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    M. Jones-Davies, Le plaisir au temps de la Renaissance (Anne Begenat-Neuschäfer)

    Francia-Recensio 2013/2 Frühe Neuzeit – Revolution – Empire (1500–1815)

    Marie-Thérèse Jones-Davies (dir.), Le plaisir au temps de la Renaissance, Turnhout (Brepols) 2010, 192 p. (Publications de la SIRIR, 1), ISBN 978-2-503-53247-9, EUR 60,00.

    rezensiert von/compte rendu rédigé par

    Anne Begenat-Neuschäfer, Aachen

    Die Initiative zu diesem schmalen Band geht noch auf die 2006 verstorbene Renaissance-Forscherin und Shakespeare-Spezialistin Marie-Thérèse Jones-Davies zurück, die 1966 als erste Professorin für Englisch an die Sorbonne berufen worden war und damit ein männliches Privileg durchbrach.

    Die erst mit der Romantik zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende Shakespeare-Rezeption in Frankreich verlief in Sprüngen und fragmentarisch. Ein Grund dafür waren die verspäteten Übersetzungen ins Französische, die niemals als spielbar für die Bühne angenommen wurden. So galt beispielsweise François Victor Hugos Übertragung als zu literarisch. Die Aufführungspraxis ungekürzter Shakespeare-Texte setzte erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein, 1904 mit André Antoines Inszenierung von »King Lear«, in der er selbst die Titelrolle spielte. Die zögerlichen Anfänge der Shakespeare-Rezeption in Frankreich machten sichtbar, wie sehr Marie-Thérèse Jones-Davies als Mitbegründerin der Société française ShakespeareNeuland betrat und wie originell ihre Perspektive einer vergleichenden Analyse mit der Einbettung in europäische Kontexte der Renaissance war. In diesen Zusammenhang gehört auch die Gründung der S.I.R.I.R., der Société internationale de recherches interdisciplinaires sur la Renaissance, welche die Reihe, in der die vorliegende Publikation erschienen ist, verantwortet. Marie-Thérèse Jones-Davies gehört zur gleichen Generation der Shakespeare-Forscher wie Jean Fuzier und Henri Fluchère, deren Arbeiten zu den historical plays Ariane Mnouchkine für ihre Shakespeare-Trilogie genutzt hatte. Es ist die Generation, zu der auch der kürzlich verstorbene Jean-Claude Margolin zählte, die noch von Occupation , Résistance und Libération geprägt war. Margolin wiederum ist im vorliegenden Band mit einem Beitrag zu Erasmus, »Épicure, l’épicurisme et la philosophie du plaisir d’après l’›Epicureus‹ d’Érasme«, vertreten.

    Der schillernde Begriff des plaisir , dessen französisches Wortfeld schier unübersetzbar durch einen einzigenTerminus ins Deutsche erscheint, setzt den thematischen Rahmen des Bandes, der sich überwiegend der englischen Literatur der elisabethanischen Epoche zuwendet.

    In ihrem knappen, sehr dichten avant-propos fokussiert Marie-Thérèse Jones-Davies die thematische Ausrichtung auf die Gegensätzlichkeit zwischen » faux et vrai plaisir « : » Depuis le commentaire du Philèbe par Marsile Ficin, le vrai ou le faux plaisir sont au c œ ur de la réflexion au XVI e siècle. La banalisation du concept de faux plaisir ne doit pas masquer son caractère paradoxal. D’origine platonicienne, et relié à la conception platonicienne du phantasma , comme simple effet de ressemblance, le faux plaisir est défini dans le Philèbe à la fois comme un plaisir du simulacre et comme un simulacre du plaisir . Christianisé et fortement condamné par Ficin, qui fait du vrai plaisir un medium entre ce monde et l’autre, le faux plaisir se trouve assimilé dans le pétrarquisme fran ç ais au songe érotique accompagné de jouissance et sa revalorisation chez Ronsard est étroitement lié à une redéfinition délibérément transgressive des valeurs esthétiques « (S. 7).

    Zwei Beiträge beschäftigen sich mit der französischen Literatur der Renaissance: Sylviane Bokdam, die Kennerin des Werkes von Pontus de Tyard, schreibt über den erotischen Traum beim späten Ronsard, »Le songe érotique, vrai ou faux plaisir: du commentaire ficinien du ›Philèbe‹ aux ›Sonnets pour Hélène‹«. Sie öffnet noch einmal den Blick auf die Rezeption des florentinischen Neuplatonismus durch den Dichterfürsten der Pléiade und zeigt damit die Nähe zum Austausch mit Italien wie auch die Mitte des 16. Jahrhunderts einsetzende französische Abgrenzung im Sinne der aemulatio .

    Der Spezialist naturwissenschaftlicher Renaissance-Themen, Jean Céard, stellt in seinem Beitrag Montaigne in den Mittelpunkt: »›Le plaisir est des principales espèces du profit‹: Montaigne et le plaisir«. Er weist in einer eng am Text geführten Darlegung Montaignes Grundhaltung nach: »Que philosopher, c’est apprendre à mourir« (S. 143). Von dieser Grundhaltung her lässt sich Montaignes Ordnung des plaisir nachvollziehen, die ihm den Einklang mit der Tugend gestattet: »Les plaisirs se distinguent par leur plus ou moins grande intensité; mais ce n’est pas cela seulement qui les distingue: c’est aussi leur adéquation, leur convenance; au mariage convient un plaisir qui n’est pas celui qui se tire de ›l’accointance des femmes‹. C’est par cette convenance que les plaisirs s’accordent avec la vertu. Modérer les plaisirs, ce n’est pas tant en modérer l’intensité que la mesurer en fonction de la totalité d’un règlement de vie « (S. 150).

    Jean-Claude Margolin setzt sich mit der unterschiedlichen, bisweilen gegensätzlichen Rezeption von Epikurs Philosophie auseinander, bevor er zu dem Schluss kommt, »l’épicurisme est assurément la plus décriée [école philosophique] (et partant, la moins influente) tout au long du Moyen Âge, et même à la Renaissance« (S. 125). Gewiss hängt dies mit der epikuräischen Auffassung des plaisir zusammen, die im christlichen Europa des Mittelalters und der Renaissance auf Ablehnung stieß: »Non pas tant le plaisir en lui-même, mais l’identification du plaisir avec le bonheur, et, pire encore, avec le souverain bien« (S. 127). In diesem Kontext publiziert Erasmus 1533 »Epicureus« als letztes Gespräch der »Colloquia«, in dem er Epikur mit Christus gleichsetzt. Margolin vollzieht das erasmische Streitgespräch vor und mit dem Leser nach und kommt zu dem Schluss: » La complexité du débat (mais ce n’est pas une découverte d’Érasme) tient au fait que la définition du plaisir [...] est particulièrement imprécise. Qu’il ait sa source dans le besoin, nos deux interlocuteurs érasmiens en conviennent comme Platon, Aristote, Épicure, et même comme tout être humain conscient de ce qu’il éprouve [...]. Mais s’il existe des besoins nécessaires [...], les limites assignées à cette nécessité sont extrêmement lâches [...] en dehors de cas précis et limités, la nécessité naturelle n’est pas susceptible de recevoir une définition universelle« (S. 135). Es vollzieht sich eine Verlagerung in der Empfindung des Genusses, des Angenehmen: »Ainsi le plaisir n’est pas une sensation, comme celle de la vue, de l’ouïe ou du toucher, bien qu’il naisse généralement à partir d’une expérience sensorielle. Mais le passage du sensoriel au sensuel, et du sensuel à l’agréable, implique l’intervention de l’esprit« (S. 136).

    In keiner Komödie hat Shakespeare anschaulicher, faszinierender und naheliegender diese Übergänge dargestellt als in »A Midsummer Night’s dream«. Die Überbrückung der Gegensätze hat, wenn man die Aufführungsgeschichte dieser Komödie in Frankreich betrachtet, zu den unterschiedlichsten Deutungen Anlass gegeben: Auch hier war vielleicht Ariane Mnouchkine aufgrund ihrer Zweisprachigkeit und Bikulturalität Shakespeares Vorstellungen sehr nahe gekommen, als sie 1968 im Cirque Medrano »Le Songe d’une nuit d’été« mit der Tänzerin und Choreographin Ursula Kubler in der Rolle der Titania aufführte.

    Im vorliegenden Sammelband werden gegensätzliche Auffassungen des plaisir in der Renaissance miteinander konfrontiert und auf unterschiedliche Rezeptionslinien antiker Autoren bezogen. Es ist ein erster großer Schritt zu einer vergleichenden Betrachtung der Schlüsselthemen der Renaissance. Man hätte sich gewünscht, dass hier, nicht nur der Vollständigkeit halber, auch die deutsche Seite, Humanismus und Reformation, Ulrich von Hutten und die protestantische Auffassung des plaisir , beispielsweise bei Martin Luther, präsent gewesen wären, aus der sich noch andere Verästelungen zwischen Italien, England und Frankreich hätten erschließen lassen. Dies wird gewiss künftigen Arbeiten vorbehalten bleiben, für die der vorliegende Band eine hervorragende Basis bildet. Ein Namensregister beschließt das Buch. Insgesamt ein lesenswerter und anregender Einblick in die gegenwärtige Werkstatt der Renaissance-Forschung.

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    PSJ Metadata
    Anne Begenat-Neuschäfer
    M. Jones-Davies, Le plaisir au temps de la Renaissance (Anne Begenat-Neuschäfer)
    CC-BY-NC-ND 3.0
    Frühe Neuzeit (1500-1789)
    Europa
    Ideen- und Geistesgeschichte, Sozial- und Kulturgeschichte
    15. Jh., 16. Jh.
    4015701-5 4049450-0 4187747-0
    1400-1600
    Europa (4015701-5), Renaissance (4049450-0), Vergnügen (4187747-0)
    PDF document jones-davies_begenat-neuschaefer.doc.pdf — PDF document, 112 KB
    M. Jones-Davies, Le plaisir au temps de la Renaissance (Anne Begenat-Neuschäfer)
    In: Francia-Recensio 2013/2 | Frühe Neuzeit - Revolution - Empire (1500-1815)
    URL: https://prae.perspectivia.net/publikationen/francia/francia-recensio/2013-2/FN/jones-davies_begenat-neuschaefer
    Veröffentlicht am: 21.06.2013 11:00
    Zugriff vom: 23.02.2020 05:38
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