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H. Jacobsen, Luxury and Power (Jörg Ulbert)

Francia-Recensio 2013/2 19./20. Jahrhundert – Histoire contemporaine

Helen Jacobsen, Luxury and Power. The Material World of the Stuart Diplomat, 1660‑1714, Oxford (Oxford University Press) 2011, XV‑286 p. (Oxford Historical Monographs), ISBN 978-0-19-969375-7, GBP 65,00.

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Jörg Ulbert, Lorient

Im Laufe der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stieg die diplomatische Aktivität Englands stetig an. Damit trugen die Stuartkönige der veränderten politischen Lage Europas nach dem Westfälischen Frieden Rechnung. Besaß England bis zum Ende des Dreißigjährigen Kriegs weder Berufsdiplomatie noch ein wirkliches Außenministerium, so bildete es in den folgenden Jahrzehnten ein regelrechtes diplomatisches Korps und eine dazugehörige Zentralverwaltung aus (S. 3-4). Ziel der Arbeit Jacobsens, die am Oxforder New College als Dissertation angenommen wurde, ist es jedoch nicht, die eigentliche politisch-diplomatische Tätigkeit dieser Diplomaten nachzuzeichnen. Es sind ihre Lebensumstände und vor allem ihr materielles Umfeld, die die Autorin interessieren. Des Weiteren gilt ihr Augenmerk der Rolle, die die Diplomaten bei der Verbreitung kontinentaler Moden in England spielten.

Die Arbeit besteht aus zwei großen Teilen. Beide beschäftigen sich im weitesten Sinne mit dem Hausstand englischer Diplomaten zwischen 1660 und 1714. Der erste Teil (»Diplomats overseas«, S. 11-113) ist thematisch geordnet und behandelt in vier Kapiteln verschiedene Elemente des Diplomatenhausstands (Tafelsilber, Möbel, Bilder, Paradekutschen und die Botschafterresidenz), deren Beschaffung sowie deren Anpassung an wechselnde Moden. Im zweiten, chronologisch geordneten Teil (»Strategies of distinction«, S. 117-230) werden fünf englische Gesandte auf ihren Hausstand hin untersucht. Die Autorin interessiert sich hierbei für Konsum als Abbild und Begleiterscheinung des sozialen Aufstiegs sowie als unterstützendes Mittel zum Aufbau eines sozialen Netzwerks.

Wie die Person des Diplomaten selbst diente auch die Ausstattung seiner Residenz der Außendarstellung und dem Prestige des ihn entsendenden Monarchen. Dementsprechend groß war die Sorge um die Qualität seiner Ausstattung. So stellte die englische Krone ihren Außenvertretern traditionell Tafelsilber (S. 13-22) und repräsentatives Mobiliar, etwa türkische Teppiche oder einen Staatsstuhl (S. 23, eine Abbildung eines solchen Staatsstuhls s. S. 25) aus einem speziellen Fundus zur Verfügung. Andere Ausstattungsteile wurden von den Diplomaten selbst erworben. So gab jeder Botschafter oder Gesandte das für seine Residenz obligatorische Herrscherporträt (S. 27-29) selbst in Auftrag. Auch ihre Prunkkutsche (S. 29-36, 141) mussten die Diplomaten in aller Regel vor Ort und vor allem auf eigene Kosten anfertigen lassen. Dieses unerlässliche Statussymbol wurde nur ein einziges Mal genutzt, nämlich beim offiziellen Einzug in die Gasthauptstadt, und dann umgearbeitet und weiterverkauft (S. 32).

Mit fortschreitendem 17. Jahrhundert begannen die englischen Diplomaten immer mehr auf die von der Regierung zur Verfügung gestellten Einrichtungsgegenstände zu verzichten, um anstatt dessen Möbel ihres eigenen Geschmacks zu kaufen. Großen Einfluss auf diese Anschaffungen hatten die Diplomatenfrauen (S. 56-58), deren Rolle umso wichtiger wurde, als sich das Hofzeremoniell, vor allem in Frankreich, zu einer eigenen Kunstform entwickelte (»evolved into an art-form«, S. 58). Im 17. Jahrhundert wurden die englischen Diplomaten noch nicht dazu angehalten, ihre Residenzen mit heimischer Produktion auszustatten und damit englisches Kunsthandwerk zu bewerben (S. 52). So kauften sie vornehmlich Möbel und Kunstgegenstände aus französischer Produktion, die vom englischen Adel allgemein als überlegen angesehen wurden (S. 53).

Eine zusätzliche Qualität bekamen diese Anschaffungen, wenn die Diplomaten wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Dort traf der im Ausland gekaufte Hausstand auf ein breites Publikum und trug dazu bei, kontinentale und in betreffender Zeit vor allem französische Moden (»french taste has become aristocratic taste«, S. 113) auf den Britischen Inseln zu verbreiten (Beispiele dafür u. a.: S. 71, 73, 133, 182). Französische Produkte oder solche, die ihnen nachempfunden waren, beherrschten bis 1700 (S. 110, 133, 158) den englischen Mode- und Einrichtungsmarkt (S. 104) und das obwohl beide Länder in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wiederholt gegeneinander Krieg führten (S. 104). Denn französische Waren zu kaufen hieß nicht, sich mit der Politik Ludwigs XIV. einverstanden zu erklären (S. 166). Die französische Modehegemonie kam erst nach der Jahrhundertwende langsam ins Wanken (S. 111). Um 1730 hatten dann italienische Waren den französischen den Rang abgelaufen (S. 173).

So boten Diplomaten den Daheimgebliebenen immer die Möglichkeit, sich über die Entwicklung der Moden auf dem Kontinent zu informieren (S. 110), konnten aber auch zu regelrechten Kunstimporteuren werden, die die Bestellungen des englischen Adels und gar des Königs selbst bedienten (S. 87, 91-92, 112, 122, 176). So hatten Diplomaten neben ihren politischen im Zuge des ab 1650 wachsenden Modediktats (S. 231) zunehmend auch kulturelle Aufgaben (S. 112). Englische Diplomaten auf dem Kontinent agierten aber auch als Anwerber für Künstler und Kunsthandwerker (S. 233). Um den Erfolg oder das Scheitern einer diplomatischen Mission zu beurteilen, dürfen also nicht nur die politischen Verhandlungsergebnisse, sondern müssen auch ihre kulturellen Aspekte in Betracht gezogen werden (S. 112).

Die Diplomaten selbst verfolgten bei der Anschaffung von Luxusgütern vielschichtige Ziele. Zum einen dienten diese der britischen Außendarstellung. Vor allem gegenüber den Franzosen, denen Engländer gemeinhin als ärmlich galten (S. 141), wollten sie ihren Herrscher möglichst glanzvoll vertreten. Zum anderen waren Luxusgüter natürlich auch Statussymbole (S. 112), die eine Funktion innerhalb der englischen Gesellschaft erfüllten. Sie verschafften ihrem Besitzer Auffälligkeit sowie Bewunderung und halfen ihm, seine sozialen Netzwerke zu verdichten, was wiederum seiner Karriere Vorschub leistete (S. 209, 233-234).

Diese kulturelle Dimension der frühneuzeitlichen Diplomatie ist erst in jüngster Zeit in den Fokus der Forschung geraten. Es ist vor allem Kunsthistorikern dafür zu danken, dass sie sich dieser Frage angenommen haben 1 . Jacobsens Buch fügt sich nahtlos in diese Reihe ein. Auch ihre Arbeit bringt eine Fülle neuer Erkenntnisse. Dazu ist die Studie sauber gearbeitet, schnörkellos geschrieben und kommt ohne überflüssiges Theoretisieren aus. Dem Buch ist breite Publizität und der Herangehensweise Nachahmung zu wünschen.

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PSJ Metadata
Jörg Ulbert
H. Jacobsen, Luxury and Power (Jörg Ulbert)
CC-BY-NC-ND 3.0
Frühe Neuzeit (1500-1789)
Algerien
Sozial- und Kulturgeschichte
17. Jh.
4014770-8 4012401-0 4138354-0 4074442-5 4051157-1
1660-1717
England (4014770-8), Diplomat (4012401-0), Lebensstil (4138354-0), Mäzenatentum (4074442-5), Sachkultur (4051157-1)
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H. Jacobsen, Luxury and Power (Jörg Ulbert)
In: Francia-Recensio 2013/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/FN/jacobsen_ulbert
Veröffentlicht am: 21.06.2013 11:00
Zugriff vom: 27.01.2020 00:41
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