Interventionen, denen immer eine Anrufung des Papstes vorausging, schließlich mit der – bekannten und von der Forschung gründlich behandelten – versuchten Ehescheidung Lothars II. 1 Rasch geht es nach Byzanz und zu den Bulgaren weiter. Doch obwohl zusammenfassende und linienbildende Abschnitte häufig fehlen, wird deutlich, dass sich am Beispiel der Ehepolitik eine starke Aktivität des Papstes unter Nikolaus I. und noch Johannes VIII. feststellen lässt, während die aufgeführten päpstlichen Ausführungen zu Eheangelegenheiten am Beginn des saeculum obscurum zutage fördern: »Das Interesse der Päpste am eigenen Primat und die Möglichkeiten zur Durchsetzung ihrer Lehrautorität über die gesamte Christenheit war zu Beginn des 10. Jahrhunderts auf einen Tiefstand gesunken« (S. 94). Mit dem Ende des 10. Jahrhunderts untersucht Witthinrich dann immer stärker die Ehepolitik, die nun deutlicher fassbar wird, beginnend mit dem französischen König Robert dem Frommen und dem Hammersteiner Eheprozess. Die chronologische Abhandlung diverser Eheangelegenheiten setzt sich so bis 1378 fort, indem auf sehr knappem Raum auch komplizierte Fälle dargelegt werden. Die nähere Analyse der päpstlichen Motivationen in den Einzelfällen muss dabei zugunsten der Gesamtschau zurückstehen. Unterbrochen wird der chronologische Durchzieher von kleineren Exkursen, wie beispielsweise zum Decretum Gratiani (S. 175–177). Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 456–477), in der beispielhaft auch die regionale Verteilung der Ehedispense nach einzelnen Pontifikaten auf Karten veranschaulicht werden. Dabei werden einzelne Pontifikate als unnachgiebiger gezeichnet, andere als konzilianter in Ehefragen.

    Der Anhang ist ein 444-seitiges PDF-Dokument, das auf den Seiten 13–444 ca. 4300 »Papsturkunden zu Ehesachen in Regestenform« bietet. Dies ist eine enorme Fülle und veranschaulicht nochmals, auf welcher breiten Basis die Arbeit aufbaut. Es ist jedoch offensichtlich mehr ein Hilfsmittel zur Erstellung der Arbeit gewesen, von einer Aufarbeitung in Regestenform mit dem Nachweis der Überlieferungsträger, Drucke, anderer Regesten und Literatur kann keine Rede sein, was den Rahmen der Dissertation jedoch auch bei Weitem gesprengt hätte. Es ist ein Nachweis der Fundstellen des Autors (meist in den Registern) zu Eheangelegenheiten.

    Das Quellen- und Literaturverzeichnis wirkt angesichts der Weite der Untersuchung mit 35 Seiten geradezu dünn. Die dabei zum Teil mangelnde Sorgfalt sei am Beispiel der Papsturkunden von Harald Zimmermann verdeutlicht: Diese werden anstatt als Denkschrift der Österreichischen Akademie nicht nur schlicht als eine Veröffentlichung der Historischen Kommission ausgewiesen (wobei dann ja auch schon der Verlagsort Wien hätte stutzig machen müssen), sondern sie werden – und das geht an die wissenschaftliche Substanz – in der ersten Auflage benutzt, in der durch den Einfluss von Rathsack 2 etliche echte Urkunden noch als Fälschungen ausgewiesen wurden, was in der zweiten Auflage korrigiert wurde 3 . Und auch die Regesten Zimmermanns im Rahmen der Regesta Imperii zu den Päpsten der Ottonenzeit werden in der ersten und nicht in der korrigierten zweiten Auflage benutzt 4 .

    Obwohl es Witthinrich gelingt, an einigen Stellen Entwicklungslinien herauszuarbeiten, so bleibt die gesamte Arbeit recht deskriptiv. Das rein chronologische Vorgehen setzt jedoch einen einheitlichen Rechtsraum voraus, wenn Interventionen in Bulgarien auf solche im Reich nördlich der Alpen folgen, dann ein englischer Fall, dann ein spanischer, dann ein unteritalienischer etc. Die Akzeptanz päpstlicher Entscheidungen ist jedoch zu einem nicht unwichtigen Anteil immer durch die Situation in den von ihr betroffenen politischen Gebilden bedingt. Hier wäre es sicherlich ratsamer gewesen, strukturiert vorzugehen, nach Ländern und Themen, vergleichbare Ausgangslagen zu bündeln oder Ähnliches. Vielleicht ist die Rolle des Papstes an einigen Stellen zum Früh- und Hochmittelalter auch überbewertet, wenn die Päpste immer wieder als der aktive Part, als treibende Kraft einer aktiven Ehepolitik dargestellt werden (»Wiederaufleben gesetzgeberischer Aktivitäten«, S. 43 über Gregor II., »ein neuer Ansatz, der [...] päpstlichen Autorität in Ehefragen wieder Geltung zu verschaffen, ging von [...] Gregor V. [...] aus«, S. 101).

    Witthinrich will, wie eingangs gesagt, einen Gesamtüberblick bieten – und die Arbeit, die er in dessen Bewältigung steckte, ist sicherlich enorm gewesen. Doch hat es bei der Erstellung des Überblicks immer wieder an der entsprechenden Sorgfalt gefehlt. Dass zu löschende Spatia häufig stehen geblieben sind, ß in Versalien nicht in ss umgewandelt, Wörter in Sätzen doppelt vorkommen etc., sind Fehler, die einfach zu beheben gewesen wären und die den Leser immer wieder ärgern. Doch handwerklich nicht hinzunehmen ist es, wenn Quellen aus zweiter Hand zitiert werden, ohne die kritische Edition selbst eigesehen zu haben (so z. B. S. 23, Anm. 49; S. 105, Anm. 24; S. 117, Anm. 24; S. 118, Anm. 32 etc.). Das ist vor allem bei den Ausgaben, die im Rahmen der MGH jederzeit und bequem einzusehen sind, nicht nachzuvollziehen. Die Sorgfalt im Umgang mit den Quellen ist generell nicht allzu groß. Wäre es beim Register Gregors I. sicherlich ratsam gewesen, neben der MGH-Ausgabe auch die Edition von Norberg 5 zu benutzen und nicht auf Migne zurückzugreifen, so ist es schlicht nicht hinzunehmen, dass etwa die Briefe des Bonifatius nach der Ausgabe von Dümmler in den MGH Epp. 3 benutzt werden, und nicht nach der Ausgabe von Tangl in MGH Epp. sel. 1, für die Touler Vita Leos IX. wäre nicht die Ausgabe von Watterich (und noch dazu aus zweiter Hand!), sondern die 2007 im Rahmen der MGH erschienene Ausgabe 6 zu benutzen gewesen etc.

    Angesichts dieser gravierenden Mängel steht der Mehrwert der Zusammenschau zwar nicht in Frage, doch der Benutzer wird gut daran tun, die Angaben immer wieder selbst zu überprüfen. Vielleicht wäre weniger, das dafür aber gründlicher und methodisch sauber, mehr gewesen.

    1 Vgl. jetzt J. F. Böhmer, Regesta Imperii, I. Die Regesten des Kaiserreichs unter den Karolingern 751–918 (926/962). Bd. 4: Papstregesten, 800–911, Teil 2: 844–872, Lfg. 2. 858–867 (Nikolaus I.), bearb. von Klaus Herbers, Köln, Weimar, Wien 2012.

    2 Mogens Rathsack, Die Fuldaer Fälschungen. Eine rechtshistorische Analyse der päpstlichen Privilegien des Klosters Fulda von 751 bis ca. 1158, wiss. betreut von Harald Zimmermann, 2 Bde., Stuttgart 1999 (Päpste und Papsttum, 24).

    4 J. F. Böhmer, Regesta Imperii, II. Sächsische Zeit, 5. Abt.: Papstregesten 911–1024, bearb. von Harald Zimmermann, Wien, Köln, Weimar 2 1998.

    5 S. Gregorii Magni Registrum Epistularum, hg. v. Dag Norberg , 2 Bde., Turnhout 1982 (Corpus Christianorum. Series Latina, 140–140A).

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    Jochen Johrendt
    K. Witthinrich, ... si negotio ecclesiae videtur expedire (Jochen Johrendt)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Antike (1200 v.Chr.-600 n.Chr.), Frühes Mittelalter (600-1050), Hohes Mittelalter (1050-1350), Spätes Mittelalter (1350-1500)
    Europa nördlich und westlich der Italienischen Halbinsel / Alte Welt
    Kirchen- und Religionsgeschichte, Politikgeschichte
    Mittelalter
    4015701-5 4000464-8 4013657-7 4073199-6 4133772-4 4044561-6 4044562-8 4046514-7
    500-1563
    Europa (4015701-5), Adel (4000464-8), Eheschließung (4013657-7), Kanonisches Recht (4073199-6), Kirchliches Eherecht (4133772-4), Papst (4044561-6), Papsturkunde (4044562-8), Politik (4046514-7)
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    K. Witthinrich, ... si negotio ecclesiae videtur expedire (Jochen Johrendt)
    In: Francia-Recensio 2013/1 | Mittelalter - Moyen Âge (500-1500)
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    Veröffentlicht am: 12.03.2013 14:25
    Zugriff vom: 22.07.2019 05:24
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