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J. Dreyfus / D. Langton, Writing the Holocaust (Susanne Heim)

Francia-Recensio 2013/1 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Jean-Marc Dreyfus, Daniel Langton (ed.), Writing the Holocaust, London (Bloomsbury Academic) 2011, XII–192 p., ISBN 978-0-34099-189-3, GBP 19,99.

rezensiert von/compte rendu rédigé par

Susanne Heim, Berlin

Der vorliegende Sammelband ist in der Reihe Writing History erschienen, mit der Geschichtsschreibung im engeren Sinne befasst er sich jedoch nicht. Vielmehr stellen die Autorinnen und Autoren dar, wie die Auseinandersetzung mit dem Holocaust die Geistes- und Sozialwissenschaften – mit Ausnahme der Geschichtswissenschaft – beeinflusst hat.

Dalia Ofer rekapituliert die Kontroversen und Ergebnisse der Genderforschung. Lange Zeit galt es als Tabu, angesichts der vermeintlich für alle Opfer gleichermaßen katastrophalen Bedrohung im Holocaust die unterschiedliche Situation von Männern und Frauen zu thematisieren. Ofer selbst hat maßgeblich dazu beigetragen, dieses Tabu zu überwinden. Die Genderforschung, so ihre Bilanz, hat Lebensbereiche und Fragestellungen in den Blick genommen, die die herkömmliche Geschichtsschreibung ausgeblendet hatte. Dadurch sind nicht nur die Geschlechterdifferenzen, sondern auch viele Facetten des Alltags während der Verfolgung und nicht zuletzt auch deren soziale und kulturelle Bedingungen deutlicher hervorgetreten. Letztlich hat die Genderforschung somit den Blick auf Verfolgung, Täterschaft, Widerstand und Überleben differenziert.

Was darf thematisiert werden, und wo gebietet es der Respekt gegenüber den Opfern oder die Gefahr der Trivialisierung zu schweigen? Diese Frage erörtert Cathy Gelbin in Bezug auf die filmische Repräsentation des Holocaust, Ana Carden-Coyne in ihren Überlegungen zur Museumspädagogik. Ist eine pädagogisierende Identifikation des Zuschauers mit den Opfern überhaupt möglich, ohne deren Erfahrungen zu banalisieren? Wie lässt sich die Sakralisierung des Leidens ebenso vermeiden wie das Kokettieren mit der Faszination des Grauens? Regisseure wie Museumspädagogen haben auf diese Fragen über Jahrzehnte immer wieder neue Antworten gefunden, die hier im Überblick nachgezeichnet werden. Nach einem jahrelangen Ringen mit den Möglichkeiten einer authentischen Darstellung des Schreckens ist der post-klassische Film inzwischen dazu übergegangen, die Bemühungen um Realitätsnähe zu verwerfen und deutlich zu machen, dass er ein Konstrukt zeigt. So kommt etwa in Roberto Benignis Erfolgsfilm »Das Leben ist schön« das KZ nur als eine Art Theaterkulisse vor. Die Erfahrungen des Opfers sind, so Gelbin, nie mit denjenigen des Zuschauers identisch, aber sie sind emotional und kognitiv nachvollziehbar. Dem Museumsbesucher hingegen erscheinen Fotos häufig noch als authentische Dokumentation und nicht als eine durch die Entstehungsbedingungen geprägte Darstellung, die es entsprechend zu interpretieren gilt.

Zu den ersten Soziologen, die den Holocaust erforscht haben, gehörten auffällig viele, die selbst vor der NS-Diktatur geflohen waren, darunter zahlreiche Vertreter der Frankfurter Schule. Ihre empirisch-wissenschaftlichen Untersuchungen über Vorurteile, das Denken in Stereotypen und den autoritären Charakter reflektierten nicht nur die Judenverfolgung im nationalsozialistischen Deutschland, sondern die Zerstörung der Denkfähigkeit in modernen, technokratischen Gesellschaften. In seinem Beitrag zur Soziologie schlägt Marcel Stoetzler den Bogen von den deutschen Soziologen im US-amerikanischen Exil während des Zweiten Weltkriegs bis zu den Arbeiten von Zygmunt Bauman, Anson Rabinbach und Moishe Postone. Sie alle thematisieren auf jeweils unterschiedliche Art den Zusammenhang zwischen Holocaust und Moderne. Freilich fallen aufgrund des von Stoetzler gewählten Fokus andere wichtige Themen wie etwa Studien zur Soziologie der Lager aus der Betrachtung heraus.

Die Frage nach den gesellschaftlichen Strukturen, die einen Völkermord möglich machen, beschäftigt auch die vergleichende Genozidforschung, deren Debatten Donald Bloxham im vorliegenden Buch umreißt. Die Orientierung am Paradigma des Holocaust birgt für die komparative Forschung jedoch die Gefahr, dass die Begriffe und Fragestellungen, die in Bezug auf den Mord an den europäischen Juden entwickelt wurden, auch auf andere Genozide projiziert werden, ohne deren jeweilige Spezifika hinreichend zu berücksichtigen. Gerade der Genozid an den Juden hat jedoch laut Bloxham deutlich gemacht, dass er nur im Zusammenhang mit anderen Verbrechen wie Deportationen, Zwangsumsiedlungen, Vertreibungen und Massenmorden zu analysieren ist. Der sogenannte »regional turn« in der Genozidforschung, wie ihn in jüngster Zeit prominent Timothy Snyder repräsentiert, stellt den Zusammenhang zwischen dem nationalsozialistischen Konzept einer »Endlösung der Judenfrage« und den inter-ethnischen gewaltsamen Konflikten in den Nachfolgestaaten des Zaren- und des Habsburger Reiches in den Vordergrund. Die Gewalt, mit der Europa im 19. Jahrhundert seine Kolonien überzogen habe, sei, so Bloxham, gegen Ende jenes Jahrhunderts auf den alten Kontinent zurückgeschlagen und habe ihn unter dem Modernisierungsdruck implodieren lassen.

Nathalie Zajde hat gleich zwei Beiträge im vorliegenden Band verfasst: In einem setzt sie sich kritisch mit Bruno Bettelheim auseinander, im anderen mit den Einflüssen des Holocaust auf die Entwicklung der Psychiatrie. Dieser bescheinigt Zajde, einen Sieg auf dem Gebiet der Deutungshoheit und zugleich eine Niederlage auf therapeutischem Gebiet: Zwar werden die am Beispiel der Holocaust-Überlebenden geprägten Definitionen wie »Überlebendensyndrom« und »posttraumatische Belastungsstörung« heute universal auf alle Opfer von Gewaltverbrechen angewandt, doch ist noch nie jemand von einem Überlebendensyndrom auch geheilt worden.

Andere Beiträge des Bandes thematisieren die Diskussionen in der Theologie und auf dem Gebiet der Jüdischen Studien. Einzig der Beitrag von Christopher Forth, der mit »the body« überschrieben ist, passt schon vom Titel her nicht so recht in die Sammlung, da er sich nicht mit einer akademischen Disziplin und deren Reflexion des Holocaust beschäftigt. Vielmehr untersucht Forth, welche Rolle physische Zuschreibungen bei der Wahrnehmung von »Rasse« und Geschlecht spielen.

Der Verlag wirbt damit, dass der Sammelband einen gut lesbaren Überblick über Schlüsselthemen und die wichtigsten theoretischen Entwicklungen auf dem Gebiet der Holocaust Studies biete – und hat damit nicht zu viel versprochen. Trotz der verschiedenen Disziplinen, um die es hier geht, wirkt der Band in der Konzeption kohärent – auch wenn man gern explizit erfahren hätte, warum nun gerade die hier erwähnten Wissenschaftsgebiete beleuchtet und andere nicht berücksichtigt werden. Fast alle Beiträge sind geeignet, Denkanstöße zu geben und Orientierungspunkte auf einem rasch wachsenden Forschungsgebiet zu setzen. Die umfangreichen und inhaltlich gewichtenden Literaturangaben erweitern diese Ausgangsbasis zum Weiterforschen.

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PSJ Metadata
Susanne Heim
J. Dreyfus / D. Langton, Writing the Holocaust (Susanne Heim)
CC-BY-NC-ND 3.0
Neuere Zeitgeschichte (1945-heute), Zeitgeschichte (1918-1945)
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J. Dreyfus / D. Langton, Writing the Holocaust (Susanne Heim)
In: Francia-Recensio 2013/1 | 19./20. Jahrhundert - Histoire contemporaine
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-1/ZG/dreyfus-langton_heim
Veröffentlicht am: 18.03.2013 17:22
Zugriff vom: 23.02.2020 19:58
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